KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2012
Thomas Hertel
Romantisierend rennen in Rom
Sport und Kunst - Grenzüberschreitungen 2012
PDF des Textes hier anklicken: Thomas Hertel Romantisierend rennen in Rom

Bei einem Langstreckenlauf bieten sich naturgemäß lange Zeiträume zum Nachdenken. Da das Limit zum Rom-Marathon sogar sieben Stunden beträgt, darf man sich Zeit lassen. Wer also relativ beschaulich an den Sehenswürdigkeiten vorbei traben und die Gedanken schweifen lassen will, findet hier ideale Bedingungen. Natürlich rennen viele Athleten so schnell wie möglich. Sie kämpfen gegen Kontrahenten und wollen Bestzeiten erzielen. Anderen geht es um einen schönen Lauf und um eine gute Zeit. Für manche mag es sogar ein kulturtouristischer Schnelldurchlauf durch die sagenumwobene Stadt sein. Man sieht beim Start und Ziel nicht nur das Kolosseum[1], sondern unterwegs den Petersdom, das Teatro Marcello, die Scalinata di Trinità dei Monti und vieles andere mehr. Wenn so viele Kulturgüter am Wegesrand die Kulisse bilden, liegt es nahe, dass auch kunsttheoretische Fragen ins Bewusstsein steigen. Schon nach wenigen Kilometern war dies der Fall. Mir kam beim Anblick der Porta an Paolo ein Essay in den Sinn, den Wolfgang Welsch vor einigen Jahren veröffentlicht hat[2]. In mehreren Schritten untersuchte Welsch darin die ästhetischen Aspekte des Sports und er gelangte sogar zur Auffassung, dass viel dafür spricht, die Formel: Sport = Kunst (in bestimmter Hinsicht) als zutreffend gelten zu lassen. Mir scheint, dass Welsch mit dieser Argumentationsübung eigentlich vorführen wollte, wie man die rhetorischen Ratschläge des Aristoteles beherzigt und beispielsweise den Schluss-Satz (bzw. das Hauptanliegen) lange verschleiert. Erst am Ende des Textes enthüllte er nämlich sein Plädoyer für eine Rückbesinnung auf anspruchsvolle, experimentelle Erkundungen in dem eigentümlichen und außergewöhnlichen Spezialgebiet der Kunst.[3] Dennoch trägt Welsch einige bemerkenswerte Argumente vor, die darauf hinauslaufen, im Sport nicht nur ein Phänomen zu sehen, dessen ästhetische Qualitäten (kulturtheoretische) Beachtung verdienen. Auch für die Kunsttheorie bietet sich Sport als Untersuchungsgegenstand an. Insbesondere im Hinblick auf (post)moderne Konzepte von Kunst lassen sich Merkmale finden, die gleichermaßen beim Sport anzutreffen sind. Allerdings hängt viel von der jeweiligen Perspektive ab, die solchen Betrachtungen die Richtung gibt. Welsch gelangte als Philosoph von der Tribüne aus zu seinen Einsichten. Er kämpfte dabei nicht wie die „Athleten um Ruhm und Ehre“, er zielte auch nicht „durch Kauf und Verkauf auf Gewinn und Profit“, sondern betrachtete aus „ruhiger Distanz was geschieht und wie es geschieht“ [4]. Und Welsch konzentrierte sich dabei auf den Spitzensport bzw. Hochleistungssport. Für meine Beobachtungen und Reflexionen ist eine andere Optik bestimmend. Ich laufe im Feld der vielen Freizeitsportler. Genauer gesagt: wir laufen - denn es ist (wie immer, wenn Verletzungen oder Erkältungen dies nicht verhindern) ein Paarlauf gemeinsam mit Silvi. Wir befinden uns quasi mitten im Schwarm. Nach Ruhm und Ehre streben die uns umgebenden Läufer kaum. Auch Preisgelder wollen sie nicht gewinnen (vielleicht vereinzelt eine Wette). Unsere Erfahrungen stammen also aus der Teilnehmerperspektive und sind durch subjektive Eigenwilligkeiten geprägt. Hedonismus ist wohl bei den meisten die dominierende Komponente. Ihnen geht es um den „Cocktail neuroplastischer Botenstoffe“[5]. Früher sagte man: wenn der >tote Punkt< überwunden ist, wird das Laufen leicht. Heutzutage erklären die Neurowissenschaftler, dass es an den „körpereigenen Drogen“ [6] liegt: „Die bekanntesten dieser neuroplastischen Botenstoffe heißen Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin, aber auch Peptide wie Endorphine und Enkephaline gehören dazu.“[7]

 Willkommensgruß
Willkommensgruß

Massenauflauf
Massenauflauf

Wenn man mit Nikolaas Tinbergen[8] die proximaten und ultimaten Ursachen von sportlichem Laufverhalten ergründen wollte, müsste man mehreren Fragen intensiv nachgehen. Die biochemischen, neuroethologischen, psychischen und sozialen Verursachungen von sportlichen Leistungen liegen auf einer anderen Ebene als die ontogenetischen Ereignisse, die Einfluss auf eine sportliche Lebensweise hatten. Wiederum begibt man sich auf ein neues Untersuchungsfeld, wenn nach dem Nutzen oder dem „Anpassungswert“ gefragt wird. Ist Sport gut für die Gesundheit? Wolfgang Welsch verweist auf die 15 Knieoperationen des mehrfachen Ski-Weltmeisters Marc Girardelli[9] und zitiert Brechts Befund, dass herausragender Sport erst anfängt, wenn er schon längst aufgehört hat, gesund zu sein[10]. Sicherlich belastet schon ein unspektakulärer Amateur-Marathon Kreislauf, Knochen und Gelenke in extremer oder gar ungesunder Weise. Doch das vorhergehende Training dürfte sich günstig auf die Gesundheit auswirken. Die Mediziner geben zwar unterschiedliche Einschätzungen, aber vielleicht sollte man sich einfach an den Schriftsteller Eugen Ruge halten, der literarisch durchblicken lässt, dass Laufen sogar heilsam sein kann[11]. In Bezug auf ultimate Aspekte finden sich bei Josef H. Reichholf einige Aufschlüsse[12]. Der Dauerlauf scheint irgendwie eine artgerechte Betätigung zu sein. Doch solche Fragen lassen sich nicht laufend erschöpfend beantworten. Die Konzentration wird immer wieder zu sehr gestört. Unterwegs gibt es zahlreiche Ablenkungen. Am Kilometer 15 lässt sich die Engelsburg (Castel Sant Angelo) bewundern. Anschließend läuft man bei Glockenschlägen auf den Petersdom zu und biegt nach rechts ab. Die Läufer geraten ins Visier der vielen Touristen. Marathon bietet immer wieder intensive Gemeinschaftserlebnisse. Zumindest zwischen den Amateur-Läufern herrscht herzliche Solidarität. Besonders beim Paarlauf wird das Bindungssystem stark aktiviert. Das heißt: „Im Gehirn gibt es […] ein so genanntes Bindungssystem, das mit besonderen Botenstoffen arbeitet, den so genannten Bindungshormonen Oxytocin und Vasopressin. Und es gibt dort ein so genanntes Neugier-und Antriebssystem, das als Botenstoffe vor allem Katecholamine ausschüttet.“[13] Wir spüren tatsächlich die Wirkung von solchen Ausschüttungen. Gegen 11 Uhr erlangt die März-Sonne fast sommerliche Stärke und der Schweiß läuft. Die Sinne werden jedoch nicht mehr so sehr durch olfaktorische Reize belästigt wie vor dem Start. Dort waren im Gedränge sowohl Körperausdünstungen als auch medizinische Salben nicht zu ignorieren[14]. Selbst moderne Funktionskleidung kann offenbar den Geruch nicht bändigen. Der Schweiß gehört nun mal zum Laufen -und man könnte das Sprichwort entsprechend modifzieren: >Ohne Schweiß, kein Preis<. Wie wichtig diese Flüssigkeit ist, hat Reinholf herausgestellt:

„Millionen und Abermillionen von Schweißdrüsen sorgen dafür, dass im Zusammenwirken mit feinst verzweigten Blutgefäßen, die bis knapp unter die Oberfläche der Haut reichen, fast jede Überhitzung des Körpers unweigerlich effizient weggekühlt wird – unvergleichlich in Bezug auf Angehörige der >Haustiere<, der Säugetiere. Nur die Vögel sind mit ihrem Lungen-Luftsack-System erheblich besser ausgerüstet und können darauf verzichten, unter ihren Federn zu schwitzen. Unter den landlebenden Säugetieren hingegen bilden wir eine Einmaligkeit mit unserer Koppelung von Luft- und Wasserkühlung. Sie ist der (physiologische) Grund für die so wunderbare Leistungsfähigkeit unserer Athleten, die für ihre Leistungen sehr viel Schweiß lassen (müssen). Ohne unser Schwitzen wäre ein Marathonlauf undurchführbar. Nach vergleichsweise kurzen Strecken hätte sich der Körper hoffnungslos überhitzt wie ein heißlaufender Motor, bei dem die Kühlung ausgefallen ist.“ [15]

Beim Rom-Marathon dürfen sich die Athleten übrigens noch über einen anderen besonders guten Hydraulik-Erfrischungsservice freuen: es gibt an den Verpflegungsstationen handliche Wasserflaschen. Man muss nicht hastig einen Becher leeren, sondern kann die Getränkeflaschen mitnehmen und erst dann trinken, wenn Bedarf besteht. Wasser ist ja der Vorläufer von Schweiß, deshalb liegt es nahe, dieser Flüssigkeit ein wenig nachzusinnen. Doch wie kann es gelingen, im Rennen auch nur das Proprium des Wassers richtig zu bestimmen? Für uns ist es momentan ganz banal: H2O macht froh. Aber bereits aus menschlicher Perspektive differiert Wasser stark. Für den Wasserscheuen ist es furchterregend; Wüstenwanderer (oder Marathonläufer) lechzen danach. Der japanische Patriarch des Buddhismus Dogen (1200 bis 1253) betrachtete Wasser gar aus der Perspektive der Menschen, der Götter, der Fische … - und versuchte gar „ein Studium des Wassers, das durch Wasser gesehen wird“[16]. Schließlich gelangte er dahin, dieses Element als „Seinsweise der ursprünglichen Natur“ aufzufassen. „Wasser ist nur Wasser, vollkommen losgelöst“[17] -heißt es bei ihm. „Das bedeutet: Was Wasser eigentlich ist, ist durch keine seiner Erscheinungsformen determiniert, Wasser ist in ihnen allen stets, was es ursprünglich (als >wahres und ursprüngliches Wasser<[...]) ist: Manifestation der ursprünglichen Natur.“[18]

Doch solche Meditationen gelingen laufend wohl kaum. Auch würde ein Peripatetiker, der nicht gemächlich schreitet, sondern andauernd rennt, wohl schwerlich zu Evidenzerlebnissen[19] kommen. Und selbst die ‚einfache’ Logik der Analytischen Philosophie überfordert einen Langläufer. Es steigen bei ihm bestenfalls flüchtig ein paar fixe Ideen auf. Solche mentalen Partikel sind hier protokolliert. Dazu gehört das „göttliche“ Glitzern der Wasseroberfläche des Tibers, das wir beim Überqueren der Ponte Marconi wahrnehmen. Raffinierte Erwägungen von Hilary Putnam (und weiteren Wortführen der Analytischen Philosophie)[20] über den H2O-Anteil von Flüssigkeiten, die wir als Wasser oder als „Sprite“ oder anders bezeichnen, faszinieren aktive Sportler nur wenig. Läufer sind vielmehr praktisch orientiert; sie greifen nach Schwämmen und Behältern, wenden Wasser innerlich und äußerlich an, lassen es fließen. Nicht erst beim berüchtigten Kilometer 35, sondern schon nach 27 Kilometern meldet sich bei Silvi das „Protoselbst“[21] mit der Warnung, dass die Anstrengungen das normale Maß übersteigen. Auch bei mir registrieren neuronale Areale Schmerzen im Knie. Das wache Selbstbewusstsein müsste jetzt zur Einsicht gelangen, dass es unvernünftig ist, weiterzulaufen. Aber dem Durchhaltewillen gelingt es, solche vernünftigen Erwägungen auszuschalten. Zur Ablenkung von Körper-internen Schmerzmeldungen (darin war Nietzsche ein Meister) wende ich mich wieder der heutigen Gretchenfrage zu: Ist Sport = Kunst? Systematisch und vollständig kann ich die Thesen von Welsch natürlich nicht durchgehen, aber einige fallen mir ein. Da wäre zunächst die Zerfaserung, das Ausfransen („fraying“22) oder die Tendenz, Grenzen zwischen den Gattungen und zwischen Kunst und Alltag zu neutralisieren. Hierzu passt vielleicht die Begegnung zwischen Lauf, Tanz und Musik. Man kann beobachten, dass der Laufstil von denjenigen Athleten, die Musik hören, sich zuweilen zum Tänzerischen hinbewegt. Das Laufen lässt sich offenbar auch mit anderen anerkannten Kunstgattungen gut kombinieren. Am Wegrand spielen in Rom z.B. mehrere Kapellen, Blasorchester und eine Rockband. Auch Trommler und Tanzgruppen entbieten ihren Gruß. Viele Läufer schätzen außerdem den Musikgenuss per Kopfhörer. Die unterschiedliche Rezeption im Vergleich mit dem still sitzenden Konzertbesucher, dürfte auch im ästhetischen Erleben Konsequenzen haben. Man fragt sich, welche Musik die Athleten auswählen, um ihren Lauf leichter zu machen. Testläufer in London bevorzugten angeblich Titel wie „Mercy“ von Duffy oder „Dancing Queen“ von Abba oder „The Heat is on“ von Glenn Frey oder „Don’t stop me now“ von Queen. „Auch Songs von Madonna und den Red Hot Chili Peppers sollen die Motivation erhöht haben.“[23] Ich kann mir gut vorstellen, dass sich in Rom manche Läufer auch an klassischer Musik erfreuten. Helge Knigge vom Institut für Bewegungs-und Neurowissenschaft an der Deutschen Sporthochschule Köln betont, dass es auf individuell zugeschnittene Musikprogramme ankommt.

„Für die einen waren meditative Themen sehr geeignet, um das Laufen leichter zu machen; für die anderen waren es hochrhythmische Stücke.“[24] Es ist jedoch übertrieben, wenn man daher gleich von „Musikdoping“ spricht.[25] Jedenfalls vermischen sich musikalische Töne beim Laufen mit Atmung und Bewegung. Verhaltensgrenzen werden durchlässig. Allerdings bin ich nun unversehens schon zu einem anderen Aspekt abgedriftet, nämlich zur Durchdringung der Kunst mit dem Leben („striving for interpenetration with life“[26]). Das hat in Rom antike Wurzeln[27] und ist bei unserem Wettkampf unverkennbar. Der Rom-Marathon ist im wahrsten Sinne des Wortes ein schöner Lauf. Also darf man vielleicht ganz naiv einem Kunstverständnis anhängen, dessen Kernkomponente die ästhetische Kategorie der Schönheit darstellt. Freilich gibt es verschiedene Typen von Schönheit. Welsch hat drei maßgebliche Typen hervorgehoben: Typ A ist die Schönheit von Körpern und Landschaften, Typ B betrifft die Schönheit von symmetrischen Formen bzw. von selbstähnlichen Mustern und Typ C ist als atemberaubende Schönheit exemplarisch bei großartigen Kunstwerken anzutreffen[28]. Die neurobiologischen Besonderheiten dieser drei Typen werden folgendermaßen skizziert:

„Wenn wir einen Körper oder eine Landschaft als schön empfinden, so beruht dies auf der hochgradig lokal beschränkten Aktivierung eines bestimmten neuronalen Musters. Wenn wir hingegen Formen der Selbstähnlichkeit als schön erleben, so erfolgt dabei eine weiterreichende Aktivierung des Cortex infolge der Resonanz angrenzender Cortexbereiche. Die Erfahrung großer, atemberaubender Schönheit schließlich beruht auf einer integralen Aktivierung unserer gesamten aisthetischen und kognitiven Architektur. Nun gilt freilich für jeden dieser drei Typen, daß Schönheit eigentlich brain-happiness ist.“[29]

