KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 21 • 2018 • Jg. 41 [16] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2011
Ina Merkel
Laudatio für Dietrich Mühlberg zum 75. Geburtstag
Eine Feier der Kulturinitiative ´89 im Berliner Salon Rohnstock ehrte ihn
Lieber Dietrich, liebe Anwesende,

es ist mir eine große Freude, heute anlässlich Deines 18. Geburtstages – ja ich weiß, der Witz hat einen Bart, dennoch handelt es sich um eine unumstößliche Tatsache – Dir eine Rede halten zu dürfen, sogar eine Lobrede. Vielleicht fragst Du Dich, und auch die Eine oder Andere im Raum, warum gerade ich die Ehrenrede halte, war ich doch weder Deine Schülerin noch jemals Deine Mitarbeiterin. Sicher, ich habe bei Dir Vorlesungen gehört und Prüfungen abgelegt, Du warst auch Gutachter sowohl bei der Dissertation (da hast Du mir Ableitungsmarxismus vorgeworfen und nur cum laude gegeben), als auch bei der Habilitation. Ich habe viel von Dir gelernt, Du hast mich stets wohlwollend gefördert und mich einmal aus einer tiefen wissenschaftlichen Krise gerettet, aber ich war nie Mitglied in Deinem Klub, habe nicht zum „inner circle“ der Arbeiterforscher gehört. Ihr wart mir sogar viele Jahre lang höchst suspekt.

Erst nach eigenen Erfahrungen mit historischem Arbeiten, der Auseinandersetzung mit archivalischen Quellen ist mir der Reiz des geschichtlichen Arbeitens aufgegangen. In diesem Gang von der philosophisch-kulturtheoretisch-abstrakten Betrachtung mit ihrem Anspruch auf Gesellschaftserklärung hin zur empirisch fundierten Interpretation allerdings ähneln sich unsere wissenschaftlichen Wege. Es ist diese Erfahrung, aus der heraus ich die Herangehensweise, das historisch-kritische Denken, das Interpretieren in Ambivalenzen, das Hin- und Herwenden einer Sache, wie es für Dein Denken charakteristisch ist, schätzen gelernt habe. Wenn ich mich heute nicht nur geehrt, sondern auch berufen fühle, Dir eine Rede zu halten, dann deshalb, weil ich eine geistige Verwandtschaft fühle, die mir wichtig ist.

Als Du am 29. Februar 1936 geboren wirst, können sich Deine Eltern nicht für einen Namen entscheiden, daher bekommst Du drei, nämlich Dietrich, Peter und Otto und fragst Dich fortan, mit welchem Du wohl am besten durchs Leben schreiten solltest. Es ist das Jahr, in dem der spanische Bürgerkrieg beginnt und in Nazi-Deutschland Olympiade inszeniert wird. In Berlin wird eine Straße nach Dir benannt, wie Du mir einmal erzählt hast, weil Du das erste in dieser neugebauten Straße geborene Kind warst. Deinem Vater war diese Aufmerksamkeit gar nicht recht, er war bekannt als politisch aktiver Linker. Es ist auch das Jahr, in dem in New York der Chaplin-Film „Moderne Zeiten“ uraufgeführt wird, den Du wahrscheinlich erst 20 Jahre später in Westberlin gesehen hast. Und es ist das Jahr der Feuer-Ratte. Feuer-Ratten sind charmant, intelligent, humorvoll, gesellig, treu, kreativ, wissbegierig, strebsam, sparsam und heiter aber auch ungeduldig. Sie strotzen nur so vor Kraft, die sie gerne für innovative Projekte und abenteuerliche Forschungsvorhaben einsetzen.

Welche dieser Eigenschaften und Ereignisse haben Dein Leben geprägt? Du bist als ein klassisches Kriegskind aufgewachsen, also mit Elend, Angst, Not, Hunger konfrontiert gewesen, aber das hat Dich nicht zu einem ängstlichen oder sparsamen Menschen gemacht. Als ich mich einmal in die These verrannt hatte, dass aus Entbehrung und Mangel ein Hang zum pragmatischen Konsum folge, hast Du mir die Geschichte erzählt, wie Ihr Euch als Kinder 1945 nach Kriegsende Mehl, Zucker, Butter und Kirschen vom Munde abgespart habt, um einen Kuchen zu backen und Euch einmal richtig den Bauch voll zu stopfen. Im Ausstellungsband „Anfänge der Arbeiterfreizeit“ von 1989 schreibst Du, dass „die Unsicherheit der Verhältnisse wie Kargheit und Flüchtigkeit der gelegentlichen Genüsse einen elementaren Hedonismus“ erzeugt hätten. Er zeige sich nicht nur in ruinös-verschwenderischen Geldausgaben (etwa für Alkohol, Luxusspeisen und modische Kleidung), sondern auch im Durchbrechen der vorgeschriebenen Zeitordnung, im Bummeln und Blaumachen. [1]

