KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 21 • 2018 • Jg. 41 [16] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2012
Dieter Kramer
„Kulturarbeit“, kulturelle Attraktivität und Künste.
Überlegungen für DIE LINKE
Unser Autor Dieter Kramer (2006-2007 Mitglied der Enquete-Kommission Kultur in Deutschland) kommentiert in diesem Beitrag kritisch die aktuell in der Partei DIE LINKE geführte Debatte um ihr kulturelles Profil. Seine Überlegungen betreffen die Kultur der Linken generell, wir stellen sie darum auch hier zur Diskussion. Der Kontext der parteipolitischen Debatte erschließt sich über: http://www.die-linke.de/politik/kultur/


Kunst und Kultur

Über das kulturelle Profil der Partei „DIE LINKE“ sollte diskutiert werden, nicht über deren „Kulturarbeit“.

Kultur für eine demokratische, sozial gerechte und dialogfähige Gesellschaft und für eine lebendige Demokratie, so lauten Formeln im Programm der Partei DIE LINKE vom 23.10.2011, Kapitel IV. Da ist das einbegriffen, was enthalten war in der alten Formel „Kultur ist, wie der ganze Mensch lebt und arbeitet und wie wir leben wollen“.

Für eine solche Politik sind Kultur und Künste kein abgesonderter Teil, der in „Kulturarbeit“ abgearbeitet werden kann. Kultur verkörpert die prägende und spezifische (auch unterscheidende) Wertegrundlage für die Gestalt der (mit der Politik dieser Partei angestrebten) Form des gemeinschaftlichen Lebens. Die Künste aller Sparten begleiten als Teil der Kultur das gesellschaftliche Leben. Sie sind mit ihren Bildern und Symbolwelten wertende, deutende, erkennende Aneignung und Auseinandersetzung mit Welt, nicht zu ersetzen durch andere Zugangsweisen wie die des diskursiven Verstandes oder der politökonomischen Analyse. Sie prägen mit ihren Bildern und Träumen das Lebensgefühl und deuten die Glücksperspektive an. „Verstören, beflügeln, Debatten erzeugen“ (Konstanze Kriese, www.die-linke.de/politik/kultur/) – das gehört dazu.

Bei der Abschiebung der Künste in die Sparte „Kulturarbeit“ droht die Instrumentalisierung, und ich erinnere mich an das Bild vom Sahnehäubchen oder der Petersilie im Maul des Karpfens, oder im Hintergrund lauert die böse Formel „Künstler was tust Du für den Frieden“. Die Vokabel sollte verboten werden.

Dass eine Traditions-Veranstaltung wie die am 15. Januar 2012 bei einem darauf ansprechenden Publikum eine „affektiv-warmen Rückversicherungseffekt“ hervorruft und dieses Publikum „gestärkt und beherzt“ die Veranstaltung verlässt, mag sein. Vielleicht wäre es mir als einem Angehörigen der älteren Generation, der in den 1960er und 1970er Jahren politisch sozialisiert wurde, auch so gegangen. Aus Nostalgie lassen sich auch einige Stimmen gewinnen. Aber das sind weder die „verunsicherten Schichten und Klassen“, denn die artikulieren sich kaum (oder wenn, dann in Richtung auf Piraten oder Grüne), noch ist es eine größere Zahl der jungen Leute von heute. Die Wählerschichten, auf die es ankommt, reagieren kaum auf Nostalgie-Veranstaltungen.

„Die Krise tobt“, sagt Diether Dehm – aber wie spüren die Menschen sie, und vor allem: Wer spürt sie derzeit in Deutschland, und wie und womit ansprechbar sind die Betroffenen in Deutschland Ost und West (nicht in Griechenland)? Wie und wo wird die verzweifelnde Skepsis angesichts der auf breiter Linie versagenden „politischen Kaste“ artikuliert? Das müssen die Politstrategen prüfen.