Demnach lautet die Prüf-Frage: Kann es beim Sport (z. B. beim Marathonlauf) Erlebnisse bei den Athleten und/oder beim Publikum geben, die mit >brain-happiness< vom Schönheitstyp C verbunden sind? Das Publikum konnten wir in Rom nicht befragen; auch nicht andere Läufer. Also müssen wir von unseren eigenen Erfahrungen ausgehen. Unsere Antwort lautet: Ja, es gab so eine Art „Eudaimonia“ (mit der auf Aristoteles zurückgehenden Semantik[30]). Eine weitere Welsch-These besagt, dass beim Sport ein Drama ohne Textvorlage („drama without script“ geboten wird. Das trifft ebenfalls auf den Rom-Marathon zu. Nirgends stand vorab geschrieben, dass der siegreiche Held im Jahr 2012 den Namen Luka Kanda trägt und aus Kenia kommt. Auch bei den Frauen gewann mit Hellen Kimutai eine Kenianerin. Allerdings wäre bei diesen Athleten Kunst mehr im Sinne von technê zu verstehen – mit einer Akzentuierung auf Handwerk oder genauer: Fußwerk, denn ihr Laufen ist anwendungsorientiert und sie erzielen damit auch monetäre Einkünfte zum Lebensunterhalt. Für das Drama beim Kampf um den Sieg gibt es natürlich keine Textvorlage. Aber es gibt eine Entsprechung zu Theaterproben: das Training. Und in bestimmter Hinsicht gibt es beim Rom-Marathon sogar eine dramatische Vorlage, die nachgeahmt wird: Bei der Olympiade im Jahr 1960 gewann in Rom ein Außenseiter. Der Äthiopier Abebe Bikila war eigentlich Ersatzmann. Dann brach sich sein Landsmann Wami Biratu das Sprunggelenk. Bikila musste einspringen. Da sich keine passenden Laufschuhe fanden, lief er barfuß und kam sogar als Sieger über die Ziellinie[31]. Im Jahr 2010 gewann Siraj Gena den Rom-Marathon[32]. Im ehrenden Angedenken an Bikila lief er die letzten 500 Meter barfuß[33]. Das wiederholte im vergangenen Jahr die Äthiopierin Firehiwot Dado Tufa, die bei den Frauen siegte. Seither imitieren auch viele nichtäthiopische Läufer diese Geste. Sie ziehen auf dem letzten Kilometer die Schuhe aus und sie spüren dann an den Sohlen die angenehm geschmeidige Oberfläche der antiken Pflastersteine. Auch ohne Text sind beim Sport also symbolträchtige Inszenierungen möglich. Das betrifft ebenso die Erkundungen der eigenen Leistungsgrenzen, die viele Läufer vollführen und mit Mimik, Gesten, Körperhaltung usw. für andere sichtbar machen. Empathie kommt auf und die Spiegelneuronen werden stimuliert.[34] Diese Performance stellt quasi das Werk dar („sport’s oeuvre: the performance“[35]) und Publikum wie Mitläufer sind fasziniert von diesem Event. Dass bei Sportveranstaltungen Zufall im Spiel ist und quasi eine Feier der Kontingenz („Celebration of contingency“[36]) stattfindet, ist beinahe selbstverständlich. Wenn der Zufall es will, bekommt selbst ein optimal trainierter Läufer einen Krampf und er muss ausscheiden. Wer Pech hat, stolpert oder tritt (bei unebenem Straßenpflaster) falsch auf und der Lauf muss abgebrochen werden . Es gibt natürlich auch glückliche Zufälle. Zum Beispiel sandte uns Petrus mehrmals just in dem Moment, da wir es dringend nötig hatten, einen erfrischenden Windzug oder eine schattenspendende Wolke. Doch in möchte noch ein spezielles kontingentes Ereignis anführen, das den Kunstcharakter auf andere Art sicherte. Zufällig drehte gerade bei unserem Lauf der Produzent und Regisseur Jon Dunham den Dokumentarfilm: >Spirit of the Marathon II<[37]. Daher dürfte unstrittig sein, dass zumindest all jene Athleten, die von der Kamera eingefangen wurden und später im Film vorkommen, ein Bestandteil dieses filmischen Kunstwerks sein werden[38]. Ein weiterer Indikator für das Vorkommen von Kunst ist (wie Welsch in einer Fußnote ausführt[39]) der Kitsch als deren Schatten. Die kollateralen Folge- oder Begleiterscheinung von künstlerischen Werken können als Testfall und Vergleichsfolie dienen. Wenn beim Rom-Marathon Läufer in Kostümen die Strecke bewältigen, würde ich dies noch nicht mit dem Verdikt Kitsch belegen, sondern als karnevalistische Komponente deuten. Wenn jedoch Schenkel und Arme dick mit den Lettern USA beschriftet sind und auf dem Rücken ein unscharfer Farb-Foto-Ausdruck angeheftet ist, der ein niedliches Kleinkind erkennen lässt, wäre diese Manifestation von National- und Mutterstolz schon arg kitschverdächtig. Oder handelt es sich etwa hierbei um das Kunst-Genre der „Trash-Art“? Man muss nicht ausschließlich das Prüfraster von Wolfgang Welsch anlegen. Es besteht auch die Möglichkeit, den Katalog der Funktionshypothesen von Winfried Menninghaus durchzugehen. In seinem Buch „Wozu Kunst?“ nennt Menninghaus Effekte, die durch Kunst hervorgerufen werden können:

"Unter Abstraktion von den vielen Einschränkungen und Differenzierungen, mit denen die oben gegebenen Kooptationsanalysen verbunden waren, ergibt sich aus ihnen der folgende Katalog potenziell förderlicher Kunstwirkungen:
- Beförderung des allgemeinen Wohlbefindens durch selbstbelohnende, inhärent lustvolle ästhetische Praktiken (individuelle oder sozial geteilte);
- Einübung, Prägung, Verfeinerung und Infragestellung alter und neuer kultureller Affektskripte, ästhetischer Codes und Zeichenpraktiken;
- Übung und Steigerung motorischer und technischer Fähigkeiten;
- Beförderung von sozialer Kommunikation, teilweise auch sozialer Kooperation;
- intensivierte Selbstwahrnehmung, emotionale Selbstregulation (>>mood management<<) und Verbesserung von Selbstklarheit durch den >Gebrauch< der Künste für das Wecken, Steigern, Beruhigen, simulative Ausagieren und reflexive Deuten von Gefühlen;
- Erproben und Neujustieren von Ethiken des Wertens und Handelns im realitätsentlasteten Simulationsmodus;
- Erkunden von (fiktiven) Möglichkeitsspielräumen und Chancen des Andersdenkens und Andershandelns;
- Anregung, Beschäftigung und Herausforderung komplexer kognitiver Verstehensleistungen, einschließlich des Umgangs mit Mehrdeutigkeit und potenziell unendlicher Deutbarkeit.“
[40]

Nun stellt sich die Frage, ob vom Laufwettbewerb in Rom ähnliche Wirkungen ausgingen. Da fällt uns freilich eine ganz Menge ein. Doch so einfach darf man sich die Antwort nicht machen, denn die Wirkungen müssten objektiv messbar sein. Auch Menninghaus ist in diesem Punkt durchaus problembewusst. Er weiß, wie schwierig es ist, solche Effekte zu verifizieren und gibt einen kursorischen Überblick zu empirischen Studien. Viele Behauptungen über positive Wirkungen von Kunst klingen zwar plausibel, aber leider ist eine stringente wissenschaftlich Nachweisführung zu deren Gehalt nur selten als Grundlage verfügbar. Von den Bemühungen, die darauf abzielen, positive Effekte zu belegen, will ich drei Beispiel-Bereiche nennen:
A) Langzeitstudien, die (insbesondere in Skandinavien) erkennen lassen, dass „aktive und passive Beschäftigung mit den Künsten“ die Lebenserwartung erhöhen kann[41];
B) Untersuchungen, die aufzeigen, dass kulturelle Aktivitäten in der Freizeit (Musizieren, Theaterspielen ...) den Lernerfolg in der Schule steigern[42];
C) Studien, die belegen, dass Kunst in medizinischer Hinsicht günstige therapeutische Effekte hat.[43] + [44] Menninghaus weist zurecht darauf hin, dass solche Studien selten repräsentativ sind und u. a. durch erhebliche methodische Mängel in ihrem Wert beeinträchtigt werden:

“Alles in allem gilt gleichwohl: Aussagekräftige, belastbare Daten zu den Denken, Fühlen und Persönlichkeit >bildenden< Funktionen der Künste fehlen bis heute weitgehend.“ [45]

