KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2/2009
Ulrike Köpp
Hilfsarbeitshaus
Eine Erfahrung als Kulturwissenschaftlerin im Eurojob

Eines Tages, im vergangnen Jahr, war es wieder so weit: Das Jobcenter wies mir einen Eurojob für Hilfsarbeiten in einem katholischen Frauen- und Mädchen-Verein zu. Langzeitarbeitslose im Eurojob dürfen nur Hilfsarbeiten machen, dies schreibt der Gesetzgeber so vor. Die Vereinsfrau wusste zwar noch selbst nicht recht, was sie für Hilfsarbeiten von mir wolle, aber versicherte mir schon mal, dass ich dafür nicht katholisch sein müsse. Weil aber das Grundgesetz noch die Trennung von Kirche und Staat kennt, lehnte ich diesen Job ab und suchte nach Hilfsarbeiten in meinem Beruf. Ich machte mich auf den Weg in das Heimatmuseum meines Stadtbezirks und fragte die Museumsleiterin, ob sie wohl eine Kulturhistorikerin gebrauchen könne. Ja, das konnte sie. Sie freute sich sogar, denn mich könne sie ins Zentrum für Antisemitismusforschung schicken, ohne dass man mir dort gleich die Langzeitarbeitslose ansähe. Bei der Gelegenheit erfuhr ich endlich auch, warum all meine arbeitslosen Jahre lang die für mich zuständige Arbeitslosenverwaltung es nicht fertig gebracht hatte, mich einmal wenigstens „in eine Maßnahme“ in diesem Museum „zu bringen“ - wie es im Umgang mit den Erwerbslosen heißt. Wissend lächelte die Leiterin: Ja, das Jobcenter vermittelt die Arbeitslosen nach dem Alphabet. Dem Museum weisen sie die Leute mit den Anfangsbuchstaben S bis Z im Namen zu. Die mit dem K wie ich gehören in den katholischen Verein. Woraus nur zu schließen war, dass es der Arbeitsagentur eben nicht darum ging, Menschen mit ihren Fähigkeiten - und auch Handicaps – in Stellen und „Projekte“ zu vermitteln, wo sie gebraucht werden und sich nützlich machen können. Es ging um die statistische Bewältigung der Arbeitslosigkeit.

Die Museumsleiterin beauftragte mich also, nach Lebenszeugnissen von jüdischen Menschen zu suchen, die einst im Bezirk gewohnt oder im Arbeitslager geschunden und schließlich deportiert und umgebracht worden waren. Sie gab mir eine Liste mit annähernd 300 Namen von jüdischen Opfern in die Hand und erhoffte sich von mir drei bis zehn Dokumente oder persönliche Gegenstände, die sie zum alljährlichen Gedenken an den Völkermord im Januar ausstellen könne. Eine Hilfsarbeit war dies nun nicht. - Sieben Monate sollte mein Eurojob dauern. Mir war beklommen. Die Nazis hatten die zur Deportation bestimmten Juden in Listen zusammengefasst. Nun suchten wir sie wieder in Listen zusammen, um uns ihrer als Opfer zu vergewissern. Indessen hatten sich die Grenzen des Stadtbezirks, auf die sich die Listen bezogen, seit der Zeit, in der die Juden verfolgt und vernichtet worden waren, mehrfach geändert. So waren auch die Listen gelegentlich neu sortiert worden. Und so bestimmte nun also die Opportunität der Arbeitslosenverwaltung über den inhaltlichen Zuschnitt des Projektes, indem die die finanziellen Mittel ausreichte für die Beschäftigung von Lichtenberger Arbeitslosen mit zu Lichtenbergern erklärten jüdischen Opfern.