Von Lernprozessen in Streiks und sozialen Auseinandersetzungen haben wir in den 1970ern gerne gesprochen. Heute finden die Lernprozesse auf widersprüchliche Weise im Amalgam von Mittelschichten und anderen Milieus statt – Stuttgart, Hamburg sind Beispiele für die Ambivalenzen. Die Handlungen der „Wutbürger“ können zwar nicht mit dem alten Instrumentarium der Massenpsychologie entziffert werden, aber auch nicht mit dem des Lernens im Klassenkampf: Da muss auch die Politik, will sie nicht opportunistisch werden, genauer analysieren, worauf und wie sie eigentlich wie antworten soll. Das ist Aufgabe der Strategiediskussion, und dabei spielen natürlich die Bilder und Symbolwelten, in denen sich linke Politik sehen will eine Rolle. Deshalb müssen sie in enger Verzahnung mit „Begriffsarbeit“ und Analysen entwickelt werden.


Politchinesisch und Nostalgie

Diether Dehm verordnet der Partei der Linken „Kulturarbeit“ und zwängt diese in ein Prokrustesbett von Begriffen und Traditionen. Die Rede ist von (anti-)imperialistisch, von Klassenkampf, von Streikbewegungen usw.: Das ist Polit-Chinesisch, wie es heutigen Generationen fremd ist. Dann doch lieber allgemein von Finanz- und Bankenmacht und Kapitalismus reden, so etwas wird heute wieder verstanden. Oder konkreter wäre zu reden von Euro-„Rettung“ zugunsten der Banken, oder von dem Vertrauensverlust der Politik und ihrer Repräsentanten („Pattex-Wulff“). Aber das muss erst übersetzt werden in ästhetisch-kulturelle Ausdrucksformen. In den Künsten sollen die eigenen Mittel zur Auseinandersetzung damit entwickelt werden (für mich geht das z. B. nicht ohne Satire).

Dazu müssen die Künstler sich abnabeln können von der Bindung an die gegenwärtigen (finanziellen) Strukturen des Kunstbetriebes. Ein geltungsbedürftiger Sammler wie der russische Oligarch Roman Abramowitsch präsentiert sich 2011 demonstrativ auf der Biennale Venedig mit seiner Luxusyacht; allerorten werden dieselben zeitgenössischen Künstler als „redundantes Potpourri einer optisch ‚überschäumenden Spumantekunst für den Oligarchenbedarf’“ (Niklas Maak in: Texte zur Kunst 83) durch die Repräsentanten einer beunruhigenden „Zusammenballung von finanzieller Macht und instrumenteller Einflussnahme“ präsentiert. Und diese Repräsentanten arbeiten mit Insiderhandel, Steuerhinterziehung und Bestechung daran, das politische und finanzielle System der gegenwärtigen Reichtumsverteilung, Ungleichheit, Ausbeutung und Umweltzerstörung aufrecht zu erhalten.

Der aktuelle Kunstbetrieb ist zwar gewiss reichhaltiger und vielfältiger, und längst nicht alle Künstler sind in ihm zufrieden. Für einen nüchternen Blick auf den heutigen Kunstbetrieb braucht man Analysen, um Anknüpfungspunkte für Kunstpolitik zu finden. Das gilt für die Bildende Kunst ebenso wie für alle anderen Sparten des allgemeinen (auch des populären) Kunstlebens. Aber um einzelne Künstler, um Teile des Kunstbetriebes herauslösen zu können aus den aktuellen Verklammerungen, muss ein längerer Prozess stattfinden und eingeleitet werden, der nicht mit ein bisschen „Kulturarbeit“ und Auftritten bei Parteiveranstaltungen erledigt werden kann.


Kunstbetrieb und Elitenkonvergenz

Transmitter zu sein zwischen Kunst und Kultur, Künstlern und Publikum und außerparlamentarischen Bewegungen – das schafft derzeit weder die Politik der Linken, noch gelingt es den Bewegungen neuen Zuschnitts. Dazu sind die meisten aktiven Künstler zu sehr im Banne der Kulturwirtschaft, des Kulturbetriebs und der Sponsoren. Das muss man einfach sehen.