Die kurzen aber heftigen Genüsse wurden später zu einem Deiner Leitthemen. Dich selbst hat der Hunger zum Gourmet erzogen, das Elend zum Hedonisten gemacht. Deine Großzügigkeit als Gastgeber und Deine Kochkünste sind jedenfalls sprichwörtlich. (Übrigens sagt man den im Winter geborenen Ratten Esslust und Feinschmeckerei nach.)

Du bist im Nachkriegs-Berlin zur Schule gegangen, hast Abitur gemacht und studiert. Dein Jahrgang bleibt verschont vom Armeedienst (Du hast wohl nur so eine Art sechswöchiger Grundausbildung absolviert), so bist Du im Alter von 23 Jahren mit dem Studium fertig: Philosophie, Ästhetik, Germanistik und Kunstgeschichte, und gehst als wissenschaftlicher Assistent nach Greifswald, wo Rudolf Bahro, mit dem Du zusammen studiert hattest, die Universitätszeitung leitete. Wie viel Begeisterung und Idealismus für die sozialistische Sache stecken da noch in Euch?

Mit Mitte 20 wirst Du für zwei Jahre nach Sofia delegiert. Du hättest bei einem Ausflug ans Schwarze Meer meinen Eltern begegnen können, die zum ersten Mal in ihrem Leben im Ausland Urlaub machten, wovon sie noch Jahrzehnte schwärmten, aber ich weiß nicht, ob Bulgarien auch das Land Deiner Träume war.

Mit 27 Jahren kehrst Du als Doktorand an die Humboldt-Universität zurück, fünf Jahre später promovierst Du über „Dialektischen Determinismus im historischen Kulturprozess. Versuch zu den philosophischen Grundlagen der Kulturauffassung der sozialistischen Gesellschaft“. Da bist Du schon seit drei Jahren Leiter der Abteilung Kulturtheorie am Institut für Ästhetik. Eine rasante Karriere, nicht nur nach heutigen Zeitmaßstäben. Als knapp Dreißigjähriger hast Du einen neuen Studiengang nicht nur mit aufgebaut, sondern regelrecht erfunden. Du hast gelehrt und zugleich an der Habilitation über „Die Herausbildung einer wissenschaftlichen Kulturauffassung der Arbeiterklasse. Die philosophische Grundlegung durch Karl Marx und die aktuelle Situation“ gearbeitet. Mit 38 Jahren, das ist 1974, wirst Du Professor. Du bist das zweite Mal verheiratet und hast drei Kinder. (Übrigens sagt man Feuer-Ratten nach, sie seien sehr gefühlsbetonte Zeitgenossen. Sie hätten einen ausgeprägten Familiensinn und würden ihre Kinder über alles lieben.)

Aber zurück zur Kulturauffassung. Würde ich aufgefordert werden, die Berliner Kulturwissenschaft, so wie ich sie Ende der 70er Jahre studiert habe, auf einen Begriff zu bringen, so wäre es der einer weiten Auffassung von Kultur als Lebensweise, verkündet und für wahr befunden von Kurt Hager, Politbüromitglied und späterem Verfechter der These, man müsse sich nicht verpflichtet fühlen, seine Wohnung zu tapezieren, nur weil der Nachbar dies täte. Auf der 6. Tagung des ZK der SED 1972 – unvergesslicher Prüfungsstoff – vertrat er das Konzept eines weiten Kulturbegriffs, in dem die „Gesamtheit der Lebensbedingungen, der materiellen und geistigen Werte, Ideen und Kenntnisse“ gefasst ist. [2] Berliner Kulturwissenschaftler hätten das Gefühl haben können, als würde er aus einem ihrer Studienhefte zitieren. Oder hattet Ihr selbst Hager zugearbeitet, wart Ihr die Stichwortgeber für einen neuen kulturpolitischen Kurs?