Wie aber sollte ich überlebende Angehörige, Nachfahren oder einstige Nachbarn finden von Menschen, von denen ich nur den Namen, das Geburtsjahr und das Jahr ihres Todes hatte? Die Leere der nackten Liste ließ mich fragen, ob es nicht konsequent wäre, diese Leere auch in einer Ausstellung zu thematisieren. Da kam mir die Einladung zu einer Tagung über die Inszenierung der Erinnerung an den Holocaust zupass. Meinen Wunsch jedoch, mir dort Anregungen zu holen und mich gedanklich auf meine Arbeit einzustimmen, quittierte die Leiterin mit Verärgerung. - Nachdenken sollte ich also nicht. So fragte ich sie denn nach den Fundorten der Namen auf der endlos langen Opferliste, in der Hoffnung, mit den Fundorten mögliche Pfade für meine Recherche zu finden. Wieder reagierte sie unwirsch: „Ich mache die Arbeit hier seit 30 Jahren. Sie können mal davon ausgehen, dass die Liste ihre Richtigkeit hat.“ - Sollte es denn sein, dass die Leiterin eines Geschichtsmuseums von historischer Recherche nichts verstand? Schon ihre Begrüßung, mich könne sie ins Zentrum für Antisemitismusforschung schicken, war imgrunde keine Einladung zu gemeinsamer Arbeit. Ich hätte ihre Worte genau nehmen sollen. Schicken wollte sie mich. Nur, mit der nackten Liste würde ich dort nichts ausrichten können, so viel zumindest wusste ich. So ohne Rat ging ich allein und eigne Wege, nach Handwerkszeug und Quellen für meine Arbeit zu suchen. Bis mir nach etlichen Wochen ein Eurojobber, der schon vor mir ins Museum gekommen war, eine Liste gab. Es war die Liste. Die Liste mit den annähernd 300 Namen, zu denen er aus dem Berliner und dem Deutschen Gedenkbuch für die jüdischen Opfer Daten zu Leben und Sterben gesucht und eingetragen hatte. Eine immense Arbeit. Und mir wurde langsam klar, allen, die die Museumsleiterin mit den jüdischen NS-Opfern beschäftigte, hatte sie die gleiche nackte Liste mit den Namen gegeben; auch jener Frau, die sich um neue Stolpersteine kümmern sollte. Und so war jeder von uns für sich und nacheinander in die selben Archive gegangen.

Als ich aber diese um die Wohnadressen, manchmal auch die Berufe der Opfer bereicherte Liste sah, begriff ich auch, welch höchst brauchbares Arbeitsinstrument ich da in den Händen hielt. Auf dieser so schmerzlich langen Liste konnte ich nun Gruppen von Opfern ausmachen und versuchen, die Erinnerung an sie lebendig werden zu lassen. Die Liste selber trug mir an, ja sie forderte mich geradezu auf, Nachbarschaften zu rekonstruieren oder die Bewohner von Judenhäusern namhaft zu machen. Das Schicksal derer, die die SS ins Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt hatte, ließe sich kenntlich machen wie auch das der Verlorenen, die sich das Leben genommen hatten, um der drohenden Deportation zu entkommen.

Meine diesbezüglichen Vorschläge fanden bei der Leiterin keinen Anklang. Sachsenhausen war ihr zu abgelegen. Die zehn Menschen auf unserer Liste, die den Suizid der Deportation vorgezogen hatten, die hinwiederum waren ihr „ja nur so wenige“. Sie wollte die ganze Liste. Für sie wog die Masse der Opfer. Die Liste selbst war ihr das Ziel der Bemühungen. In der Ordnung der Liste war der Schrecken des Verbrechens gebannt. Die Ordnung der Liste erlaubte Distanz gegenüber dem Beunruhigenden hinter den Namen. Ja, in dieser Ordnung störte sogar noch das Wenige, was wir wussten und was die Opfer sozial kenntlich machte: Ihr Beruf oder die historische Bezeichnung der Wohnadresse oder auch der Gartenkolonie, wo die Verfolgten untergekommen waren; diese Angaben sollten wir aus der Liste wieder entfernen, damit sie übersichtlicher werde. Die Einzelschicksale blieben verloren in der Ordnung der Liste. Die Geschäftigkeit beim Zählen der Opfer überdeckte die Leere, die die Verbrecher uns hinterlassen hatten.