Also wird es leider ähnliche Schwierigkeiten geben, die Effekte der vermeintlichen Kunstgattung: Sport zu bestimmen. Und generell wird es wohl immer kontroverse Auffassungen bezüglich der der Definition von Kunst geben. Also zurück von der Frage „Wozu Kunst?“ zu der Frage „Was ist Kunst?“ bzw. „Ist Sport Kunst?“ Wer es sich ganz leicht machen will, der hält sich einfach an Arthur Danto[46]. Durch Taufe, Verklärung, Transfiguration … lassen sich dann alle möglichen Alltagsereignisse und Gegenstände in den Status der Kunst erheben. Anders gesagt: durch Interpretation wird ein Sportereignis zur Kunst. Wenn sich also eine anerkannte Autorität, ein „Papst“ der Kunstszene bereit fände, den Rom-Marathon in dieser Weise zu adeln, wäre die Sache auch ohne viel Federlesen geklärt.[47] Womöglich reicht es schon aus, wenn (wie es im Kirchenlied bzw. in der Bibel – Matthäus 18,20 heißt:) „zwei oder drei“ im Namen der Musen „versammelt sind“ und sich darauf einigen, dass Sport gleich Kunst ist. Wie gesagt, wir waren zu zweit, es war ein Paarlauf – und wir haben uns auf diesen Befund geeinigt. Man darf Wolfgang Welsch zustimmen. Sport eignet sich für künstlerische Kommunikation. Das ist nicht nur beim Spitzensport der Fall. Vielleicht ermöglicht der Volkssport sogar subtilere künstlerische Ereignisse. Die Kunst wird beim Sport eher unbewusst oder unabsichtlich realisiert und zu ihrer Entfaltung gehört vornehmlich der spielerische Faktor. Wenn es nicht darum geht, eine bestimmte Zeit zu unterbieten und Rekorde zu brechen, wenn einem keine Konkurrenten an den Fersen haften - und positiv gewendet: wenn sportliche Bewegung vornehmlich Selbstzweck ist, dann mag das Sport-Kunst-Event (für die Athleten) am schönsten gelingen.[48] Vielleicht ist dieses Phänomen sogar in trans-humaner (nicht anthropozentrischer) Weise gültig. Konrad Lorenz war jedenfalls von einer entsprechenden Beobachtung „geradezu erschüttert“. Er bezog sich auf den Gesang der Vögel:

„Wir wissen wohl, dass dem Vogelgesang eine arterhaltende Leistung bei der Revierabgrenzung, bei der Anlockung des Weibchens, der Einschüchterung von Nebenbuhlern usw. zukommt. Wir wissen aber auch, dass das Vogellied seine höchste Vollendung, seine reichste Differenzierung dort erreicht, wo es diese Funktionen gar nicht hat. Ein Blaukehlchen, eine Amsel singen ihre kunstvollsten und für unser Empfinden schönsten, objektiv gesehen am kompliziertesten gebauten Lieder dann, wenn sie in ganz mäßiger Erregung, >dichtend<, vor sich hin singen. Wenn das Lied funktionell wird, wenn der Vogel einen Gegner ansingt, oder vor dem Weibchen balzt, gehen alle höheren Feinheiten verloren, man hört dann eine eintönige Wiederholung der lautesten Strophen. Es hat mich immer wieder geradezu erschüttert, dass der singende Vogel haargenau in jener biologischen Situation und in jener Stimmungslage seine künstlerische Höchstleistung erreicht wie der Mensch, dann nämlich, wenn er in einer gewissen seelischen Gleichgewichtslage, vom Ernst des Lebens gleichsam abgerückt, in rein spielerischer Weise produziert.“[49]

Man mag es kaum glauben, beim Rom-Marathon gab es aber wirklich einige singende Läufer. Auf den ersten 10 Kilometern war mehrfach ihr freudvoller Gesang zu vernehmen; außerdem gab es hin und wieder einen Singsang – nämlich die gegenseitige Anfeuerung von Läufergruppen, Sprechchöre und Jubellaute. Da die italienische Sprache sehr melodisch ist, klang das alles wie Musik. Ästhetisch sehr exquisite Erlebnisse dürften übrigens auch den blinden Läufern vorbehalten gewesen sein. Wechselnden Straßenbelag, diverse Düfte und Geräuschkulissen nahmen sie sicher stärker wahr als die Sehenden. Wir begegneten drei Mal blinden Athleten, welche von Begleitern eskortiert wurden. Alle drei hinterließen den Eindruck, dass sie „in einer gewissen seelischen Gleichgewichtslage“ und „in ganz mäßiger Erregung“, >sinnend<, vor sich hin liefen. Auch Fotoschnappschüsse[50] verdeutlichen, dass sich beim Rom-Marathon womöglich profaner Sport zur Kunst gewandelt hat. Oder in anderer Formulierung: Den (anachronistisch anmutenden) Ausdruck >Körperkultur< könnte man als Synonym für Sport verwenden; die Bezeichnung >Artistik< nahm Gottfried Benn (mit Referenz auf Nietzsche) gern als Chiffre für Kunst[51]. Mit diesem Vokabular lautet die These: Körperkultur ist zuweilen Artistik. Wir können das freilich nicht stringent beweisen, aber wir glauben daran (im Sinne der Bestimmungen von Immanuel Kant[52]). Nach 42,195 Kilometern und mehr als viereinhalb Stunden Bedenkzeit stellte sich bei uns das „Reflexionsgefühl“ (Welsch)[53] oder „Geistesgefühl“ (Kant)[54] ein, welches besagt: dieser SchweißKunst-Lauf war wirklich schön[55] und romantisch[56] .

Postskriptum: Nach dem Marathon vom Sonntag wollten wir am Montag noch einen Museums-Halbmarathon absolvieren. Die Museen sind ja laut Welsch „Trainings- und Fitnesszentren für das Gehirn“ (und das Gehirn ist bekanntlich das wichtigste Organ beim Menschen)[57]. Da selbst in Rom manche Museen montags einen Ruhetag einlegen, mussten wir uns quasi mit der Kurzstrecke begnügen. Morgens strebten wir zu Michelangelos „Pietà“ in den Petersdom. Danach ließ uns die Schweitzer Garde tatsächlich durch und wir konnten das „Campo Santo Teutonico“ besuchen. Diesen sehenswerten deutschen Friedhof hat übrigens der Magdeburger Friedrich Frid um 1440 begründet. Er wirkte dort als Totengräber und hat auch eine Marienkapelle erbaut. Auf dem Campo ruhen nun sowohl berühmte als auch weniger bekannte Rom-Pilger - darunter beispielsweise der Schriftsteller Stefan Andres, die Künstler Joseph Anton Koch, Wilhelm Achtermann und Johann Martin von Rohden sowie die Lebensgefährtin von Franz List: die Prinzessin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein. Im Palazzo delle Esposizioni besichtigten wir am Nachmittag einige Klassiker der „Il Guggenheim. L'avanguardia americana 1945–1980“ sowie die Ausstellung: „Homo sapiens. La grande storia della diversità umana“ und Fotos von „National Geographic Italia -The Meaning of Life. Love, Work, Peace and Health“. An allen drei Tagen des Rom-Aufenthalts bewunderten wir natürlich die zahllosen Bauten und antiken Relikte im öffentlichen Raum. Das geschah teils ganz naiv, teils mit der „Brille“ von Jacob Burckhardt:

„Es ist eine Tatsache, daß ungefähr seit der Mitte des 2. Jahrhunderts die bisher noch immer lebendige Reproduktion des Schönen stillsteht und zu einer bloß äußerlichen Wiederholung wird; daß von da an innerliche Verarmung und scheinbarer Überreichtum der Formen Hand und Hand gehen. […] Verfolgen wir zunächst die Schicksale der Architektur. Die Hauptstadt ist hier für alle Entartung maßgebend. Rom besaß in seinem Travertin und Peperin ein ernstes, gewaltiges Material für monumentale Bauten. Als man aber, besonders seit Augustus, den Marmor aus Carrara und aus Afrika nicht mehr entbehren wollte, wegen seiner Bildsamkeit und seiner leuchtenden Schönheit, da gewöhnte sich der Sinn des Römers daran, den nunmehr aus Ziegelplatten gebildeten Kern des Gebäudes und die darum gelegte Marmorbekleidung als zwei geschiedene Dinge zu betrachten. Letztere mußte auf die Länge als eine willkürlich wandelbare Hülle, als eine Dekoration erscheinen. Doch zwang der weiße Marmor den Künstler fortwährend, die Formen möglichst edel zu bilden. Als aber die Vergötterung des möglichst teuren und fremdartigen Materials mehr und mehr einriß, als im Orient so wie in Afrika nach kostbaren Baustoffen [...], Porphyr, Jaspis, Achat und Marmor aller Farben gesucht wurde, als die damals sehr massive Vergoldung [...] in sinnlosem Maß überhandnahm, da mußte die Kunst und der Künstler zurücktreten. Stoff und Farbe ziehe das größte Interesse an sich […]. Der Lieferant und der Polierer werden unter solchen Umständen wichtigere Personen als der Zeichner.“[58]

An dieser Stelle könnte eine andere Betrachtung über aktuelle Tendenzen der Kulturwirtschaft oder über ästhetische Wucherungen in einer Überproduktionsgesellschaft, in der ja sogar „Abwrackprämien“ gezahlt werden, beginnen. Aber es ist höchste Zeit, jetzt definitiv abzubrechen.


