KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 21 • 2018 • Jg. 41 [16] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2/2009
Redaktion
Auch 2009 war nicht alles schlecht
Nachricht aus dem Zonenrandgebiet
Kurz vor Jahresende und einen Tag nach Redaktionsschluss erreichte uns die wehklagende Weihnachtsbotschaft und Weltbetrachtung unseres Freundes W. K., der temporär in einer Besserungsanstalt für körperlich defekte Autoren einsitzt. Die in diesem speziellen Mikrokosmos erfahrenen Repressionen haben sein Gespür für Tendenzen im Großen offenbar so geschärft, dass er zu einigen hier mitteilenswerten Beobachtungen und Befürchtungen gelangte. Im Folgenden sein Text, in dem der aufmerksame Leser auch den Hilferuf eines Bedrängten erkennen wird. Wir mussten Tränen des Mitleids und des Zornes unterdrücken.
Die Redaktion"




Weihnachtskarte
Weihnachtspostkarte © Elke Pollack


Ihr Lieben daheim unterm freiheitlich schimmernden Weihnachtsbaum!

Dies ist die bittere Geschichte eines, der vom Wege abkam und nun dafür Buße tut. Aber der Reihe nach. Im vorigen Jahr zu eben diesen Dezembertagen verschickte ich an Freunde – wart Ihr etwa auch dabei? – das oben abgebildete, zugegebenermaßen etwas despektierliche Arbeitsporträt einer mäßig fleißigen „Roten Schlappmütze“. Tja, der Typ fand das anscheinend gar nicht lustig und sorgte dafür (Beziehungen haben solche ja immer), dass ich nun das diesjährige Fest der Liebe und des angenehmen Lebens unter ausgesprochen kargen Bedingungen fristen muss: in einem jener ominösen Umerziehungslager, die unter der scheinheiligen Tarnbezeichnung „Reha-Klinik“ ihr menschenverachtendes Regime entfalten.

Mein unter Tätern wie Opfern besonders berüchtigter Leidensort, im zuständigen Geheimen Zentralregister unter dem Buchstaben R gelistet, liegt abseits und verborgen im nördlichsten Zonenrandgebiet, welches (nicht nur wegen des diesjährig frühen Wintereinbruchs) getrost zu Sibirien gerechnet werden darf. Hier sind die Unterkünfte besonders flüchtig und windschief zusammengenagelt, und mit viel Perfidie haben dem System treu ergebene „Baumeister“ dafür gesorgt, dass jedem Insassen in dem kafkaesken Labyrinth zuverlässig aller Orientierungssinn abhanden kommt. Ach, Weltenbürger, hat dich ein grausames Urteil hierher verbannt, so lasse bis zum fernen Entlassungstermin alle Hoffnungen fahren!

Das alltägliche Geschäft des Schreckens besorgen grimmig blickende Wärterinnen, von deren unschuldig weißer Arbeitskluft man sich besser nicht täuschen lässt: Sie haben ihre Herkunft aus der unseligen Adenauer-Herrschaft nie aufgearbeitet, geschweige ihre diesbezüglichen Verstrickungen jemals bereut. Dass an den Wänden keine Papa-Heuß- oder Gustav-Heinemann-Fotos mehr hängen, mag opportunistischem Anpassungsdruck geschuldet sein. Doch dem wahren Geist, welcher hier waltet, begegnet man in den Buchregalen sogenannter „Leseecken“, wo Flohmarktexemplare aus der Zwischenkriegszeit mit Konsalik und Herz-Schmerz-Groschenheften aus Bahnhofskiosken um die rare Freizeit der Insassen konkurrieren. Die Verfasser jener Besinnungspostillen, die jedem Neuankömmling hier als Pflichtlektüre (sog. „Lebenshilfe“) aufgenötigt werden, stammen durchweg aus dem Autorenkreis des Herder-Verlages und wären – lebten alle noch – heute im Durchschnitt 80 Jahre und älter.

Dass die offizielle Benennung „Reha-Klinik“ nur ein Tarnbegriff ist, wird schon an dem Umstand deutlich, dass selbst für einfache Erkältungsfälle die bedauernswerten Betroffenen mitleidlos durch tiefverschneite und froststarrende Wälder in die nächstgelegene Ansiedlung geschickt werden, in der vagen Hoffnung, dass sich dort ein Arzt für ihr Leiden findet. Die „Behandlung“ im Lager nämlich folgt ganz anderen Ideologien! Mit landläufiger „Gesundheit“ oder gar „Wohlbefinden“ hat man nichts am Hut, hier werden offenbar geheime wissenschaftliche Experimente an Wehrlosen vollzogen. Mit Nachdruck scheint es um die Reduzierung von Nachtschlaf zu gehen, um eine gezielte Zerstörung jedweder Sinn- und Vernunfterwartung und – last not least – um Ernährung auf Minimalstandard. Besonders zynisch: Beinahe täglich werden die Leidtragenden auch noch mit Pflichtvorträgen über die „wissenschaftlichen Grundlagen“ dieser auf Geist wie Körper zielenden Zersetzungsarbeit kujoniert.