Eine Ausnahme gab es. Dankbar war die Leiterin für Hinweise zur Geschichte des Arbeits- und Arresthauses in Rummelsburg, freute sich über Namen von Menschen, die die Nazis dort als sogenannte „Asoziale“ gefangen gehalten hatten. Aber nie verriet sie mir, wofür sie diese haben wollte. So konnte ich aus ihrer Geheimniskrämerei nur schließen, dass sie mich, die ich vom Jobcenter bezahlt wurde, für ihr persönliches Projekt und Prestige arbeiten ließ. Überhaupt, dies wiederholte sich: Die Leiterin verlangte von mir Recherchen, aber wollte nichts preisgeben von dem Wissen, das sie schon besaß, auf dass ich es hätte mehren können. Je kundiger ich im Laufe der Monate wurde, um so eifersüchtiger reagierte sie, verschloss gar die Schränke der Museumsbibliothek vor mir. Zu unserer Verblüffung machte meine Freundin gerade genau die gleichen Erfahrungen wie ich. Auch sie im Eurojob, in einem gemeinnützigen Geschichtsverein. Dort war es ein ehrenamtlicher Rentner, der die Geschichte des Stadtbezirkes für sich okkupiert hatte und vor ihr die Schränke verschloss. Diese Gleichartigkeit unserer Erfahrungen hatte strukturelle Gründe. Noch in den Verästelungen unserer Arbeitsbedingungen, vor den verschlossenen Schränken bekamen wir zu spüren, dass wir von Hartz IV betroffenen Langzeitarbeitslosen imgrunde eben moderne Arbeitssklaven waren, Menschen zweiter Klasse, ohne Rechte, geschweige Ansprüchen. Die Museumsleiterin gab mir nicht mal den Brief zur Kenntnis, mit dem die Archivarin auf den Arbeitsauftrag reagiert hatte, mit dem immerhin sie doch mich ins Archiv geschickt hatte!

Schließlich machte ich noch einen ungeheuerlichen Fund. Nicht im Archiv. Nein, in den Ausstellungsräumen im Museum machte ich einen Fund: Da lag ein Gedenkbuch für die jüdischen Opfer von Lichtenberg. Es enthielt genau das Wissen, das wenige, das ich aber doch gebraucht hätte, um im Zentrum für Antisemitismusforschung nach überlebenden Angehörigen und Verwandten zu fragen, die in der Emigration oder im Versteck in Deutschland mit dem Leben davongekommen waren. Eine Wissenschaftlerin hatte das Gedenkbuch, vor unserer Zeit, gegen Honorar erarbeitet. - Später würde mir die Erklärung der Leiterin zugetragen werden, sie habe mir dieses Wissen vorenthalten, damit ich es nicht einfach nur abschreibe, statt zu arbeiten.

Nein, eine Geschichtswerkstatt war dies nicht, wo ich mich da befand. Geschichtswerkstätten hatten keine Tradition im Osten. Vielmehr rühmte die Leiterin sich: „Wir sind das billigste Museum in Berlin. Wir im Osten verstehen uns darauf, mit geringen Mitteln zu wirtschaften.“ - Wohlgemerkt, sie redete nicht etwa darüber, wie fehlendes Geld Menschen erfinderisch machen kann, wie beispielsweise Theaterleute durch knappe Finanzen zu neuen und aufregenden ästhetischen Lösungen getrieben werden. Nein, sie redete davon, wie billig wir Langzeitarbeitslosen gehandelt wurden. Sie kalkulierte den Betrieb ihres Museums mit uns, die wir ihr vom Jobcenter zugeschobenen wurden. Natürlich sagte uns keiner, wie viel Sachkosten an so einem Eurojob hingen und wie der „Träger“ der „Maßnahme“ und das Museum sich die vom Jobcenter ausgereichten Mittel für die Verwaltung der Arbeitslosen teilten. Wir wussten nur soviel, je mehr Eurojobber das Museum abbekam, umso höher der finanzielle Gewinn für seinen Betrieb. Ob die Leiterin uns – ein gutes Dutzend mochten wir zeitweilig sein - alle sinnvoll beschäftigen konnte, das war dann freilich noch eine ganz andere Frage. Um diese Frage aber möglichst erst gar nicht aufkommen zu lassen, gab es im Übrigen auch nie Dienstversammlungen, auf denen wir Eurojobber und ÖBSler uns alle begegnet wären und über unsere Arbeit hätten berichten können oder müssen.

