KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2012
Tom Mustroph
Zukunft der Vergangenheit
Die Digitalisierung des kulturellen Erbes
Beispiel Heratempel: die Ruine des antiken Originals in Olympia. Das Digitalisierungsprojekt Archeoguide, das sich im Internet u. a. mit dieser Abbildung präsentierte, wurde im Jahre 2003 abgebrochen. Unterdessen steigt die Zahl der Treffer zum Sucheintrag »Heratempel Olympia« bei Google. Startet man Google-Anfragen nach entsprechenden Web-Einträgen für die Zeit bis Dezember 2001, werden lediglich 83 Ergebnisse angezeigt. Einen wirklichen Boom erfuhr die Digitalisierung erst vor zwei Jahren. Für 2009 liefert Google 11 900 Treffer. Bei aktuellen und zeitlich unbeschränkten Anfragen sinkt die Trefferzahl erstaunlicherweise auf 4590. Grund ist wohl die automatische Aussortierung mehrfach angezeigter ähnlicher Treffer (alle Online-Abfragen 26.12.2011).

Heratempel
© Peterotto Ag.

Nackt sind die Säulen, glatt die Kapitelle des Heratempels in Olympia. Im Gegensatz zum ruinenhaften Original auf dem Peloponnes präsentieren sie sich in der Demonstrationsversion des griechisch-deutschen Projekts Archeoguide immerhin in schönster Unversehrtheit. Man kann sich sogar an das Gebäude heranzoomen, einzelne Details näher betrachten und die Perspektive wechseln. Wenn es die Programmierer in späteren Ausbaustufen ermöglichten, mit einem Mausklick auf die Säulen Informationen über das Material, dessen Herkunft, die Transportwege und die an der Produktion beteiligten Arbeiter zu erhalten sowie den ganzen Heratempel in ein soziales, architektonisches und topografisches Setting einzubetten - inklusive Verweisen auf weitere Studien - dann wäre man Zeuge und Nutzer einer sinnvollen Repräsentation von Kulturerbe im Internet.

Archeoguide
© Archeoguide

Noch ist es nicht soweit. Gegenwärtig zirkulieren im Netz - außer dem 2003 abgebrochenen Archeoguide-Projekt - nur Aufnahmen der letzten übriggebliebenen Säulen des am Anfang des 4. Jahrhunderts bei einem Erdbeben zerstörten Kultbaus. Ein Google-Treffer führt immerhin zu einem Foto, das von der Grabungsexpedition unter Ernst Curtius im 19. Jahrhundert angefertigt wurde und das sich jetzt in den - in einem Pilotprojekt digitalisierten - Wissenschaftlichen Sammlungen der Humboldt-Universität befindet. Das ist wenig. Und auch viel.

Die Digitalisierung kulturellen Erbes ist ein noch sehr junger Trend. Erst im Jahre 2005 startete die EU mit dem Slogan »Europas kulturelles Erbe per Mausklick verfügbar machen« den konzertierten Aufbau digitaler Bibliotheken. Sechs Jahre später kreuzt das Flaggschiff dieser Initiative, die Kulturerbe-Findemaschine Europeana [http://www.europeana.eu/portal/], allerdings noch immer mit eher schlaffen Segeln auf dem digitalen Meer. Zwar hat sie nach Eigenwerbung schon über 20 Millionen Objekte gescannt und fotografiert - davon je über drei Millionen aus Frankreich und Deutschland. Zum olympischen Heratempel bietet sie aber nur ein Foto der Ausgrabungsstätte aus dem Jahre 1897 aus den Beständen des Athener Benaki-Museums an. Gegenüber fast 12 000 Treffern zum Stichwort »Heratempel Olympia« bei Google ist dies erschreckend wenig. Eine Tempoverschärfung ist nicht abzusehen.

»Wir wollen langsam, aber gründlich vorgehen«, blickte Günther Schauerte, Vizepräsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, bei der Konferenz »Ins Netz gegangen - Neue Wege zum kulturellen Erbe« im November in Berlin auf die nahe Zukunft der 2009 ins Leben gerufenen Deutschen Digitalen Bibliothek, den hiesigen institutionellen Zulieferer der Europeana, voraus. Schauerte konnte noch nicht einmal einen exakten Starttermin nennen. Schneller sind dezentrale Akteure. Kulturerbe-Digital, eine gemeinsame Plattform deutscher Bibliotheken, Archive, Museen und Einrichtungen der Denkmalpflege, listet insgesamt 923 Digitalisierungsprojekte von insgesamt 638 Institutionen auf. In wöchentlichem Rhythmus kommen neue hinzu.