Die Anmerkungen sind hinter die Bilderfolge gesetzt
 Lauf-Musik
Lauf-Musik
 Lauf-Musik
Lauf-Musik

 dionysische Sportler
dionysische Sportler

 Filmteam mittendrin
Filmteam mittendrin

Neuseeländer am Start
Neuseeländer am Start

 Gedränge am Kolosseum
Gedränge am Kolosseum

 Lauf-Tourismus
Lauf-Tourismus

 Lauf-Wasser
Lauf-Wasser

 Vitamin-Doping
Vitamin-Doping

 laufend Karneval
laufend Karneval

 blinder Athlet im Gleichgewicht
blinder Athlet im Gleichgewicht

 Wärmefolien im Zielbereich
Wärmefolien im Zielbereich

freudvoll erschöpft
freudvoll erschöpft

 Schnappschuss zum Schluss
Schnappschuss zum Schluss


Anmerkungen

[1] Vgl. das neue Buch von Wegerhoff, Erik: Das Kolosseum. Bewundert, bewohnt, ramponiert, Berlin 2012 : Wagenbach-Verlag.

[2] Vgl. Welsch, Wolfgang: SPORT -VIEWED AESTHETICALLY, AND EVEN AS ART? In: The Aesthetics of Everyday Life, eds. Andrew Light and Jonathan M. Smith (New York: Columbia University Press 2005) und die Veröffentlichung des Textes im Internet: http://www2.uni-jena.de/welsch/SPORT.pdf.

[3] Welsch, Wolfgang: SPORT -VIEWED AESTHETICALLY, AND EVEN AS ART? Vgl.: http://www2.uni-jena.de/welsch/SPORT.pdf, S. 20. - Zum Beispiel mit dieser Aussage: „Art could return to its different task once again - one closer to its older aims, with the opposition to current aestheticization now being one of its constituents. Sport best fills in for the everyday longings of art. But it cannot substitute for Schönberg, Pollock or Godard. Art's exception is to occur in a different way from sport's.“

[4] Welsch, Wolfgang: Immer nur der Mensch? Entwürfe zu einer anderen Anthropologie, Berlin 2011: Akademie Verlag, S. 144. Dies ist die Beobachtungsperspektive, die der Legende nach Pythagoras als grundlegend für Philosophie bestimmt hatte.

[5] Hüther, Gerald: Was wir sind und was wir sein könnten. Ein neurobiologischer Mutmacher, Frankfurt am Main 2011: S Fischer Verlag, S. 93.

[6] Zehentbauer: Körpereigene Drogen. Die ungenutzten Fähigkeiten unseres Gehirns, Düsseldorf und Zürich 1997: Artemis & Winkler Verlag. 7 Hüther, Gerald: Was wir sind und was wir sein könnten. Ein neurobiologischer Mutmacher, Frankfurt am Main 2011: S. Fischer Verlag, S. 93. Vgl. auch: Stoll, Oliver: Endorphine, Laufsucht und Runner’s High. Aufstieg und Niedergang eines Mythos. Leipziger Sportwissenschaftliche Beiträge, 1997 -28 (1), 102-121.

[8] Tinbergen, Nicolaas: On the aims and methods of ethology. Zeitschrift für Tierpsychologie, 20- 1963, 410–433.

[9] Welsch, Wolfgang: SPORT -VIEWED AESTHETICALLY, AND EVEN AS ART? In: The Aesthetics of Everyday Life, eds. Andrew Light and Jonathan M. Smith (New York: Columbia University Press 2005) - hier die Veröffentlichung des Textes im Internet: http://www2.uni-jena.de/welsch/SPORT.pdf, S. 5.

[10] Brecht, Bertolt: Die Krise des Sportes, in: Werke, Band 21, Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag, Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1992, 222-224, hier 223.

[11] Ruge, Eugen: In Zeiten des abnehmenden Lichts. Roman einer Familie, Reinbek bei Hamburg 2011: Rowohlt Verlag. Vgl. auch Krekeler, Elmar: Interview mit Eugen Ruge in: WELT-Online vom 12.10.2011 (http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article13656147/Buchpreistraeger-verliebte-sich-in-seineMathelehrerin.html)

[12] Vgl. Reichholf, Josef H.: Warum wir siegen wollen. Der sportliche Ehrgeiz als Triebkraft in der Evolution des Menschen, Frankfurt am Main 2009, S. Fischer Verlag – vgl. beispielsweise Kapitel 16: „Vorzeitliche Marathonläufer“ S. 152 – 158. 13 Hüther, Gerald: Was wir sind und was wir sein könnten. Ein neurobiologischer Mutmacher, Frankfurt am Main 2011: S. Fischer Verlag, S. 169.

[14] Sprachlich sind zwar die Ausdrücke: >Überhören< und >Übersehen< gebräuchlich; ein >Überriechen< ist jedoch schwer möglich - es sei denn, man hat Schnupfen oder hält sich die Nase zu. Die erschwerte Regulierbarkeit der olfaktorischen Sinneswahrnehmungen könnte mit (der in der menschlichen Evolution zu konstatieren) Reduktion des Geruchssinns zusammenhängen – vgl. Martin, Robert D.: Die Evolution des menschlichen Körpers, in: Evolution und Kultur des Menschen, herausgegeben von Ernst Peter Fischer und Klaus Wiegandt, Frankfurt am Main 2010 : Fischer Taschenbuch Verlag, S. 97 ff. / (74 – 109).

[15] Reichholf, Josef H.: Warum wir siegen wollen. Der sportliche Ehrgeiz als Triebkraft in der Evolution des Menschen, Frankfurt am Main 2009, S. Fischer Verlag, S. 121 f.

[16] Vgl. Welsch, Wolfgang: Immer nur der Mensch?, Berlin 2011: Akademie Verlag, S. 52. „Dogen rät, möglichst viele solcher Perspektiven durchzugehen. >Um die verschiedenen Arten der Standpunkte zu verstehen, müssen wir die zahllosen Ansichten und Eigenschaften […] untersuchen […]. Studiere alle Aspekte des Wassers […].< Nehmen wir das Beispiel des Wassers. Wie stellt es sich in nicht-menschlicher Perspektive dar? Dogen vergleicht drei Perspektiven: die der Menschen, die der Götter und die der Fische. Wir Menschen erfahren das Wasser vornehmlich als fließend. Die Götter hingegen sehen, wo wir 'Wasser' wahrnehmen, Schmuck: von oben auf den Ozean blickend, nehmen sie vor allem das Glitzern des Wassers wahr, daher erscheint dieses ihnen als Schmuck ihres Werkes. Die Fische erfahren Wasser noch einmal anders: für sie ist das Wasser ihr großer Palast, ihre weitläufige und herrliche Wohnstätte […] Man könnte auch zahllose andere Perspektiven erwägen: Was ist Wasser aus der Perspektive der Vögel oder der Steine oder der Berge – oder eines Bootes, eines Flusses? Sicher jedes Mal etwas anderes. Das Fazit lautet: >Wasser kann auf viele verschiedene Arten gesehen werden<“. Zum Wasser aus der Perspektive des Wasser – vgl. ebenda, 54 f.