Insofern hatte es ja durchaus auch seine Delikatesse, wie sie uns an einem schönen Sommertag stolz berichtete, der Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses sei dagewesen zum Empfang, um das billigste Museum der Stadt zu würdigen. - Nur wir, die wir das Museum so billig machten, wir waren nicht eingeladen. Vielleicht wollte auch keiner der Abgeordneten so genau wissen, was wir da trieben. Und wer auch konnte oder wollte prüfen und einschätzen, wie sinnvoll unser Treiben war? Ob die großzügigen Öffnungszeiten des Heimatmuseums durch die Besucherzahlen gerechtfertigt waren? Welchen Sinn hatte es, die Namen und Grabstätten von Flüchtlingen aus Friedhofsverzeichnissen abzuschreiben und die Listen dann in wieder andere Form zu bringen? Oder wenn einer von uns aus dem Internet eine Unzahl von Seiten mit Auskünften zu mehr oder weniger bedeutenden Menschen ausgedruckte, die sich alle irgendwie mit dem Stadtbezirk in Verbindung bringen ließen, um sie dann gewissermaßen auf Vorrat oder auch auf Halde in Ordnern abzuspeichern. War es Beschäftigungstherapie oder war einfach Sammelwahn am Werke? Niemand würde dies wirklich kontrollieren wollen; der „Trägerverein“, das Jobcenter, die etablierten Institutionen, sie alle lebten von uns und der „Beseitigung“ unserer Arbeitslosigkeit.

Schließlich und nicht zuletzt mehrte die Leiterin bei den regelmäßigen Vernissagen ihr Prestige auf unsere Kosten. Ausstellungseröffnungen sind die Feste im Museumsalltag. Noch die Eröffnung einer Ausstellung über Wohnungslose im Nationalsozialismus geriet der Leiterin zum Fest. Das war im Frühsommer 2008, als hier und da im Land der „Aktion Arbeitsscheu Reich“ gedacht wurde. Der Arbeitskreis „Marginalisierte“ hatte dem Museum seine Wanderausstellung ausgeliehen und auch gleich die Redner zur Vernissage mitgebracht. Nur Obdachlose von heute waren nicht zu sehen. Als aber die junge Frau von den „Marginalisierten“ in ihrer Rede auf Hartz IV und ihre Vermutung zu sprechen kam, dass ja wohl auch das Museum von den Eurojobbern lebe – ja, da hätte die Vernissage noch zu einer kleinen Kundgebung geraten können. Die Leiterin nahm den Ball zwar auf, aber sie antwortete nach Gutsherrinnen-Art: „Ich bin sicher, die fühlen sich wohl hier.“ Soziale Rührung statt politischer Haltung. Und niemand widersprach ihr. Nicht einer der anwesenden politisch Verantwortlichen des Stadtbezirks. Und auch keiner von uns Betroffenen, denn wir waren abhängig von Wohlwollen und Willkür der Leiterin, unsere „Maßnahme“ zu verlängern oder auch nicht. Arbeitsrecht gilt im Hartz IV-Alltag nicht. So ging der gewohnte Vernissagebetrieb weiter, mit den Schnittchen, dem Kaffee, und als Besonderheit diesmal – passend zu den Wohnungslosen - mit von Lidl erbetteltem Obst. Und nicht zu vergessen: der Danksagung an Lidl. Billigstes Museum eben.