Und woher kam dieser neue Gedanke, der ja beinhaltete, dass man die individuelle Subjektivität, individuelle Aneignungsprozesse akzeptierte und ernst nahm? Auch wenn sich das mir damals als eine originäre Idee der DDR-Kulturwissenschaft darstellte, weiß ich doch heute, dass in Großbritannien bereits in den 50er Jahren eine dezidierte Auseinandersetzung mit einem wertenden, hochkulturellen, bürgerlichen Begriff von Kultur geführt worden war. Raymond Williams hatte seine These von Kultur als umfassender Lebensweise 1958 publiziert. War etwas von diesem Denken in der DDR angekommen, schließlich handelte es sich um marxistische Positionen? Oder war angesichts der populärkulturellen Entwicklungen in Europa einfach nur die Zeit dafür reif, und es gab in Ost und West ähnliche Überlegungen?

Mag sein, dass sich hier theoretische Konzepte kreuzten, die Einführung des Begriffs der Lebensweise bedeutete für die DDR-Kulturwissenschaft jedenfalls die Abkehr von der Vorstellung, die Produktionsbedingungen würden das Leben determinieren. Dagegen habt Ihr behauptet, die Individuen würden sich die gegebenen Verhältnisse schöpferisch aneignen. Es ging Euch um nichts Geringeres als die „Ausbildung ... individueller Subjektivität und Persönlichkeit“. [3] Das je „historische Maß der individuellen Freiheit“ [4], das war für Euch die kulturelle Frage. Und darin steckte eine gehörige Portion Idealismus.

Wann, lieber Dietrich, ist er Dir abhanden gekommen? Oder hast Du ihn nur historisch gewendet?

1974 – es muss unmittelbar nach Abschluss der Habilitation gewesen sein – begibst Du Dich in ein neues Forschungsfeld, Du gründest Deinen Klub, die Forschungsgruppe Kulturgeschichte des Proletariats. Du suchst die Zusammenarbeit mit Volkskundlern. Die Marginalisierten ganz unter sich. Du fängst akademisch gesehen noch einmal von vorne an und landest einen unerwarteten Treffer. Du rehabilitierst die Lebensweise einer Klasse als Kultur, der bis dahin und noch lange danach, um mit Kuczynski zu sprechen, nur „ein verdünnter Aufguss oder eine Simplifizierung der Kultur der herrschenden Klassen“ zugestanden wurde. Weiter Kuczynski 1981: „Was es an Kultur unter den ausgebeuteten Werktätigen gab, (waren) ... einige(r) Volkslieder und Gedichte, die aber wohl nicht von Werktätigen verfasst wurden. Eine wirklich zweite Kultur, eine echte Kultur der Werktätigen, von der Lenin so eindringlich spricht, hat erst die Arbeiterklasse schaffen können.“ [5] Solche Sprüche müssen Dich provoziert haben. Das ging gegen Deine Vorfahren, von denen Du Geschichten kanntest und Bilder hattest, die etwas anderes erzählten. Eines dieser Bilder hängt in Deiner Wohnung, Du hast es oft veröffentlicht: Dein Großvater mit grandiosem Schnauzer am Stehtisch mit der Molle in der Hand.

So habe ich Dich kennen gelernt. Nicht mit dem Bier in der Hand, das nun nicht gerade, jedenfalls nicht gleich, aber so in sich ruhend, selbstgewiss, locker. Als ich 1978 in Berlin mit dem Studium begann, hast Du auf mich einen sehr entspannten Eindruck gemacht, skeptisch, manchmal zynisch, selbstironisch, unprätentiös, ohne jeden Eifer, irgend eine Art von Wahrheit zu verkünden. Da hattest Du Dich bereits von den Höhen der Kulturtheorie, dem „Ableitungsmarxismus“, verabschiedet und in die Niederungen der Empirie begeben. Du hattest Dir ein marginalisiertes Forschungsfeld gewählt: Die Lebensweise des Proletariats um 1900, das wenig Anerkennung versprach und politisch heikel war. Du hattest begonnen, nach den absichtlich verschütteten sozialdemokratischen Denktraditionen zu fahnden, Du wolltest dem Proletariat eine eigene Kultur zusprechen und ihre Lebensweise als selbstbestimmte und eigenwillige Form der Aneignung gegebener Verhältnisse interpretieren – war das größenwahnsinnig oder einfach nur intellektuelle Lust, wider den Stachel zu löcken?