[17] Dogen: Sansuikyo („Die Sutren der Berge und Flüsse“), S. 171 - zitiert nach Welsch, Wolfgang: Immer nur der Mensch?, Berlin 2011: Akademie Verlag, S. 64.

[18] Welsch, Wolfgang: Immer nur der Mensch?, Berlin 2011: Akademie Verlag, S. 64.

[19] Vgl. Welsch, Wolfgang: Immer nur der Mensch?, Berlin 2011: Akademie Verlag, S. 128 ff. - insbesondere die Phänomenologie der Evidenzerlebnisse“ S. 136 f.

[20] Joseph Laporte",Living Water", in: Mind, Bd. 107, Heft 1, Oxford University' Press 1998) Barbara Abbott, "Water = H20", in: Mind, Bd. 108, Heft 1, Oxford University Press 1999 Barbara Malt, "Water is not H2O", in: Cognitive Psychology, Bd. 27, Heft 1, Academic Press, San Diego 1994) Vgl. auch http://www.inform24.de/wasser.html.

[21] Vgl. Damasio, Antonio: Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins, München 2011: Siedler Verlag, S. 202 f. Hier ein Auszug: „Das Protoselbst ist der Trittstein, der für den Aufbau des Kern-Selbst gebraucht wird. Es ist eine integrierte Ansammlung verschiedener neuronaler Muster, die in jedem Moment die stabilsten Aspekte der physischen Struktur des Organismus kartieren. Typisch für die vom Protoselbst erzeugten Karten ist, dass sie nicht nur Bilder des Körpers erzeugen, sondern auch gefühlte Bilder des Körpers.“

[22] Welsch, Wolfgang: SPORT -VIEWED AESTHETICALLY, AND EVEN AS ART? In: The Aesthetics of Everyday Life, eds. Andrew Light and Jonathan M. Smith (New York: Columbia University Press 2005) - hier die Veröffentlichung des Textes im Internet: http://www2.uni-jena.de/welsch/SPORT.pdf, S. 8.

[23] Klemm, Thomas: Musik beim Marathonlauf. Abba bis zur Erschöpfung, in: FAZ vom 25.10.2009

[24] Vgl. http://www.manorbaselmarathon.ch/rttb/rttb/ und Karageorghis, C. I., & Terry, P. C. (2009). The psychological, psychophysical, and ergogenic effects of music in sport: A review and synthesis. In Bateman, A. J., & Bale, J. R. (Eds.) Sporting sounds: relationships between sport and music (pp.13-36). London: Routeledge.

[25] Hellmann, Frank: Wirbel um Musikdoping. Darf ein Marathoni mit iPod im Ohr laufen?, in: Frankfurter Rundschau vom 23.10.2009. Vgl auch: Deutschlandradio Wissen. Gespräch mit Marc Schönwiesner. Doping mit dem iPod, http://wissen.dradio.de/fitness-doping-mit-dem-ipod.35.de.html?dram:article_id=126.

[26] Welsch, Wolfgang: SPORT -VIEWED AESTHETICALLY, AND EVEN AS ART? In: The Aesthetics of Everyday Life, eds. Andrew Light and Jonathan M. Smith (New York: Columbia University Press 2005) - hier die Veröffentlichung des Textes im Internet: http://www2.uni-jena.de/welsch/SPORT.pdf, S. 7.

[27] Vgl. Burckhardt, Jacob: Das Geschichtswerk, Band 1, 1. Teil Die Zeit Constantins des Großen, Neu Isenburg 2007, S. 185 f. Dort heißt es: „Die Kunst im höchsten Sinne des Wortes war einst der Lebensatem des griechischen Volkes gewesen. […] Die Römer nahmen sie ebenfalls bereitwillig in ihren Dienst, nicht bloß als Luxusgegenstand, sondern weil sie dem Bedürfnis des Schönen entsprach, das in ihnen selbst lebte, dessen tätige Entfaltung aber durch das Vorherrschen des Kriegerischen und Politischen gehemmt wurde.“

[28] Vgl. Welsch, Wolfgang: Zur universalen Schätzung des Schönen, in: Die Permanenz des Ästhetischen, hrsg. von Melanie Sachs u. Sabine Sander, Wiesbaden 2008 : VS Verlag , > http://www2.uni-jena.de/welsch/UNIVERSA2.pdf.

[29] Ebenda im Online-PDF-Text, S. 14.Vgl. in diesem Zusammenhang auch Eibl, Karl: Survival of the happiest. Über den Nutzen des ästhetischen Vergnügens, in: Evolution und Kultur des Menschen, herausgegeben von Ernst Peter Fischer und Klaus Wiegandt, Frankfurt am Main 2010 : Fischer Taschenbuch Verlag, S. 197 bis 219.

[30] Vgl. Aristoteles Lexikon, herausgegeben von Otfried Höffe, Stuttgart 2005 : Alfred Kröner Verlag, S. 216 ff. Darin heißt es z. B.: „eudaimonia/ Glück, Glückseligkeit […] heißt wörtlich: von einem guten (eu) Geist (daimon) begünstigt oder beseelt sein.“ Und ferner: „Das Glück, das man nicht passiv an sich herankommen läßt, sondern sich aktiv erarbeitet, das Strebensglück im Unterschied zum Sehnsuchtsglück, besteht in einer dem zielorientierten Handeln innewohnenden Vollendung“ (218 f.). Der „Begriff des Glücks verbindet also Handlungstheorie (>Streben<) mit einer (konstruktiven) Semantik und einer bescheidenden Anthropologie, mit der für den Menschen charakteristischen Leistung [...]“ (221). Nicht nur bei kognitiven menschlichen Höchstleistungen wird das Gehirn (lustvoll erregt) integral aktiviert.

31] Vgl. Barfuß auf der Via Appia, in: FAZ vom 10.09.2010.

[32] Vgl.: http://www.youtube.com/watch?v=Eor5tWScK80.

[33] Vgl.: http://www.youtube.com/watch?v=0Dppdcy1pyM.

[34] Lauer, Gerhard: Spiegelneuronen. Über den Grund des Wohlgefallens an der Nachahmung, in: Karl Eibl / Katja Mellmann / Rüdiger Zymner (Hrsg.): Im Rücken der Kulturen. Paderborn 2007, S. 137-163

[35] Welsch, Wolfgang: SPORT -VIEWED AESTHETICALLY, AND EVEN AS ART? In: The Aesthetics of Everyday Life, eds. Andrew Light and Jonathan M. Smith (New York: Columbia University Press 2005) - hier die Veröffentlichung des Textes im Internet: http://www2.uni-jena.de/welsch/SPORT.pdf, S. 10.

[36] Welsch, Wolfgang: SPORT -VIEWED AESTHETICALLY, AND EVEN AS ART? In: The Aesthetics of Everyday Life, eds. Andrew Light and Jonathan M. Smith (New York: Columbia University Press 2005) - hier die Veröffentlichung des Textes im Internet: http://www2.uni-jena.de/welsch/SPORT.pdf, S. 16.

[37] „SPIRIT OF THE MARATHON II – THE ROME MARATHON BECOMES A MOVIE >Spirit of the Marathon II – La Maratona di Roma< – the sequel to the hugely successful and critically acclaimed >Spirit of the Marathon< is now in production. The film will feature the stories of an entirely new cast of runners from first-time marathoners to the world’s elite all running the Rome Marathon. Opening with the magnificent spectacle of the start to the Rome Marathon itself in front of one of the worlds most iconic landmarks – the ancient Colosseum – the film will then begin taking us through 26.2 miles of Rome’s most visually stunning streets and awe inspiring landmarks. En route each featured athlete will be introduced and their back stories will evolve along the way. The gradual revelation of who these individuals are along with their reasons for running will culminate as they approach the grand Arch of Constantine and once again arrive at the Colosseum making one final breathtaking circle before crossing the finish line. And like the first >Spirit of the Marathon<, additionally supporting each runner’s story, many of the world’s greatest marathon runners past and present will provide commentary and historical anecdotes throughout the film. Expanding upon the first film, >Spirit of the Marathon II – La Maratona di Roma< will further articulate the unique story of the marathon and deepen it’s meaning and significance for runners, endurance athletes and society.“
(Vgl.: http://romeinfo.wordpress.com/2012/01/10/acea-rome-marathon-2012/) und hier der Link zum Vorläuferfilm SPIRIT OF THE MARATHON I: http://www.marathonmovie.com/film.html
[38] Ob auch Amateur-Videos wie der Laufbericht eines Teilnehmers aus der Schweiz künstlerisch-dokumentarische Qualität besitzen, will ich hier nicht erörtern – vgl. http://www.youtube.com/watch?v=-k-xHz_3t2k.