Das ist erfreulich. Beim Scrollen durch die Liste bietet sich allerdings nicht das Bild eines gewachsenen Corpus des kulturellen Erbes, sondern eher der Anblick eines Archipels aus verstreuten und disparaten Elementen. Die Digitalisierung des Uigurischen Wörterbuchs an der Universität Göttingen steht neben dem Goethezeit-Portal der LMU München. Diese interdisziplinäre Vorstellung der Epoche des deutschen Dichterfürsten ist wiederum nicht mit dem ebenfalls bei Kulturerbe-Digital gelisteten Projekt der Digitalisierung der Theaterzettel des Weimarer Hoftheaters verlinkt. Virtueller Nachbar einer Fachbibliothek Holztechnologie ist die Vasa Sacra, eine Sammlung beweglicher Objekte in den Kirchen. Aus Angst, potenzielle Diebe auf die Kulturschätze in den Gotteshäusern aufmerksam zu machen, zögerten die Sammlungsbetreiber allerdings, Bilder ins Netz zu stellen.


Wem gehört das Kulturerbe?

Dem Digitalisierungswillen mancher Institutionen steht zudem das gegenwärtige Urheberrecht im Weg. »Ein Großteil des musealen Kulturguts aus neuerer Zeit unterliegt noch den Schutzfristen und kann daher nicht in digitalisierter Form in öffentlich zugängliche Datenbanken eingestellt werden«, betonte der Sammlungsdirektor der Stiftung Haus der Geschichte Dietmar Preißler auf einer Fachtagung im Oktober 2011. Wer einen bildlichen Eindruck von den Exponaten haben wolle - und das sollte das Ziel einer Digitalisierung sein - »muss nach einer generellen rechtlichen Lösung dieses Problems suchen«, so Preißler, der eine Novellierung des Urheberrechtsgesetzes fordert. Damit zielt er auf eine ganz zentrale Frage: Wem gehört das kulturelle Erbe eigentlich?

Gehört es den Einrichtungen, die es bislang bewahrt, aufbereitet, der Forschung und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben? Den privatwirtschaftlichen Akteuren, die angesichts der Langsamkeit der öffentlichen Hand die Digitalisierung vorantreiben und auffindbar machen? Den Autoren und Schöpfern, deren Erben?

»Google gehört es sicher nicht«, beruhigte Max Senges, Vertreter des Suchmaschinenriesen, die Teilnehmer des Symposiums »Ins Netz gegangen«. »Wir wollen nur ein Werkzeug zur Verfügung stellen, das die Dinge zugänglich macht.« Das klingt defensiv. Was Googles Intentionen betrifft, mag der Satz sogar stimmen. Was die Auswirkungen angeht, stimmt er nicht. Wegen der flotten Digitalisierung von Buchbeständen ist Google in einen Urheberrechtsstreit geraten ist. Und französische Bibliothekare beklagen angesichts der universitären Partnerorganisationen des Google-Book-Projekts eine anglo-amerikanische Dominanz. Vor allem aber Googles Architektur und Geschäftsmodell sorgen eben nicht für einen fairen Zugang zum kulturellen Erbe.

Der Suchdienst finanziert sich nach eigenen Angaben zu 98 Prozent aus Werbung. Bei jedem Hinweis auf Objekte des kulturellen Erbes verdient das Unternehmen also mit und kapitalisiert damit das Allgemeingut. Das Verfahren »PageRank«, das die Rangfolge der Treffer auf den Ergebnisseiten bestimmt, bemisst sich an der Popularität der Seiten. Je mehr andere Websites auf eine Trefferwebsite verweisen und je hochkarätiger diese Links sind, desto weiter vorn werden die Treffer präsentiert. Prämiert wird also nicht die Qualität, sondern nur das Ausmaß des digitalen Besucherverkehrs. Das bedeutet: Populäre Seiten werden noch populärer, weiter hinten gelistete rücken noch weiter nach hinten. So kritisiert die an der Universität Namur lehrende Computerwissenschaftlerin Claire Lobet-Maris in der Aufsatzsammlung »Deep Search«: »Dieses Phänomen der ›Reichen, die reicher werden‹, kann insbesondere für neue Qualitätsseiten problematisch werden. Sie können von Web-Nutzern völlig übersehen werden, weil einfach ihre laufende Popularität sehr gering ist. Diese Situation ist sowohl für die Autoren der Website unbefriedigend als auch für die Webnutzer im Allgemeinen.«