Ich habe das damals nicht verstanden. Für mich war die Vorstellung, sich mit Geschichte zu befassen, seinerzeit eine grausige. Geschichtsschreibung in der DDR, auch noch über Arbeiter, das war mir zu eng mit herrschender Ideologie verkoppelt. Alles schien klar und längst tausendfach gesagt zu sein, die Deutungsmuster waren festgelegt, alle Geschichte wurde als die Geschichte von Klassenkämpfen aufgefasst – in diesem Konzept schien mir für Widersprüche und Ambivalenzen kein Platz zu sein. Aber genau das war Dein Ansatzpunkt: Das kann doch nicht schon alles gewesen sein: die ärmste Klasse, die revolutionärste Klasse, die führende Klasse – immer nur Elend und Klassenkampf und keine Kultur, nirgends. Die Erbe-Diskussion der 70er Jahre, in der vor allem geistige und künstlerische Hinterlassenschaften betrachtet und für die sozialistische Kultur „aufgehoben“ wurden, ging am proletarischen Erbe fast vollständig vorbei. Es übersah, dass die großstädtischen Arbeiter eine neue Lebensweise kreiert hatten. Die Suche nach diesem historisch Neuartigen bestimmt in den nächsten Jahren Deine Forschungsarbeit. Mit Marx erkennst Du als Elemente der neuen proletarischen Lebensweise das an, was von anderen denunziert und abgewertet wird: „universelle Bedürftigkeit, allgemeine Arbeitsamkeit und wissenschaftliche Denkweise (das neue industrielle Produktionsdenken eingeschlossen)“ und mit Lenin „die Klasse, die sich die gesamte städtische, industrielle, großkapitalistische Kultur zu eigen gemacht hat“ und „proletarische ‚Tugenden’ wie Fleiß, Ordnung, Leistungsstreben, Wettbewerbsverhalten, Qualitätsarbeit, sparsamer Umgang mit Arbeitszeit, Energie und Material“ ausgebildet hat. Was den revolutionären Führern der Arbeiterklasse verdächtig erschien und als systemstabilisierendes Verhalten geächtet wurde – auch die „unbegründete Reserviertheit gegenüber den Freizeitbeschäftigungen der Arbeiter, die rigorose Verurteilung jeder Nutzung der Angebote des kapitalistischen Marktes und Staates für Erholung, Entspannung, Unterhaltung, Geselligkeit“, adelst Du nun als kulturelle Errungenschaft. [6] Später wird Alf Lüdtke dafür den Begriff „Eigensinn“ prägen.

Von heute aus gesehen macht es den Eindruck, als habest Du absichtlich ein Thema abseits der großen Sprüche und Meriten gewählt, war Dir das damals auch schon klar, wohin das führen würde? Wusstest Du, dass Du damit provozieren würdest, wenn Du Bebel und Kautsky, den alten Liebknecht und Weitling ausgräbst, wenn Du dem Arbeiter in die Trinkhallen und Vergnügungsetablissements folgst? Oder hatte Dich einfach nur das historische Material gepackt und ließ Dich nicht mehr los? Ich könnte es Dir nachfühlen. Der Gang in die Geschichte ist kaum dazu gut, gültige Antworten zu finden, er wirft nur immer neue Fragen auf. Das wurde Dein Lehrprinzip, so wie ich es erlebt habe, keine Antworten mehr, statt dessen Fragen, Skepsis und immer neue Denkfäden und Interpretationsangebote.

Eine Deiner Forschungsthese lautet 1978: „Die proletarische Kultur ist als Lebensweise... nicht nur ‚Gegenkultur’ zur bürgerlichen Kultur, sondern in den höheren Entwicklungsphasen auch alternatives soziales Programm einer nachkapitalistischen Nationalkultur und somit die kulturelle Voraussetzung der sozialistischen Gesellschaft und ihrer Kultur.“ [7] Diese These war vielleicht nicht leicht zu verstehen, aber sie passte ganz gut ins politische Selbstverständnis des Arbeiter- und Bauernstaates DDR. Viel heftiger dürfte gewesen sein, dass Du auf dem gleichen Kolloquium verkündest: „Wir sehen im sozialdemokratischen Selbstverständnis der Arbeiterbewegung als Kulturbewegung eine wichtige ideologische Tradition sozialistischer Kultur in der DDR.“ [8] Schon klar, es ging um die Zeit vor 1914. Dennoch dürfte das als klare Ansage verstanden worden sein. Wieso haben die das eigentlich geschluckt?