Natürlich benötigen die Künste ein auf sie reagierendes, sie stützendes (finanzierendes) und herausforderndes Publikum. In den zwanziger Jahren war es die Arbeiterbewegung mit ihrer Existenz, mit ihren alternativen Ideen für die Organisation der Gesellschaft, mit ihren Herausforderungen an die etablierten gesellschaftlichen Kräfte und mit ihren vielen Facetten, die die Künste angezogen und im übertragenen Sinne „in ihren Dienst“ (Kuczynski) genommen hat. In den 1980er Jahren gelang es der Friedensbewegung, beträchtliche Teile der populären Musik und bildenden Künste in ihren Bann zu ziehen. Derzeit aber sind es die Sponsoren und die Akteure der Kulturwirtschaft, denen das mit ihren Mitteln gelingt. Sie haben schon lange zielgerichtet daran gearbeitet. Schon 1983 formulierte der Bericht der Kommission „Zukunftsperspektiven gesellschaftlicher Entwicklungen“ der Landesregierung von Baden-Württemberg dieses Ziel. Er klagt: Die Positionseliten von Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften koordinieren „auf hoher Ebene“ ihre Interessen. „Nur die kulturellen Positionseliten sind, im Unterschied dazu, mit dem gesamten politischen System wenig vermittelt. In dieser Absonderung kultureller Eliten liegt eine der Ursachen für die Verständnis- und Handlungs-Differenzen zwischen den etablierten Organisationen und ‚marginalen’ Gruppen, deren Sprecher vielfach den kulturellen Eliten zuzurechnen sind.“ (S. 50)

Für die Gesellschaft wirkt diese „Elitenkonvergenz“ (die Gleichrichtung der kulturellen, politischen und ökonomischen Eliten) wie AIDS für die Individuen: Das gesellschaftliche Immunsystem, die Kräfte der Abwehr gegen zerstörerische Angriffe auf das System des demokratischen und sozialen Rechtsstaates brechen zusammen. Die Angriffe des Finanzsystems gegen die ideelle Lebensgrundlage der Gesellschaft können nicht mehr abgewehrt werden, weil es keine unabhängigen kritischen Instanzen, keine kulturelle Öffentlichkeit genügender Stärke mehr gibt.


Die Krise der Demokratie und die Künste

Heute besteht angesichts der gewaltigen zerstörerischen Kräfte der Ökonomie wieder eine Chance, diese „Elitenkonvergenz“ aufzubrechen. Die Diskussion um die Krise der Demokratie zeigt das. Chantal Mouffe, eine ihrer Wortführerinnen, schreibt: „Der demokratische Prozess muss dringend neu belebt werden, und dies kann nur dadurch geschehen, dass die Parteien des linken Spektrums eine antihegemoniale Offensive gegen die Versuchungen starten, die zentralen Institutionen des Wohlfahrtsstaates zu zerstören und das gesamte soziale Leben zu privatisieren und den Regeln des Marktes zu unterwerfen.“ (Mouffe 2011, 5) Andernfalls werden die Bewegungen der politischen Rechten das Feld besetzen. Ähnlich ist die Argumentation von Dani Rodrik (2011): Wenn die Finanzmärkte die Wirkungen im Inneren der Staaten nicht beachten, verlieren sie ihre Akzeptanz bei Publikum und Politikern und das System wird instabil. In Griechenland erleben wir das derzeit am deutlichsten. Die Demokratie wird von ihren Rändern her zerstört, wenn durch die Auswirkungen des Neoliberalismus die zentralen Institutionen des Wohlfahrtsstaates zerfallen und gleichzeitig das gesamte soziale Leben privatisiert und alles den Regeln des Marktes unterworfen wird.

Aber in allen Fällen müssen erst Subjekte aus ihren Enttäuschungen und Leiden Konsequenzen ziehen und auf die eine oder andere Art handeln. Das ist nur möglich mit entsprechenden kulturellen Wertorientierungen. Diese aber entstehen in den Lernprozessen der neuen sozialen Bewegungen, die dabei allerdings der Wortführer, Symbolanalytiker und Begriffsarbeiter bedürfen. Da fehlt es der Linken an Stichworten, Bildern und Symbolen, und an Attraktivität. Die sind zu entwickeln, und dazu genügt nicht der Rückgriff auf das Erbe von 1968 und Friedensbewegung.

