KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2011
Harald Dehne
„Wie das so brummt“.
Zwei Solo-Cellisten im Osten und im Westen Berlins

Die Berliner Rohnstock-Biografien hatten am 11. März 2011 in ihre Räumlichkeiten erneut zu einem ihrer beliebten Ost-West-Salons eingeladen. Diesmal erzählten zwei Solo-Cellisten über ihre musikalischen Berufserfahrungen in wohl unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen, aber innerhalb derselben, wenngleich durch die Berliner Mauer geteilten Stadt. Götz Teutsch, ein 1941 in Herrmannstadt gebürtiger Siebenbürger Sachse, spielte seit 1970 bei den Berliner Philharmonikern, ab 1976 dreißig Jahre lang als Solo-Cellist. Ein Sachse aus der Leipziger Region hingegen ist Hans-Joachim Scheitzbach, geboren im Jahre 1939 und Solo-Cellist an der Komischen Oper seit 1967. Diese „Besetzung“ wurde komplettiert zum einen verbal durch Prof. Dr. Dietrich Mühlberg, der die Veranstaltung moderierte, und Levin Röder, der die Salongäste begrüßte, zum anderen auch musikalisch durch die beiden Kogans, die die kammermusikalische Praxis einbrachten, die eine am Klavier, die andere – sie hatte gerade ihren 11. Geburtstag – am Cello.

Zunächst erzählten beide, wie sie als Knaben von ungefähr zehn Jahren das Cello als ihr Musikinstrument entdeckten. Gemeinsam ist ihnen eine gediegene Ausbildung und ihre Leidenschaftlichkeit beim Musizieren. Früh traten beide in ein Orchester ein, ohne die Aussicht, jemals im westlichen Ausland auftreten zu können, aber auch ohne das Verlangen, unbedingt ein Westpublikum zu brauchen, um ihre ungestüme Freude am Cellospiel ausleben zu können. Das Radio-Sinfonieorchester in Bukarest bzw. das Gewandhausorchester Leipzig waren ihre ersten Stationen. Als sich für Teutsch in Rumänien die Chance ergab, im Rahmen von Familienzusammenführung in den Westen auszuwandern, tat er dies im Jahre 1968. Da war der DDR-Sachse schon da, aber auf der anderen Seite der Mauer.

Natürlich schwärmten die beiden von der hohen künstlerischen Qualität, die während ihrer „Spielzeit“ in ihren jeweiligen Orchestern im Vordergrund stand, vom großen Gemeinschaftsgeist im Ensemble, der zum einen wesentlich aus dem klanghaften Gemeinschaftserlebnis gespeist wurde, zum anderen durch die günstigen Umstände, dass das Konkurrenzverhalten unter den Musikern seinerzeit viel geringer ausgeprägt war als heute. Früher waren auch die altgestandenen Musiker noch etwas wert. Schnell war man bei der Gegenwart. Der Leistungsdruck sei heute enorm – das merke man erst als älter werdender Cellist. Das leidenschaftliche Engagement reicht dann auch nicht mehr aus zur Kompensation, wenn die Kräfte nachlassen. Heute spielen vor allem junge Musiker, anscheinend können die mit diesem Druck auch gut umgehen. Aber das muss man erstens abwarten, und zweitens funktioniert die Eliteauswahl heute anders. Auch die Quelle für Nachwuchsmusiker ist inzwischen global geworden. Das steigert den Leistungsdruck und zugleich die Leistungsbereitschaft, ebenso die Virtuosität in der Beherrschung des Instruments. Aber auch das zeigt eine Kehrseite: Hatten Orchester von Weltruf einst immer eine unverwechselbare Farbe im Klang, so lässt die musikalische Bravour der einzelnen Musiker manches Orchester schon eher wie eine Solistenvereinigung tönen. Infolge der Globalisierung des Musikbetriebs sind auch regionale Bezüge weitgehend verloren gegangen. Früher saßen im Leipziger Gewandhaus oder in der Dresdner Staatskapelle vor allem Musiker aus Sachsen oder eben Norddeutsche in der Berliner Philharmonie bzw. dem Orchester der Komischen Oper. Heute scheint nur noch bei den Wiener Philharmonikern darauf geachtet zu werden, dass zumindest der alte geografische k.u.k-Raum stark repräsentiert bleibt.