Für eine angemessene digitale Repräsentanz des kulturellen Erbes scheint Google, das derzeit mächtigste Navigationsinstrument im Netz, daher unzureichend geeignet. Dass die Firma gegenwärtig über zwölf Millionen Bücher digitalisiert hat, über die Funktion Street View zumindest die Fassadenansichten der bebauten Welt Europas und Nordamerikas per Mausklick erfahrbar macht und mit Google Maps und Google Earth den gesamten Planeten vermisst, ändert daran nichts. Aufgrund des strukturellen Mangels der kontextlosen, auf Algorithmen basierenden Suchmaschinen wie Google rücken ältere Klassifikationssysteme wie Kataloge, thematische Register und Enzyklopädien daher wieder in den Blickpunkt. So stellte Stefan Gradmann von der Berliner Humboldt-Universität etwa die kontextuelle und semantische Sucharchitektur des Europeana Data Model vor. Tim Berners-Lee, einer der »Väter« des WWW, propagiert seit Jahren ein »semantisches Web« jenseits von Google, Facebook & Co.

Auch Wikipedia bringt sich ins Spiel. Die Online-Enzyklopädie startete mit dem Bundesarchiv ein gemeinsames Distributionsprojekt. Das führte dem Bundesarchiv pro Tag zwei bis fünf neue Nutzer zu. Anfragen stiegen um mehr als das Doppelte, Einnahmen aus der Gewährung der Bildrechte auf 193 Prozent. Allerdings führten 95 Prozent aller Neunutzungen zu Verletzungen der Urheberrechtsvereinbarungen der Creative Commons. Die Kooperation wurde daher eingestellt.

Als interessantes Sortierungs- und Repräsentationsprinzip stellte Jürgen Keiper, Leiter der IT Projekte der Deutschen Kinemathek auf der Konferenz »Ins Netz gegangen« die Arche Noah vor. Dieses »Naturarchiv« bewahre Informationen ausdifferenziert und kontextualisiert auf. Durch den Modus der Reproduktion erfolge zudem eine dynamische Sicherung des - gattungsspezifischen - Informationsbestands.


Stein hält sich länger

Keiper wies mit dem Beispiel der Arche Noah auf ein bislang ungelöstes Problem der Digitalisierung hin: die Stabilität digitaler Informationsmedien. Angesichts der rapiden Verfallsfristen von Informationstechnologie ist es gut vorstellbar, dass die ca. 2500 Jahre alten Steinbrocken des Heratempels von Olympia ihre um zweieinhalb Jahrtausende jüngeren Digitalisate überdauern. Zwar lässt sich digitale Information besser sortieren, transportieren und per Copy & Paste weiterverarbeiten als die auf Stein niedergelegte Information. Hinsichtlich der Haltbarkeit scheint das Uraltmedium Stein den quarzhaltigen Chips aber immer noch weit überlegen.

Um das kulturelle Erbe auch digital sinnvoll nutzbar zu machen, reicht Scannen allein nicht aus. Aufbewahrungshorizonte müssen abgesteckt werden. Finanzielle, intellektuelle und symbolische Interessen von Urhebern, Verwertern, Distributeuren und Nutzern sollten in Einklang gebracht werden. Die alte Frage, ob Wissen besser in der korporalen Form einer Enzyklopädie, dem hierarchischen Verweissystems eines Katalogs, der Machtdispositiven unterworfenen »freien Suche« oder in einer neuen, kontextuell und semantisch organisierten Infrastruktur aufbewahrt und zugänglich gehalten werden soll, muss beantwortet werden.

Der Weg vom Betrachten der abgebrochenen Säulen des Heratempels zum Flanieren durch ihre virtuelle Komplettrekonstruktion ist lang und windungsreich.