Die Programmatische Forderung der Linken bleibt deswegen wichtig: Kunst kann kreativ und qualitätvoll nur zustande kommen, wenn für alle Kulturschaffenden angemessene Lebensbedingungen gewährleistet sind. Wenn von einer „demokratischen Kultur mit Teilhabe und Zugang aller“ die Rede ist, dann wird das auf die Ebene des kulturellen Lebens bezogen. Da konkretisiert sich Kultur in Institutionen, Werken und Manifestationen, und da vermitteln Künste „erweitertes Welt- und Gesellschaftsverständnis“. Das bedeutet, dass es nicht nur um sozialkritische Kunst geht – und wenn, dann um eine „neuer Art“, von der die globalen Herausforderungen mit aufgegriffen werden.

Da sollte die Linke an der lebendigen Gegenwart der Künste teilnehmen und über die Beziehungen zwischen Künstlern und Akteuren der Politik sachverständige Partnerschaft für die Künste herstellen und den Künstlern „Berührungen mit Welt“ (Schiller) ermöglichen.


Programmatische Perspektiven und die Bilder dazu

Auf eine überzeugende gesellschaftliche Perspektive kommt es an (und da wird allerdings etwas mehr gebraucht als die Ideen von André Gorz). Thomas Flierl nennt in seinem Einstiegsreferat bei der Ständigen kulturpolitischen Konferenz (www.kulturation.de, report 164) ein perspektivenreiches Arbeitsfeld, in dem „Kultur und Stadtentwicklung im Zusammenhang“ zu denken sind und die „Orientierung auf die Stadt als Gemeinwesen, als konkrete Gesellschaft“ eine Rolle spielt. „Stadtentwicklung ist - in einem breiten Sinne – ein Leitressort“ (12), sagt Flierl. Das erinnert mich an die außerordentliche Bedeutung, die Alexander Mitscherlich mit seinem Text über die „Unwirtlichkeit der Städte“ für den dann erfolgenden sozialkulturellen Aufbruch auch der „1968er“ hatte.

Die Anerkennung vielfältiger Lebensweisen gehört dazu, daran erinnert Flierl, und setzt auch damit einen anderen Akzent als Diether Dehm: „Da niemand die Pluralisierung der Lebenslagen und die Individualisierung der Lebensstile zurücknehmen kann oder will, bleibt dennoch die Frage, wie es unter diesen Bedingungen gelingen kann, kulturell Gemeinsinn zu konstituieren und welche Funktion hier der Linken zukäme.“ (13)

Den Herausforderungen der Gegenwart, bezogen auf Ökologie und Nachhaltigkeit, Energiekrise und Klimawandel, Gerechtigkeit und internationale Beziehungen zu begegnen braucht es neue Bilder, Märchen, Begriffe und Symbolarbeit, das ist nicht zu bezweifeln. Vor allem braucht es ein auf breiter Ebene überzeugendes Leitbild, nicht (nur) charismatische Persönlichkeiten. Auch die Konferenzen „Kultur neu denken“ versuchen entsprechende Ansätze zu entwickeln. Welche Einzelpersonen mit welchem Charisma dafür stehen, das ist eine andere Sache.

Inspiriert von Dieter Klein hat Gregor Gysi vor vielen Jahren eine programmatische Perspektive zur entwickeln versucht. In seinen „Zwölf Thesen für eine Politik des modernen Sozialismus“ vom August 1999 formuliert er: „Die Verbindung von ökologischem Umbau, Modernisierung der Arbeitsgesellschaft und Begründung einer vielgestaltigen und reichhaltigen Lebensweise könnte einen nachhaltigen Entwicklungstyp schaffen, der die Schranken des fordistischen Kapitalismus überwindet, umweltverträglich wird und die wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine freiere Entwicklung aller ermöglicht.“ „Eine moderne Arbeitsgesellschaft muß auch eine neue Verbindung von Erwerbsarbeit und schöpferischer gemeinschaftlicher und individueller Eigenarbeit ermöglichen. Die Erschließung reichhaltiger und sinnerfüllter Felder für Gemeinschafts- und Eigenarbeit kann bei der ökologischen Umgestaltung der Lebenswelt beginnen, muß die Rückgewinnung der Gestaltungshoheit über die gemeinschaftlichen Angelegenheiten der Kommunen und Regionen umfassen und wird in die Entwicklung einer Vielzahl sozialer und kultureller Projekte münden.“ Das ist nach wie vor die arbeitszentrierte „Tätigkeit“ der „Bürgergesellschaft“. Aber dann ist auch die Rede davon, dass die Erweiterung der Förderung von Kreativität dafür sorgen soll, dass alle „an Erwerbsarbeit und Eigenarbeit nach dem Maß ihrer Fähigkeiten und ihrer Bedürfnisse partizipieren, Sinn für die Verbindung von Arbeit, Leben und Genuss entwickeln und Erfüllung finden“.