Damit sind wir bei der Frage nach den Ost-West-Unterschieden. Die beiden Cellisten winkten zunächst ab, denn die Noten seien doch immer die gleichen – unabhängig vom Gesellschaftssystem. In der Tat muss man wohl konzedieren, dass im Berufsleben dieser beiden Ausnahmemusiker wenig Unterschiede auszumachen sind, zumal ihre sehr beieinander liegenden Geburtsjahrgänge auch auf Aufstiegschancen einer ganz bestimmten Generation verweisen, die für nachfolgende Generation in dieser Weise nicht mehr bereitstanden. Ihre Karriere ging steil aufwärts, wobei vielleicht festzuhalten wäre, dass der West-Cellist seine Solorolle erst mit 36 Jahren erhielt, während der Ost-Cellist diese Position bereits mit 28 Jahren inne hatte. Doch Zufälle spielen auch dabei immer eine große Rolle.

Man muss schon sehr genau auf die Geschichte der orchestralen Musizierpraxis in Ost und West zur Zeit des Kalten Krieges schauen, um deutliche Unterschiede aufspüren zu können. Dass im Osten der Erste Cellist am Pult rechts saß, während der im Westen links saß, verweist als ein Bonmot nur auf einen rein formalen Unterschied, bei dem man höchstens nachfragen könnte: Wie war das eigentlich vor der Teilung in Ost und West, und wie sind die Sitzordnungen bei anderen Orchestern?

Natürlich haben die Orchestermitglieder im Westen mehr Geld verdient als ihre Ostkollegen – dafür hätten diese wohl auch mehr arbeiten müssen, z.B. für die vielen Platteneinspielungen... Natürlich konnten die Berliner Philharmoniker durch die Welt reisen, was den Ostmusikern viel weniger möglich war, so dass nur auf dieser Seite der Mauer das Thema Absetzbewegungen bei Tourneen ins westlichen Ausland eine Rolle spielte. Unterschiede kann man ferner feststellen, wenn man auf die Wirkungspraxis der Orchesterauftritte sieht. Auch wenn es vereinfachend klingen mag, so ist doch diese Aussage von Götz Teutsch nachvollziehbar: Das Ost-Publikum brauchte Musik als ein notweniges Lebenselixier, im Westen wurden Konzertauftritte dagegen eher als bürgerlicher Luxus zelebriert – allerdings ändert sich das indessen auch im Osten immer mehr. Für das direkte Ansprechen unterbürgerlicher Schichten durch das Orchester der Komischen Oper sprechen die Aktivitäten, vor Arbeitern in den Werkhallen oder auf dem Land zu musizieren. Und nicht zuletzt tun sich dann ein weites Feld auf, wenn man fragt, welche Empfindungen und Gedanken das Publikum mit den Inhalten einer gehörten Musik verbindet. Hans-Joachim Scheitzbach erzählte dazu die Geschichte, wie der Dirigent Rolf Reuter den Chor „Wach auf“ im letzten Akt der Meistersinger von Nürnberg während der Probenarbeit als einen aktuellen gesellschaftlichen Appell verstanden wissen wollte.

Eine kulturhistorische Aufarbeitung der Wirkungspraxis von Orchestern in Ost und West wird an dieser Stelle gewiss noch aufschlussreiche Ergebnisse zu Tage fördern können. Schließen wir den Bogen, indem wir wieder anthropologisch interessante Aussagen wie diese aufgreifen: Cellisten an sich sind gemütlichere Menschen als die Geiger. Und: Das Cello ist so menschlich, während eine Geige immer penetrant ist – sagt der Cellist.

Beide Solo-Cellisten mögen schon lange nicht mehr unterrichten. Ihre Maxime lautet: sich selbst beobachten und dann das Instrument so spielen, wie man es selbst für richtig hält und wie es einem selbst gut tut – und nicht, wie es der Lehrer will. Keine Subordination eben, sondern freie Entfaltung des Individuums. Mit der heute üblichen Lehrpraxis sei diese Herangehensweise aber nicht kompatibel. So sind die beiden Musiker wohl auch in dieser Hinsicht Ausnahmeerscheinungen.

Beide haben Musik studiert, weil sie Musik lieben und Spaß am Spielen haben, auch Freude an der Leistung – nicht aber um reich zu werden oder um in anderen Ländern zu musizieren. Ihre lebendige Leidenschaftlichkeit im Musizieren als Lebensinhalt war auch an diesem Abend ganz eindringlich und sehr unterhaltsam spürbar. Wenn es so etwas wie Synergieeffekte wirklich gibt, dann wohl, wenn sich jedes Instrument klangvermehrend und ergänzend in einer Wechselwirkung mit anderen einbringt und dieses individuelle Engagement dann zum wohltemperierten Gleichklang eines Orchesterganzen zu führen vermag. Dafür zu spielen lohnt es sich überall auf der Welt.