KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 21 • 2018 • Jg. 41 [16] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2011
Dieter Kramer
Kultur in der internationalen Politik - Eine Herausforderung für die Europäische Ethnologie – fünf Thesen
1. Europäische Ethnologie beschäftigt sich in Empirie und Theorie mit Kulturprozessen in den Milieus geschichteter (segmentierter, hierarchisch gegliederter) Gesellschaften von hoher Komplexität (Arbeitsteiligkeit) in Vergangenheit und Gegenwart und beachtet dabei die vertikalen und horizontalen Verflechtungen dieser Prozesse (eingeschlossen transkulturelle Beziehungen). Darin besteht ihre spezifische Arbeitsweise im Unterschied zu allgemeiner Kulturwissenschaft und zu Ethnologie/Völkerkunde.

2. Sie ist eine Wissenschaft, die Brücken zwischen Theorie und Empirie, Analyse und Alltag schlagen muss. Die für mich wichtigste Brücke ist die zwischen Wissenschaft und Leben, damit die zwischen der Politik als einer Form der gemeinschaftlichen Lebensgestaltung, an der wir alle auch aktiv beteiligt sind (ob wir wollen oder nicht) einerseits, und andererseits der reflektierenden Wissenschaft, die zwar nicht weiß, wo es lang geht oder gehen soll, aber reflektierend mit ihrem Handwerkszeug die Lebenspraxis begleitet, über mögliche Konsequenzen nachdenken hilft und auf relevante Dimensionen hinweist.

3. UN und UNESCO versuchen, jenen Mangel zu überwinden, der dadurch entsteht, dass universelle, weltweit von allen geteilte Werte nicht manifest wirken und es keine alle verbindenden Rechtsgrundsätze und keine wahrgenommene gemeinsame Verantwortung gibt, gleichwohl aber alle in gemeinsamer Verantwortung für Lebenswelt, Frieden und Zukunft stehen. Von allen Mitgliedern der UN akzeptierte Grundsätze und Prinzipien, die (im Idealfall) Bestandteil des Völkerrechts werden können, sollen darüber hinweghelfen.

4. Die „Konvention zum Schutz des immateriellen Kulturerbes“ formuliert ein Programm zur Einbettung der nicht verschriftlichten Überlieferung in die gemeinsame Verantwortung und bezieht sich vielfältig auf Themen der Europäischen Ethnologie. Für die Europäische Ethnologie bedeutet diese Konvention nicht einfach eine Aufforderung zum Sammeln und Dokumentieren von „intangible cultural heritage“, sondern mehr: Sie muss nachdenken über die Rolle der immateriellen Überlieferungen in der Gesellschaft in Vergangenheit und Gegenwart und darüber, welche Elemente dieses Erbes heute nutzens- und schützenswert sind und wie dieser Schutz aussehen kann. Dass damit die ganze Diskussion über „angewandte Volkskunde“ und über die Souveränität der Nutzer wieder aufgegriffen werden kann und muss, ist unvermeidlich. Auf der Grundlage der normativen Vorstellungen der UNESCO erhält sie neue Dimensionen. Dies gilt erst Recht, wenn man sich daran erinnert, dass kulturelle Strukturen eine unverzichtbare Dimension der Gestaltung des gemeinschaftlichen Lebens sind.

5. Das Übereinkommen über Schutz und Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen der UNESCO, die Kulturverträglichkeitsklausel des EU-Vertrages, das „Diversity-Management“ in der Integrationspolitik und die Diskussion um „lokales Wissen“ werten kulturelle Vielfalt als unverzichtbare Ressource auf. Damit werden auch die „vormodernen“ Formen der Organisation des materiellen und sozialen Lebens neu gewichtet, wie sie von Ethnologie, Europäischer Ethnologie und Cultural Studies analysiert werden. Die neue Beachtung, die durch die Wirtschafts-Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom den „Allmende-Ressourcen“ geschenkt wird, zeugt davon. Das ermutigt Europäische Ethnologen, auch die historischen Dimensionen ihrer Wissenschaft neu in Wert zu setzen.

Literaturhinweise

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Übereinkommen über Schutz und Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen. Magna Charta der Internationalen Kulturpolitik. Bonn: Deutsche UNESCO-Kommission 2006 .

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Berger, Karl C., Schindler, Margot; Schneider, Ingo (Hg.): Erb.gut? Kulturelles Erbe in Wissenschaft und Gesellschaft. Wien: Verein für Volkskunde 2009.

Luger, Kurt; Wöhler, Karlheinz (Hg.): Welterbe und Tourismus. Schützen und Nützen aus einer Perspektive der Nachhaltigkeit. Innsbruck, Wien, Bozen: StudienVerlag 2008, S. 71 – 86.

Hemme, Dorothee; Tauschek, Markus; Bendix, Regina (Hrsg.) Prädikat „Heritage“. Wertschöpfungen aus kulturellen Ressourcen. Berlin: Lit Verlag 2007, 367 S. (Studien zur Kulturanthropologie/Europäischen Ethnologie Bd. 1)