Und dann gehst Du noch einen Schritt weiter und wirfst den Vordenkern der Partei (aus dem ZK, der Gewi-Akademie) vor, sie könnten auch die moderne Lebensweise Werktätiger im Sozialismus nicht verstehen, wenn sie schon die Lebensweise der Proletarier nicht verstünden und meinten, „der Entfremdung in der sinnentleerten Arbeit entspreche in der Freizeit ein ‚Rückzug ins Private’; das Leistungsprinzip erziehe ‚Konsumidioten’, die die geistigen Werte gering schätzten; ... die Arbeiter (verfielen) nun der neuen industriellen Massenkultur; sie seien nicht auf der Höhe der Bildung ihrer Zeit und ohne jeden Kunstsinn, statt dessen nähmen sie mancherlei Kitsch an, ließen sich mit Surrogaten abspeisen usw.“ [9] Irgendwie klingt dieser Aufsatz von 1981, den Du zusammen mit Isolde Dietrich verfasst hast, ungeduldig, fast wütend. Der Kampf für die Anerkennung des Vergnügens und der Genüsse ist zu Deiner Mission geworden.

Du hast mit dieser Wende zum empirischen Arbeiten auch, wie ich erst viel später begriffen habe, das Lustprinzip, nach dem Du selbst gelebt hast, historisch gewendet. Du hast Dich gefragt, ob bei dem ganzen Arbeiten und Kämpfen nicht auch ein kleines bisschen Spaß dabei gewesen war und ob es diesen Spaß nicht wert war. Du hast die moralinsaure Aufregung über Kinovergnügen, Schund- und Schmutzliteratur, die Kneipe gar nicht verstanden, weil Du selbst gern ins Kino gegangen bist und selbst gern ein Bier getrunken hast. Du hast Dir eine andere Perspektive, einen anderen Blick erlaubt: auf die Lebensweise, den Alltag, das ganz normale Leben – vielleicht nicht jenseits von Klassenkämpfen, aber doch nicht immer und jederzeit politisch, klassenkämpferisch, parteilich. Die Quellen waren gewiss amüsant und aufschlussreich. Sie erzählten etwas über Industrialisierungs- und Urbanisierungsprozesse, über Vergnügen, Massenmedien, Konsum, über Kleinbürgerlichkeit, Religiosität, Laster und Verfehlungen, über patriarchale Familienverhältnisse, Sexismus, Konservativität. Es ging Dir um die Legitimierung der neuen Genüsse von Arbeitern (Kino, Detektivromane, Alkohol) als die „von intensiv und hart arbeitenden Menschen..., die nur über Freizeit, nicht aber über die Muße ehemals herrschender Klassen verfügten“. [10]

Mitte der 80er Jahre erscheinen Schlag auf Schlag die Ergebnisse jahrelangen Arbeitens. In „Woher wir wissen, was Kultur ist“ von 1983 erlaubst Du Dir mehrere Kapitel über „wissenschaftliche Kulturauffassung in der deutschen Arbeiterbewegung“, 1985 erscheint als Gemeinschaftsproduktion „Arbeiterleben um 1900“ und 1986 „Proletariat. Kultur und Lebensweise im 19. Jahrhundert“, zwei quellengesättigte Darstellungen der Lebensweise großstädtischer unterbürgerlicher Schichten. Dem Proletariat wird eine eigene Kultur zuerkannt – mit eigener Lebensweise und eigenen Kulturvorstellungen, nicht als „niedere Kultur, sondern eine andere, eine Kultur industrieller Leistung und des Widerstandes, wirkungsvoller Genüsse und der Bekämpfung des Mangels, persönlich unabhängigen Lebens unter Massen und der Organisation durch Solidarität.“ [11]

Während der erste Band den Fokus auf die deutsche Geschichte legt, zeichnet sich der zweite durch einen gesamteuropäischen Zugang aus. Die europäische Perspektive war für mich damals besonders erhellend, wurde darin doch irgendwie klar, dass wir in Ost und West eine gemeinsame Geschichte miteinander teilten. Darüber muss es mit Dir eine politische Auseinandersetzung gegeben haben, von der ich nur aus Andeutungen und Halbsätzen etwas weiß. Anlass war wohl ein gemeinsam mit Helmut Hanke verfasstes Forschungskonzept – heute würde man sagen Strategiepapier – „zu europäischen Trends kultureller Entwicklung“. [12] Davon wüsste ich gern mehr, wie überhaupt die Art und Weise der Verbindung von Wissenschaft und Politik, Forschungs- und Parteiarbeit der Aufarbeitung harrt. Weißt Du noch, wie Du einmal vor versammelter Mannschaft – Lehrende und Studierende waren in einer Abteilungsparteiorganisation – Jürgen Kuttner angebrüllt hast? Und er brüllte immer wieder zurück, bis er schließlich Türen knallend den Vorlesungsraum verließ. Oder dass es Redeabsprachen gab, wenn ein Mitglied höherer Parteiorgane zu Gast war? Wie war das miteinander verwoben, das Hochschullehrerdasein und das Genosse-Sein?