Die anderswo verwendete Formel von der „progressiven Entstaatlichung“ ermöglicht heute den Anschluss an die vielfältigen Initiativen des Bürgerschaftlichen Engagements. Es braucht keinesfalls nur verstanden zu werden als Entlastung des sich selbst arm rechnenden Staates. Der erstickt die Versuche der Selbsthilfe und Selbstorganisation von aus Arbeit und Lohn gedrängten Menschen mit bürokratischer „Aktivierung“ und schickt die vereinzelten Individuen als „Arbeitskraftunternehmer“ auf den Markt der Billiglöhner und will dort individuell für sie „Aktivierung zur ‚Verantwortung’“ betreiben und sie mobilisieren. Statt dessen wären die „solidarischen Formen des Sozialen“ zu aktivieren, wären mit neuen Formen der „urbanen Subsistenz“ im städtischen Wohnmilieu und einschlägigen „bottom up“-Aktivitäten zum Energiesparen und zur Verbesserung der Lebensqualität die Kräfte der Selbstorganisation zu aktivieren. Sie spielten in der Arbeiterbewegung immer eine zentrale Rolle. „Selbstorganisation ist Trumpf, auch wenn sie in der klassischen Wirtschaftstheorie praktisch nicht vorkommt“, so lautet die Einsicht der Wirtschaftsnobelpreisträgerin Elinor Ostrom, die mit der „neuen Institutionenlehre“ und der Erinnerung an die Allmende die Selbsttätigkeit ermutigt. Dieses Feld zu beackern sind die Liberalen nicht in der Lage, und die großen Parteien verdecken es mit einem Nebel von „Bürgerschaftlichem Engagement“, das immer nur in Abhängigkeit von Staat und Öffentlicher Hand gedacht wird. Für die Arbeiterbewegung war in Gewerkschaften, Unterstützungskassen, Konsumgenossenschaften, Parteien, Sport- und Kulturorganisationen diese Selbstorganisation immer Überlebensvoraussetzung. Heute entstehen sie im wenig übersichtlichen, aber lebendigen Feld der neuen Bewegungen.

Dort wären dann auch Sozialsysteme zu etablieren, die „den Übergang auf einen neuen, ökologischen Entwicklungspfad und eine neue Verbindung von Wirtschaft und Lebensweise unterstützen“. Mit solcher Programmatik kann eine Partei attraktiv werden, weil sie Wünsche und Hoffnungen konkretisiert, ohne schwammig zu werden.

Damit kann man auch für die intrinsisch nach Ausdrucksmöglichkeiten für die aktuellen Befindlichkeiten suchenden Künstler attraktiv werden und sie in den Dialog ziehen. Dann können Begriffsarbeit, Analyse und die passenden Bild- und Symbolwelten die „neuen Bilder, die das Land braucht“ zusammenkommen.



Nur zum Schluss:

Das Staatsziel Kultur sei unverzichtbar, steht im Programm der Linken. Aber die von der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ vorgeschlagene Formel: „Der Staat schützt und fördert die Kultur“ ist nicht überzeugend (BT-Drs. 16/7000, S. 79). Nach wie vor halte ich es für sinnvoller zu sagen: Der Staat fördert das kulturelle Leben und pflegt das kulturelle Erbe. Ausführlicher müsste man sagen: Der Staat fördert das kulturelle Leben und pflegt das kulturelle Erbe vergangener Generationen, damit heutige und spätere Generationen es in produktiver Aneignung für ihre eigenen Verständigung über ihr Selbstverständnis, ihre Ziele und Werte nutzen können (denn darum geht es eigentlich).