KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 21 • 2018 • Jg. 41 [16] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2011
Dieter Kramer
Soziales Kapital und Europäische Ethnologie – acht Thesen
1. Europäische Ethnologie beschäftigt sich in Empirie und Theorie mit Kulturprozessen in den Milieus geschichteter (segmentierter, hierarchisch gegliederter) Gesellschaften von hoher Komplexität (Arbeitsteiligkeit) in Vergangenheit und Gegenwart und beachtet dabei die vertikalen und horizontalen Verflechtungen dieser Prozesse (eingeschlossen transkulturelle Beziehungen). Darin besteht ihre spezifische Arbeitsweise im Unterschied zu allgemeiner Kulturwissenschaft und zu Ethnologie/Völkerkunde. Dank solcher Studien kann sie leicht Verbindungen herstellen zu aktuellen Diskursen wie denen zur politischen Theorie der Institutionen, zu Ökonomie und Ökologie und zur Sozialpolitik.

2. Von der „Tragödie der Gemeindewiesen“ reden die Ökonomen und Politiker gern und behaupten, für alle zugängliche Ressourcen würden zerstört, weil jeder Nutzer nur auf seinen Vorteil sieht. Wenn ich früher außerhalb der Europäischen Ethnologie Beispiele für den selbst organisierten Umgang mit solchen Gemeinnutzen zitierte, dann kam das Argument: Ja in der Vergangenheit, in der Ständegesellschaft mit fest geregelten Pflichten und Rechten der Stände, da war das möglich, aber in der Gegenwart gibt es unter den Bedingungen von Marktgesellschaft und bürgerlichen Freiheiten keine Chance. Das Argument zieht nicht mehr. Elinor Ostrom hat mit zeitgenössischen Beispielen gezeigt, dass für knappe Gemeinschaftsgüter weder Privatisierung noch Verstaatlichung der einzige Ausweg aus dem Dilemma der drohenden Zerstörung sind.

3. Das Thema „Selbstorganisation des Umganges mit begrenzten Ressourcen“ gehört zu den Standardthemen der früheren Volkskunde. Immer sind es die aktiven „Subalternen“, die selbst gestaltend ihr Leben organisieren, und deshalb sind sie auch nicht nur „subaltern“, sondern sie sind aktiv in das gesellschaftliche Leben eingreifende Subjekte.

4. Der geregelte und durch soziale Kontrolle auch mit Sanktionen geschützte gemeinschaftliche Umgang mit begrenzten Ressourcen ist nicht nach Kriterien eines ökonomischen Optimums zu bewerten. Vielmehr ist ein „Sozialkulturelles Optimum“ als Kriterium angemessener, das Nachhaltigkeit als Überdauern in prekären Umwelten und - mit den Komponenten Gemeinwohl-, Geselligkeits- und Interessenorientierung - auch Lebensqualität generieren hilft. Der „neue Institutionalismus“ bezieht sich auf diese Formen jenseits von Staat und Markt, aber er vernachlässigt die historische und die sozialkulturelle Tiefendimension.

5. „Brauch und Gesetz, Magie und Religion wirkten zusammen, um den einzelnen zu Verhaltensformen zu veranlassen, die letztlich seine Funktion innerhalb des Wirtschaftssystems sicherten.“ (Polanyi) Die enge Verbindung von materieller Reproduktion des Lebens und kulturellen Formen ist Charakteristikum komplexer „vormoderner“ Lebensformen. Elinor Ostrom hat aus der ökonomischen Perspektive die kulturellen Komponenten vergessen. Nutzung von Gemeineigentum und Gemeinwerk funktionieren sowohl dank kultureller Wertsetzungen wie auch kultureller Handlungen wie Bräuchen und Festen. Das berücksichtigt auch André Habisch nicht, wenn er das „soziale Kapital“ für die Sozialpolitik aktiviert.

6. Auch in der Krise der Demokratie, wie sie mit dem Begriff „Postdemokratie“ thematisiert wird, spielen solche Überlegungen eine Rolle: Das geringe politische Interesse und die sinkende Wahlbeteiligung bei Menschen mit niedrigem Bildungs- und Sozialniveau z. B. ist auch Folge der verweigerten Anerkennung. Das historische Beispiel der Arbeiterbewegung zeigt, dass es sich nicht um einen Automatismus handelt.

7. Die Europäische Ethnologie erinnert an ein breites Spektrum von informellen, halbformellen und formellen Formen des Umganges mit begrenzten Ressourcen. Sie zeigt, wie in die Verwaltung von solchen Ressourcen die gesamte Lebensweise mit Festen, Bräuchen, Heiratsverhalten einbezogen ist. Wenn „soziale Kontrolle“ dabei aufgewertet wird, so ist das ein „Dilemma zweiter Ordnung“.

8. Angesichts der sozialpolitischen und demokratiepolitischen Probleme der Gegenwart in den europäischen Industriegesellschaften ist eine sozialkulturelle Strukturpolitik angesagt, bei der Menschen ihre Lebenswelt unter Einschluss kultureller Strukturen und Instrumentarien gemeinschaftlich und lokal zu gestalten befähigt werden – selbsttätig und mit anregender oder ermöglichender staatlicher (öffentlicher) oder gemeinnütziger Hilfe (nicht nur vom „ermöglichenden“, sondern auch vom „aktivierenden Staat“ wird in diesem Zusammenhang gesprochen). Sozialkulturelle Strukturpolitik für eine soziale Stadt kann sich dabei anregen lassen durch Formen von „Commons“, mit denen „Soziales Kapital“ und Ressourcen der Gemeinschaftlichkeit aktiviert werden können. Dank der Gemeinwohl-, Geselligkeits- und Interessenorientierung solchen bürgerschaftlichen Engagements können Lebensqualität und Zukunftsfähigkeit in neuartigen Verbindungen von Tradition und Zeitgenossenschaft („Modernität“) entstehen.


Literaturauswahl

Crouch, Colin: Postdemokratie. Bonn: Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2009.


Eskeröd, Albert: Soziale Organisation. In: Schwedische Volkskunde. Quellen, Forschung, Ergebnisse. Festschrift für Sigfrid Svensson … Stockholm u.a.: Almqvist & Wiksell 1961 S. 153 – 179.

Habisch, André: Soziales Kapital, Bürgerschaftliches Engagement und Initiativen regionaler Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik. In: Bericht Bürgerschaftliches Engagement: auf dem Weg in eine zukunftsfähige Bürgergesellschaft. Opladen: Leske + Budrich 2002 (Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ des Deutschen Bundestages Schriftenreihe Bd. 4), S. 729 – 741.

Honneth, Axel: Kampf um Anerkennung im frühen 21. Jahrhundert. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 1-2/2011 S. 37-45.

Kramer, Dieter: Grenzgänge. Die "Tragödie der Gemeindewiesen" und die europäische Kulturgeschichte. In Vf.: Von der Notwendigkeit der Kulturwissenschaft. Marburg 1997, S. 35-42 (s. auch Österreichische Zeitschrift für Volkskunde 89 1986 209 -226).

Ostrom, Elinor: Die Verfassung der Allmende: Jenseits von Staat und Markt. Tübingen: Mohr & Siebeck, 1999.

Polanyi, Karl: The Great Transformation. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1978.

Weiss, Richard: Das Alpwesen Graubündens. Wirtschaft, Sachkultur, Recht, Älplerarbeit und Alperleben. Erlenbach-Zürich: E. Rentsch 1941.