Zur 750-Jahrfeier Berlins 1987 wird maßgeblich auf Deine Initiative hin das Arbeitermuseum in der Husemann-Straße eröffnet. Die ebenfalls dort gezeigte Sonderausstellung „Anfänge der Arbeiterfreizeit“ wandert 1989 noch vor der Wende nach Westberlin. Du willst das Museum „als Werkstatt zum Nachdenken und ideellen Projektieren“ verstanden wissen. „Zugleich wäre da auf vergnügliche Weise das Selbstverständliche infrage zu stellen, das Vorurteil sachte zu erschüttern und Mut zu machen, die eigenen kulturellen Klischees zu belächeln“, sagst Du im Juni1989 auf einer Tagung zur Arbeiterkulturforschung in Westberlin. [13]

Als ich, um mich auf diese Laudatio vorzubereiten, in Marburg nach Schriften von Dir suchte, war ich erstaunt, dass sich die wichtigen Bücher und die MKF fast vollständig in unserer Bibliothek befanden. Wahrscheinlich war Dieter Kramer, der in MR studiert hat, nicht unwesentlich an der Anschaffung beteiligt. Dein Name hatte in Marburg einen guten Klang. Ihr habt das Interesse an der Arbeiterkulturforschung geteilt, das sich in den 70er Jahren in Ost und West gleichzeitig herauszubilden begann. Ihr kanntet Euch von Tagungen in Tübingen, von Ausstellungen in Berlin. Warum erlebte dieses Interesse gerade in den 70er Jahren so einen Aufschwung? Hatte es etwas mit der Auflösung der alten arbeiterlichen Lebensstrukturen zu tun? Dass es Arbeiter im alten proletarischen Sinne nicht mehr gab, dass sie eine aussterbende Art geworden waren, gewissermaßen reif für das Museum? Dass nur noch Mythen im Umlauf waren, Heroisierungen, Tabus aber kein wirkliches Wissen? Wenn man sich Deine Beschäftigung mit dem Ossi ansieht, könnte der Verdacht entstehen, dass darin vielleicht eine Traditionslinie verborgen ist. Dietrich, hast Du es mit den aussterbenden Arten? Oder geht es dabei um etwas ganz anderes, um den Kampf gegen kulturelle Abwertung, um die Ungerechtigkeit des Vergessens?

Als 1989 die Wende kommt, bist Du 53 Jahre alt, so alt wie ich heute. Du hast sie ohne Zögern willkommen geheißen, wenngleich nicht ohne gesundes Misstrauen. Ich erinnere, wie Du mich knallhart aus meiner Euphorie gerissen hast mit der Bemerkung, am 4.11. hätten nicht die Arbeiter demonstriert, sondern die Angestellten, wobei Du Dich und mich großzügig da mit eingerechnet hast. Du hast Dich auch nicht der intellektuellen Beschimpfung angeschlossen, die Mehrheit der DDR-Bevölkerung habe „nach dem Bauch“ für die D-Mark optiert, sondern Verständnis eingefordert: „Trotz der (für viele schon damals absehbaren) unvermeidbaren Einbußen an sozialer Sicherheit sahen sie darin für sich mehr Freiheit, mehr Handlungsspielraum, mehr Herausforderung, mehr Möglichkeiten, sich als Individuen zu betätigen und bestätigt zu fühlen.“ [14] Du hast die Kulturinitiative `89 gegründet, den lange vorher geplanten Verein der KulturwissenschaftlerInnen, und Du hast zu meinem Bedauern Deine Kulturgeschichte moderner Geschlechterverhältnisse, an der Du gemeinsam mit Annette Mühlberg gearbeitet hast, erst beiseite gelegt und schließlich aufgegeben. Es gebe kein Interesse daran auf dem westlichen Buchmarkt, hast Du gemeint. Schon 1987 hattet Ihr die Arbeitsgruppe Kulturgeschichte des Proletariats aufgelöst, Du führst diese Arbeit 1989 nicht weiter, warum eigentlich nicht?