[39] Welsch, Wolfgang: SPORT -VIEWED AESTHETICALLY, AND EVEN AS ART? In: The Aesthetics of Everyday Life, eds. Andrew Light and Jonathan M. Smith (New York: Columbia University Press 2005) - hier die Veröffentlichung des Textes im Internet: http://www2.uni-jena.de/welsch/SPORT.pdf – Fußnote 38: “Additionally, the question of kitsch might serve as a test case. In the realm of the arts kitsch is typically possible. So are there instances of kitsch in sport? My hunch is that above all the sports which directly strive to be aesthetic are in danger of producing events which for an educated sensibility come close to kitsch. Take ribbon gymnastics as an example. The playfulness, which stems not from bodily exertion but from interplay with a fancy toy, borders - to say the least - on kitsch. Or imagine a skier who only tried to ski beautifully and not efficiently: some might admire him, others would certainly recognize and despise this as kitsch. What was so marvellous with Ingemar Stenmark was that in his case aesthetic appeal and efficiency resulted from the same movements; further developments, in slalom for example, however hindered such congruence: once you were allowed to ski over, instead of around, the slalom posts (as has been the case since the introduction of flexible poles), your descent can still be impressive in its efficiency but no longer for its beauty. - If my guess is somehow correct, then - interestingly enough and seemingly paradoxically - the apparently 'aesthetic' sports would largely be exposed to the kitsch trap, whereas the `purposive' ones would be good candidates for 'art'.”

[40] Menninghaus, Winfried: Wozu Kunst? Ästhetik nach Darwin, Berlin 2011 Suhrkamp Verlag, S. 260 f. Vgl. außerdem Menninghaus, Winfried: Kunst als >Beförderung des Lebens<: Perspektiventranszendentaler und evolutionärer Ästhetik, München 2008: Carl-Friedrich-vonSiemens-Stiftung.

[41] Vgl. Menninghaus, Winfried: Wozu Kunst? …,Berlin 2011, S. 274. Menninghaus stützt sich hier insbesondere auf die (über 8 Jahre mit 2.500 Personen durchgeführte) Studie von: Bygren, Lars / Konlaan, Boinkum B. / Johansson, Sven-E: “Attendance at Cultural Events, Reading Books oder Periodicals, and Making Music or Singing in a Choir as Determinants for Survival: Swedish Interview Survey of Living Conditions“, in: British Medical Journal 313 (1996), S. 1577 - 1580). Vgl. auch die aktuelle norwegische Studie von Cuypers, Koenraad / Krokstad, Steinar / Holmen, Turid Lingaas / Knudtsen, Margunn Skjei / Bygren, Margunn Skjei / Holmen, Jostein: “Patterns of receptive and creative cultural activities and their association with perceived health, anxiety, depression and satisfaction with life among adults: the HUNT study, Norway”, in: Journal of Epidemiol Community Health, 23.05.2011 sowie Rötzer, Florian: “Gesünder durch Teilnahme an kulturellen Aktivitäten?”, in: Telepolis, 24.05.2011 (http://www.heise.de/tp/artikel/34/34911/1.html).

[42] Erwähnenswert ist in diesem Kontext u. a. eine Studie aus den USA, bei der „in allen Fällen […] positive Korrelationen zwischen dem quantitativen Umfang der Beschäftigung mit den Künsten und Leistungen in Mathematik, Lesen und Schreiben festgestellt“ wurden. „Bei Differenzierung nach einzelnen Künsten ergab sich, dass die Musikkurse mit der Verbesserung der mathematischen Leistungen (der sogenannte >Mozart-Effekt<), die theaterbezogenen Kurse dagegen mit verbesserten Noten in Lesen und Schreiben einhergehen.“ Menninghaus, Winfried: Wozu Kunst? …, Suhrkamp Verlag Berlin 2011, S. 264. Referenzquellen = Caterall, James S. / Chapleau, Richard / Iwanga, John: „Involvement in the Art and Human Development: General Involvement and Intensive Involvement in Music and Theatre Atrs“, in: Fiske, Edward B (Hg): „Champions of Change. The Impact of the Art on lerning, Washington: Arts Education Partnership 1999, (http://artsedge.kennedy-center.org/champions/pdfs/ChampsReport.pdf) und Schellenberg, E. Glenn / Nakata, Takayuki / Hunter, Patrick G. / Tamoto, Sachiko: „Exposure to Music and Cognitive Performance: Tests of Children and Adults”, in: Psychology of Music 35 (2007).

[43] Klinische Studien stützen z. B. „die Annahme positiver Effekte von Musik auf das Wachstum von Säuglingen, […] auf Genesungsprozesse bei Patienten und erhöhte Toleranz gegenüber behandlungsbedingten Schmerzen sowie auf kognitive und affektive Defizite bei Patientengruppen“. Menninghaus, Winfried: Wozu Kunst? …, Berlin 2011, S. 266 f. Referenzquellen = Standley, Jane: „The Effect of Music and Multimodal Stimulation on Physiologie and Developmental Responses of Premature Infants in Neonatal Intensive Care”, in: Pidiatric Nursing 26 (1989) und Mithen, Steven: “The Singing Neanderthals. The Origin of Music. Language, Mind and Body “, Cambridge (MA): Harvard University Press 2007. Wenn über Mißerfolge oder Fehlentwicklungen disktiert wird, wie zum Beispiel bei der aktuellen Diagnose eines “Kulturinfarks” (Vgl.: Haselbach, Dieter / Klein, Arnim / Knüsel, Pius und Opitz, Stephan: Kulturinfarkt. Von Allem zu viel und überall das Gleiche , München 2012 : Albrecht Knaus Verlag.) wäre es im Hinblick auf Ausgewogenheit auch angebracht, die Erfolge und Fortschritte im Kulturbereich zu benennen und zu würdigen. Für den Bildungsbereich hat Gerald Hüther dazu bereits einen interessanten Diskussionsbeitrag geliefert. (Vgl.: Hüther, Gerald: Was wir sind und was wir sein könnten. Ein neurobiologischer Mutmacher, Frankfurt am Main 2011: S. Fischer Verlag.) Darin geht er beispielsweise der Frage nach, welche pädagogische Leistung der letzten Jahrzehnte als großer Erfolg verbucht werden kann. Er fragte auf einer Tagung “die dort versammelten Gymnasiallehrer […], was aus ihrer Sicht die größte und bedeutendste pädagogische Leistung der letzten drei Jahrzente sei.” Da die Lehrerschaft zögerlich und ratlos erschien, gab er selbst eine Antwort: Noch vor drei Jahrzehnten wurden “alle Kinder mit Trisomie 21 als Mongoloide bezeichnet und als genetisch defizient, in ihrer Hirnentwicklung massiv gestört betrachtet”. Sie galten “als schwachsinnig” und waren “natürlich unbeschulbar”. Inzwischen ist es gelungen, diese Kinder in geeigneter Weise zu unterrichten. Es haben sogar “die ersten Trisomie-21-Patienten ihr Abitur gemacht und ein Studium aufgenommen” (HÜTHER, S. 123). Und mit welchen Methoden wurde dieser Erfolg erzielt? Wenn ich Hüther richtig verstehe und wenn die oben erwähnten Studien zutreffen, kam dieser enorme Bildungserfolg offenbar auch mit Hilfe von Kunst und Kultur zustande. Allerdings darf man hier nicht einen engen Kulturbegriff zugrunde legen, der lediglich das als Kultur anerkennt, was in den Haushaltplänen bei Bund, Land und Kommunen in einer entsprechenden Titelgruppe auftaucht und als förderungswürdig gilt. Die Beispiele von Hüther illustrieren verschiedene künstlerische und kulturelle Betätigungen, die aus einem (in der protokullturellen Phase der Evolution des Menschen herausgebildeten) kreativen Potential erwachsen. Vgl. auch Hüther, Gerald: Die Bedeutung von Musikerfahrung für Kinder, in: Kreusch-Jakob, D.: Kinder für Musik begeistern, München 2009 : Knaur-Ratgeber Verlag.