Im Zuge der bereits weit gediehenen Experimente beginnen sich verschiedene Forschungstaktiken zu überlagern, was zu täglich gleichen Bildern führt: Atemlos hetzen leidgeprüfte Insassen nach willkürlich angeordneten Einzel- resp. Gruppen-„Behandlungen“ durch kahle und unterkühlte Kellerkorridore zur Kantine, wo freudlos angerichtete Mahlzeiten in viel zu kurz bemessener (dabei gnadenlos kontrollierter) Essenszeit auf sie warten. Einzige Lichtblicke in dieser „Wüstenei der Seelen“ sind Wärterinnen mit russischem Akzent, die, anders als deutsche Kolleginnen, ihre streng reglementierten Verrichtungen wenigstens hin und wieder mit mütterlich aufmunternden Blicken garnieren. (Ob und wie das nun wieder zu der eingangs erwähnten Sibirien-Zuschreibung passt, mag jeder für sich entscheiden.)

Die Genussfeindlichkeit der kommandierenden Weißkittel hat viele Gesichter. Passionierte Raucher müssen sich zur Linderung ihrer Entzugsqualen davonstehlen und am Waldrand, hundert Meter hinter dem Lagerzaun, einen hölzernen Verschlag aufsuchen; selbst hüfthohe Schneewehen und minus fünfzehn Grad lassen keine Ausnahme zu. In den karg möblierten Zellen ist das Entzünden trauten Kerzenlichtes genauso streng verboten wie die Einnahme illegaler „Zwischenmahlzeiten“, was natürlich auch für Marmor-, Streusel- und sonstige Kuchen gilt, von Damen- resp. Herrenbesuch ganz zu schweigen. Begegnungen mit Angehörigen, so denen einmal stattgegeben wurde, bleiben auf öffentlich einsehbare Räume beschränkt; übernachtenden Ehepartnern weist man Einzelzellen in anderen Stockwerken zu.



Grafitti

Und schließlich das inspirierendste Laster aller freien Individuen – der Alkohol – ist in den ernährungstherapeutischen Indoktrinationen nicht mal als Anfrage zugelassen. Da ja jetzt die Silvesternacht bevorsteht, habe ich wie ein Schuljunge mit schlechtem Gewissen ein kleines Fläschchen weinartigen Getränks aufs Gelände geschmuggelt und im hintersten Winkel meines Spinds versteckt, noch hinter der dissidentischen Literatur (oder darf man Handkes „Gerechtigkeit für Serbien“ inzwischen auch in der Öffentlichkeit lesen?). Ob dieser grobe Regelverstoß unerkannt bleibt oder bei einer Visite vorher noch auffliegt, das soll mir als gutes oder schlechtes Omen fürs kommende Jahr dienen.

Womit wir beim Stichwort Silvester kurz innehalten und alter Tradition gehorchend noch einmal zurückblicken wollen. Nein, auch 2009 war nicht alles schlecht. Wenn ich ehrlich bin, lief es sogar eigentlich recht passabel (bis zur Einweisung hier an diesen Schreckensort). Und doch habe ich bei der Suche nach meinem persönlichen „Bild des Jahres“ wieder einer misanthropischen Neigung nachgegeben.

Puppen

Verzweifelte Schaufensterpuppen in Osnabrück, Juni 2009


Was soll man auch halten von einer Welt, in der sich jetzt schon Schaufensterpuppen mit entlassenen Verkäuferinnen und allen übrigen Opfern zusammenkrachender Konzerne solidarisieren, indem sie nichts als Wut und Abscheu über die Machenschaften des blind einher stampfenden Großkapitals zum Ausdruck bringen – eine klare Botschaft, die so vehement schon lange nicht mehr in deutschen 1A-Lagen zu vernehmen war.

Wobei mich eine Frage dann doch beunruhigt: Wie werden wir, bei der unvermeidlich fälligen Großen Umerziehung, diesen Damen demnächst wiederbegegnen in den immer zahlreicheren Camps der verschwiegenen Zonen- und anderen Randgebiete – als Insassen oder als Aufsichtspersonal?

Euer W. K.


Postscriptum

LEBE DROBEN IM LICHT, O VATERLAND
UND ZÄHLE NICHT DIE TOTEN –
DIR IST LIEBES NICHT EINER ZUVIEL GEFALLEN


Diese Zeilen zieren in R. ein Denkmal, an dem mich der kürzeste aller Spazierwege beinahe täglich entlang führt. Das einem Bunker ähnliche Rondell im Fluchtpunkt einer dafür extra gepflanzten Allee ist den 1914-18 Gefallenen aus der hiesigen Zonenrand-Region gewidmet und nicht etwa gnädig unter den Dornenhecken des Vergessens verschwunden. Nein, es wurde erst vor wenigen Wochen von kundiger Gärtnerhand penibel freigeholzt und so wieder ins recht Licht gerückt.

Ich fürchte, wir werden solcher Kriegstreiberlyrik demnächst öfter begegnen, und zum wiederholten Mal werden es nicht nur unbekannte Sudelfedern sein, die sich und uns damit beschädigen.

2010 wird uns allerhand abverlangen.