Die Abwicklung an der Universität verlief radikal, schmerzhaft und demütigend, aber existentiell gesehen – im Vergleich zur Leipziger Kulturwissenschaft – verteilt über mehrere Jahre einigermaßen glimpflich. Du hast Dich geweigert, Deine eigenen Leute abzuwickeln, und bist nicht in eine der neu gegründeten Berufungskommissionen gegangen. Und Du hast uns teilhaben lassen an Deinen Westkontakten, hast nicht darauf gesessen wie eine Glucke und die Eier für Dich allein ausgebrütet. Du hast mir Wege in die westdeutsche Wissenschaftslandschaft gezeigt, hast mich unterstützt, wo Du nur konntest, obwohl ich gar nicht zu Deinem Laden gehört habe – Dietrich, das werde ich Dir nie vergessen.

Mit der Dir eigenen ironischen Distanz hast Du das Tun Deiner neuen Kollegen aus dem Westen beobachtet, die Dich ignoriert, aber irgendwie auch haben machen lassen. Ich habe 1989 dieses unglaubliche Gefühl intellektueller Befreiung erlebt, nicht nur sagen zu können, was man denkt, sondern denken zu können, ohne politische Rücksichten nehmen zu müssen. Hat es auch für Dich mehr intellektuelle Freiheit bedeutet als vorher? Hast Du Dich 1991 in Deinem großartigen Aufsatz über die kulturellen Ursachen des Scheiterns des Staatssozialismus in der DDR frei geschrieben oder nur endlich zu Papier gebracht, was Du vorher schon wusstest, z.B. dass „der von Marx prognostizierte große Gewinn an individueller Subjektivität ... ausgeblieben“ ist? [15] Deine grundsätzliche Kritik an der „... ganze(n) kulturelle(n) Verfassung der späteren DDR...: die verordnete Kulturbringerei, die wohlmeinende Gängelei, mit der die Arbeiter/das Volk an ‚die Schätze’ herangeführt wurden; die überhebliche Erziehungsmission der eingebildeten ‚Kulturträger’; die zwangsläufige Ausgrenzung Andersdenkender, ihre Anschwärzung und Verfolgung als Agenten des ‚anderen Lagers’, also ‚des Gegners’; die selbstverständliche Unterordnung von Wissenschaft, Journalismus, Künsten, Bildung usw. unter ein von Autodidakten entwickeltes Einheitskonzept; der Drang nach einer einheitlichen Gegenkultur (der durch die Systemkonfrontation bis zur Absage an die (wie immer verstandene) nationale kulturelle Einheit der Deutschen sich wendete.“ [16] habe ich damals sehr genossen. Auch, dass Dich diese grundsätzliche Kritik nicht daran hinderte festzustellen, dass dennoch „das ideale (und sicher auch utopische) Sehnen nach einer alternativen menschlich geprägten Sozialordnung“ bleibt. [17] Auch wenn sich das jetzt so anhören mag, ich verstehe diese Sätze nicht als die Wiederkehr eines früheren Idealismus, sondern als Ausdruck eines tiefen Verstehens dessen, was die Menschen in unseren ausufernden, grenzenlosen, konfliktreichen, ungerechten, weißen, postindustriellen Gesellschaft umtreibt. Vielleicht ist es romantisch, aber ohne dieses Sehnen nach einer solidarischen Welt, nach Gerechtigkeit, nach Europa, nach Welt, nach Diskussion, Denken, Freundlichkeit kann ich mir ein Leben nicht vorstellen. Und ich habe das Gefühl, Du kannst das auch nicht.

Seit Anfang der 90er Jahre treibt Dich nun schon die Mission um, den Westlern den Osten zu erklären. Du tust dies geduldig, unermüdlich, überzeugend und klug. Ich weiß nicht, ob Dein Kampf gegen abschätzige Betrachtungen des Ostens – als anders, abartig, fremd und verzwergt – im Westen nachhaltig zur Kenntnis genommen wurde, aber er hat eine große Bedeutung für uns Ostler. Deine intellektuelle Freude am Relativieren, am Hin- und Herwenden einer These, am Umdeuten und an überraschenden Wendungen ist ansteckend, lehrt Distanz und einen gewissen Gleichmut gegenüber wiederkehrenden Zumutungen. Auf die Frage, ob ostdeutsche Wissenschaftler überhaupt das Vermögen zu einer Aufarbeitung der eigenen Geschichte haben, ob sie nicht selbst zu stark ins staatssozialistische System eingebunden waren, hast Du schlicht geantwortet – mag sein, dass dem so ist, sicher, man könne ihnen die notwendige Distanz absprechen, aber man könne ihnen „nicht das Bedürfnis nehmen, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen“. [18] Und sicher könne man nach kulturell Trennendem oder Unterschieden fragen, aber „Jeder von uns“, so sagst Du, „lebt in kulturellen Mehrfachbindungen, gehört verschiedenen Kulturen an.“ [19]