[44] Interessant wären auch präventive Effekte von Kunst. Oder man stelle sich vor, dass ein Arzt keine Pillen verschreibt, sondern Theater- oder Konzertbesuche verordnet. Selbst wenn dabei nur Placebo-Effekte erzielt würden, könnte das weniger Schaden anrichten als manche Medikamente. Nur die pharmazeutische Industrie hätte ggf. Schwierigkeiten bei iher Profit-Maximierung.

[45] Menninghaus, Winfried: a.a.O., S. 270. In der (durch Infarkt-Diagnosen beunruhigten) kulturpolitischen Diskussion (vgl. Haselbach, Dieter u.a.: Kulturinfarkt ... a.a.O.) ist es schlechterdings noch willkürlicher. Die meisten Erwartungen, Ziele und Funktionszuschreibungen im Hinblick auf Kunst und Kultur sind nur spekulativ und wissenschaftlich untersuchte Kausalzusammenhänge werden kaum in Betracht gezogen. Über Möglichkeiten, den Tauschwert von Kulturgütern, Kunst und ästhetischen Dienstleistungen zu steigern, wird bereits intensiv diskutiert. Könnte es sein, dass auch eine kulturpolitischen Verständigung darüber notwendig ist, worin der spezifische Gebrauchswert von Kunst besteht undwie dessen Optimierung möglich ist? Die Herausforderung besteht nicht darin, ein vermeintliches Überangebot an Kunst und kulturellen Dienstleistungen abzubauen, sondern darin, diese Güter verstärkt zur Geltung zu bringen bzw. vermehrt zum Wohle des Gemeinwesens nutzbar zu machen. (Einen Abbaubedarf gibt es stattdessen beim zivilisatorischen Müll, der als schnell verschleißende Ware massenhaft hergestellt wird und bei dessen Produktion teilweise Ressourcen in großem Umfang verschwendet werden.)

[46] Danto, Arthur C.: Die Verklärung des Gewöhnlichen. Eine Philosophie der Kunst, Frankfurt am Main 1984 : Suhrkamp Verlag.

[47] Man denke an Marcel Duchamps „Flaschentrockner“ (1914) oder an sein Werk „Fontäne“ (1917).

[48] Das korrespondiert auch mit den von Welsch erwähnten Aussagen des finnischen Ski-Langlauf-Weltmeisters Mika Myllylä. Dieser herausragende Athlet bestand beispielsweise darauf, dass für ihn die größte Freude eher beim Training aufkommt und nicht durch das Gewinnen hervorgerufen wird. Mit seiner eigenwilligen Trainingsmethode, die nicht nach strengem Plan vorgeht, sondern auf Körpergefühle Rücksicht nimmt, gelang es ihm, von Verletzungen verschont zu bleiben und zugleich extrem erfolgreich zu sein. Vgl. Welsch, Wolfgang: SPORT VIEWED AESTHETICALLY, AND EVEN AS ART? In: The Aesthetics of Everyday Life, eds. Andrew Light and Jonathan M. Smith (New York: Columbia University Press 2005) - hier die Veröffentlichung des Textes im Internet: http://www2.uni-jena.de/welsch/SPORT.pdf, S. 5. Leider gibt es im Beispielfall Myllylä zwei Wermutstropfen. Erstens: auch dieser Spitzensportler hat offenbar Dopingmittel eingesetzt. Schon bei der WM 2001 hatte der „Kronzeuge“ von Welsch (ebenso wie andere Ski-Langläufer aus der finnischen Mannschaft) Hydroxyethylstärke gespritzt bekommen. Er musste eine zweijährige Sperre verbüßen und versuchte 2004 ein Comeback. Bald darauf beendete Myllylä seine Sport-Karriere. Zweitens: im persönlichen Leben verfolgte ihn nach den sportlichen Erfolgen das Pech (Alkoholsucht, Schlägereien, Scheidung). Am 5. Juli 2011 ist Myllylä in die „Ewigen Jagdgründe“ eingegangen.

[49] Lorenz, Konrad: Die angeborenen Formen möglicher Erfahrung, in: Zeitschrift für Tierpsychologie, Bd. 5, S. 16 – 409, 1942 (zitiert nach Hüther, Gerald: Was wir sind und was wir sein könnten … a.a.O., S. 128 f.)

[50] Im Internet: https://picasaweb.google.com/101604304033047178980/RomMarathon2012? authkey=Gv1sRgCMKTmrWmwPbjYg

[51] Vgl. beispielsweise Benn, Gottfried: Probleme der Lyrik, in: Gottfried Benn Sämtliche Werke, Band VI. „Ich gebrauchte vorhin […] den Ausdruck Artistik und sagte, das sei ein umstrittener Begriff - in der Tat, er wird in Deutschland nicht gern gehört. Der durchschnittliche Ästhet verbindet mit ihm die Vorstellung von Oberflächlichkeit, Gaudium, leichter Muse, auch von Spielerei und Fehlen jeder Transzendenz. In Wirklichkeit ist es ein ungeheuer ernster Begriff und ein zentraler. Artistik ist der Versuch der Kunst, innerhalb des allgemeinen Verfalls der Inhalte sich selber als Inhalt zu erleben und aus diesem Erlebnis einen neuen Stil zu bilden, es ist der Versuch gegen den allgemeinen Nihilismus der Werte eine neue Transzendenz zu setzen: die Transzendenz der schöpferischen Lust.“ (S. 14)

[52] Gemeint ist die bemerkenswerte Unterscheidung, die man in Kants "Kritik der reinen Vernunft" findet. Kant bestimmt dort nämlich u. a. drei verschiedene Diskurs-Arten: das Meinen, das Glauben und das Wissen. Beim >Meinen< (M) ist nichts objektiv bewiesen und auch subjektiv ist man sich nicht sicher. Beim >Glauben< (G) kann man objektiv nichts beweisen, ist sich aber subjektiv sicher. Beim >Wissen< (W) hat man sowohl objektiv als auch subjektiv die Sicherheit, dass die Erkenntnis oder Ansicht richtig ist. Das ließe sich vielleicht sogar mit folgenden Formeln darstellen: M = s- / o-G = s+ / o-W = s+ / o+ Aber wenn man diese formale Verschriftlichung betrachtet, fällt doch auf, dass der Königsberger wohl eine Kombinationsmöglichkeit ausgeblendet hat. Man kann nämlich beispielsweise auch auf objektive (wissenschaftlich bewiesene) Tatsachen treffen und subjektiv trotzdem unsicher bleiben. Also: s- / o+. Aber wie wäre diese Diskurs-Art zu nennen? Mein Vorschlag lautet >Sinnen< (mit der Bedeutung von ästhetisch-sinnlicher Erregung, welche zugleich die Sinn-Suche motiviert) – Ironiker werden vermutlich den Gegenvorschlag unterbreiten: >Spinnen<. Vgl. Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft, A 822 = B 850.

[53] Welsch, Wolfgang: Immer nur der Mensch?, Berlin 2011: Akademie Verlag, S. 207. Dort heißt es: „Reflexions-Gefühle sollte man nicht mit Standardgefühlen gleichsetzen. Die letzteren, beispielsweise ein Schmerz-oder ein Müdigkeitsgefühl, sind gewiss bloß subjektiv […]. Reflexionsgefühle hingegen erheben zu Recht Ansprüche höherer Art. In ihnen geht es um Wahrheit.“

[54] Ebenda. Welsch merkt an: „In diesem Sinne hat beispielsweise Kant das Gefühl des Erhabenen ein >Geistesgefühl< genannt (Kant, Kritik der Urteilskraft […])“.

[55] >schön< im Sinne von „brain-happiness“ Welsch, Wolfgang: Zur universalen Schätzung des Schönen ... http://www2.uni-jena.de/welsch/UNIVERSA2.pdf.

[56] >romantisch< gemäß der Definition, welche Novalis gegeben hat: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es [...].“ Novalis: Das theoretische Werk, in: Novalis Werke herausgegeben von Gerhard Schulz, München 1969, S. 38.

[57] Vgl. Welsch, Wolfgang: Zur universalen Schätzung des Schönen ... -http://www2.unijena.de/welsch/UNIVERSA2.pdf.

[58] Burckhardt, Jacob: Das Geschichtswerk, Band 1, 1. Teil Die Zeit Constantins des Großen, Neu Isenburg 2007, S. 187.