Eine Laudatio, so habe ich gelesen, soll man mit der Frage beenden, was Dich, den hier zu ehrenden, von uns „normalen“ Menschen unterscheidet? Tja Dietrich, alte Feuer-Ratte, was soll ich dazu sagen? Ratten scharen große Bekannten- und Freundeskreise um sich, sie lieben Clubs und Vereine. Sie erstrahlen in der Gesellschaft, und es fehlt ihnen auch nie an Bewunderern. Das alles trifft auch auf Dich in ganz genialer Weise zu. Aber eines halte ich für besonders bemerkenswert: Die Ratte gibt niemals auf, sie hat immer einen Plan. Und darauf freue ich mich, auf Deinen nächsten Plan. Mächtig, gewaltig.

[1] Anfänge der Arbeiterfreizeit. Eine Ausstellung, Berlin (West) 1989, S. 63 f.

[2] Kurt Hager zitiert in: Isolde Dietrich/Dietrich Mühlberg: Voraussetzungen und Schwierigkeiten beim Erforschen proletarischer Kulturauffassung, in: Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung, Berlin (DDR), Heft 3/1978, S. 9.

[3] Autorenkollektiv unter Leitung von Dietrich Mühlberg: Der Beitrag von Marx und Engels zur wissenschaftlichen Kulturauffassung der Arbeiterklasse. Entwurf. Manuskriptdruck Berlin (DDR) 1975, S. 10.

[4] Dietrich Mühlberg: Zur Diskussion des Kulturbegriffs, in Wulf D. Hund/Dieter Kramer (Hg.): Beiträge zur materialistischen Kulturtheorie, Köln 1978, S. 237-269, S. 245.

[5] Jürgen Kuczynski: Erlebnisse beim Schreiben einer Geschichte des Alltags des deutschen Volkes seit 1600, in: Kultur und Lebensweise, Berlin (DDR), Heft 1/1981, S. 18-23, S. 20.

[6] Dietrich Mühlberg/Isolde Dietrich: Zu proletarischen Traditionen in der Lebensweise der sozialistischen Gesellschaft, in: Kultur und Lebensweise, Berlin (DDR), Heft 1/1981, S. 23-36, S. 32f.

[7] Dietrich Mühlberg: Zu aktuellen Fragen der Kulturgeschichte der deutschen Arbeiterklasse, in: Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung, Berlin (DDR), Heft 4/1978 S. 7-75, S. 16.

[8] Ebd., S. 32.

[9] Dietrich Mühlberg/Isolde Dietrich: Zu proletarischen Traditionen in der Lebensweise der sozialistischen Gesellschaft, in: Kultur und Lebensweise, Berlin (DDR), Heft 1/1981, S. 23-36, S. 26.

[10] Autorenkollektiv unter Leitung von Dietrich Mühlberg: Arbeiterleben um 1900, Berlin (DDR), S. 64.

[11] Dietrich Mühlberg (Hg.): Proletariat. Kultur und Lebensweise im 19. Jahrhundert, Leipzig 1986, Einband.

[12] Dietrich Mühlberg: Die DDR als Gegenstand kulturhistorischer Forschung, in: Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung, Berlin, Heft 33/1993, S. 7-85, S. 75.

[13] Dietrich Mühlberg: Arbeiterkulturforschung und historische Museen, in: Mitteilungen & Materialien, Hochschule der Künste Berlin (West), Heft 31/1990, S. 9-22, S. 17.

[14] Dietrich Mühlberg: Kulturelle Ursachen für das Scheitern des Staatssozialismus in der DDR, in: Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung, Berlin, Heft 29/1991, S. 19-35, S. 22.

[15] Ebd., S. 25.

[16] Ebd., S. 30.

[17] Dietrich Mühlberg: Arbeiterkulturforschung und historische Museen, in: Mitteilungen & Materialien, Hochschule der Künste, Berlin (West), Heft 31/1990, S. 9-22, S. 10.

[18] Dietrich Mühlberg: Kulturelle Ursachen für das Scheitern des Staatssozialismus in der DDR, in: Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung, Berlin, Heft 29/1991, S. 19-35, S. 30.

[19] Dietrich Mühlberg: Deutschland nach 1989: politisch geeint – kulturell getrennt? Vortrag anlässlich der 11. Helmstedter Universitätstage am 23. September 2005, kulturation. Online Journal für Kultur Wissenschaft und Politik, http://www.kulturation.de/ki_1_text.php?id=29.