KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 21 • 2018 • Jg. 41 [16] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
 Start  Reports  Themen  Texte  Zeitdokumente  Kritik  Veranstaltungen 
 Redaktion  Forum 
 Editorial  Impressum  Redaktion  Suche 
ReportKulturation 2/2008
Dietrich Mühlberg
Das Schloss der Hohenzollern – von Ihnen sollte ein Signal ausgehen
Offener Brief an den Regierenden Bürgermeister
Sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister!

In der Geschichte meiner schon lange in Berlin ansässigen Familie (meine Enkelsöhne Wilhelm und Friedrich sind in der achten Generation Berlingeborene) kommen zwei Linien zusammen, die knapp als „sozialdemokratische Bindung an Preußen“ zu charakterisieren wären. Diese Verbundenheit schloss immer eine traditionsbewusste Haltung zu unserer Heimatstadt ein, die auch mich geprägt hat und aus der heraus ich mich an Sie mit einigen Bedenken und mit einer Bitte wende.

 Muehlberg Schloss
Mein Urgroßvater ganz rechts im Bilde auf dem Pferd vorn rechts
(alle Fotos: Verfasser)


Doch zunächst möchte ich Ihnen eine große Erleichterung anzeigen. Als Urenkel eines kaiserlich-königlichen Vorreiters (der - wie schon sein Vater - Träger der Hohenzollernspange für treue Dienste war) sehe ich mich nun in der über Jahrzehnte währenden Gewissheit bestätigt, dass früher oder später die Leistung des Hauses Hohenzollern für die Begründung der deutschen Nation auch in der Bundesrepublik Deutschland gewürdigt wird. Es erfüllt mich mit Genugtuung, dass Abgeordnete aus allen deutschen Provinzen sich mehrheitlich für die Wiedererrichtung des Gebäudes ausgesprochen haben, von dem aus über Jahrhunderte die Voraussetzungen für die Einigung der Deutschen unter Preußens Führung geschaffen worden sind. Auch der Gedanke, im Schloss der Hohenzollern ein Humboldt-Forum einzurichten, kann (bei all der Verschwommenheit, die das noch hat!) nur ausdrücklich begrüßt werden. Erinnert dies doch symbolisch an die epochemachenden Leistungen Reformpreußens nach der Niederringung des französischen Usurpators. Damals wurde so gut wie alles geleistet, was Preußens König wenige Jahrzehnte später zum Kaiser aller Deutschen werden ließ. Das ihm gewidmete deutsche Nationaldenkmal auf der Schlossfreiheit hat die wirren Zeiten nicht überstanden, und es wäre wegen seiner inzwischen überholten ästhetischen Anmutung wohl tatsächlich nicht wiederherzustellen. Darum ist die Idee brillant, an die Reichseinigung von 1871 dadurch zu erinnern, dass an dieser Stelle und auf seinem Fundament nun der Einigung von 1989 monumental gedacht werden soll. Das ist politisch korrekt und dennoch von starker Symbolkraft.

 Mühlberg Schloss
Schloss mit dem ehemaligen „Nationaldenkmal“ (rechts, angeschnitten)


Auch das inzwischen gekürte architektonische Konzept zur Wiederherstellung von Deutschlands zentralem Ort befriedigt mich trotz seiner Geschichtslosigkeit letztlich. Wenn ich auch nicht ganz so euphorisch wie unser lokaler Spezialist Hans Stimman daran Schlüter und Eosander mitwirken sehe, erkenne ich doch in der monotonen Strenge des von Franco Stella geplanten neuen Baukörpers preußische Zucht („mehr sein als scheinen“). Ein Prinzip, das nach Meinung weiterer Kenner sogar in der Monumentalarchitektur Albert Speers sich behauptet hatte – etwa in der Fassade der Neuen Reichskanzlei (zeitgleich mit dem Berliner Schloss abgetragen).

Doch auch einige Bedenken muss ich Ihnen freimütig äußern dürfen. Wenn ich das Rekonstruktionsmodell als befriedigende Lösung akzeptiere, kann mich die offizielle Verlautbarung über die künftige Nutzung dieses Gebäudes nicht wirklich überzeugen. Hier scheint mir auch die Stadt Berlin – gestatten Sie mir das böse Wort – etwas kleingeistig und unangemessen zu operieren. Soll das wiedergewonnene Schloss tatsächlich dafür herhalten, die Raumnot unserer städtischen Bibliothek durch zusätzliche Stellflächen zu überwinden? Dafür werden Sie doch sicher einen anderen Weg finden. Das gilt auch für die Sammlungen unserer Universität. Diese Bestände haben – wie mir gut bekannt ist – auch sehr interessante Partien, die von früherer wissenschaftlicher Leistungsfähigkeit der Deutschen zeugen. Doch muss bedacht werden, dass selbst die universitären Sammlungen des 19. Jahrhunderts noch etwas vom Flair der früheren Kuriositätenkabinette hatten. Schon deshalb können wir es uns nicht wirklich wünschen, dass die lokale Universität ihre Schätze aus dem Keller holt und an diesem nationalen Ort ausbreitet. Für vollends verfehlt halte ich den Gedanken, Deutschlands zentrales Gebäude als ethnologisches Museum zu nutzen. So sehr ich mir wünsche, dass Preußens überaus reichhaltige völkerkundliche Sammlung (früher recht knapp in Stülers Neuem Museum) an einen zentralen Ort überführt und so dem internationalen Tourismus zugänglich gemacht wird (unsere Schulklassen können auch nach Dahlem rausfahren) – dafür muss doch nicht ausgerechnet das neue Schloss herhalten! Dann wäre es sogar besser, auf die frühere Nutzung als kulturhistorisches Museum zurückzukommen (und dann auch das Germanische Nationalmuseum aus der Provinz hierher zu überführen).

Wer aus Paris oder Warschau, Moskau oder Kairo, Tokio oder London herkommt und sieht, dass er am wichtigsten Ort der deutschen Nation die Artefakte der Lebensweise und Kultur kleiner außereuropäischer Völkerschaften im 18. und 19. Jahrhundert ausgestellt sieht, kann sich nur verwundert die Augen reiben. Es ist einfach völlig unglaubwürdig, dass die Präsentation dieser Objekte ein völkerverbindendes Bekenntnis der Deutschen abgeben könnte. Und erst recht keinen „Weltort der Kunst und Kultur“! Nun verfügt hoheitlich in dieser Sache zwar die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, doch auch das Land Berlin hat da Sitz und Stimme. Darum meine Bitte an Sie: verhindern Sie, dass dort die Hütten der „Naturvölker“ (nun politisch korrekt) aufgebaut und – wie vom neuen Chef schon angekündigt – die bekannten ethnologischen Erlebniswelten („Aktionsinseln“) projektiert werden, wie Eventmanager Hermann Parzinger schon drohte: „Trommelkurse, Teezeremonien, Maskenspiele“. Der ostdeutsche Kulturexperte Wolfgang Tiefensee dazu: „Deutschland als Kulturnation legt seine Schätze ins Schaufenster“.

Die heutige Nutzungskonzeption ist allzu offensichtlich eine Notlösung. Auch mit einem Humboldt-Forum hat das wenig zu tun. Ethnologische Sammlung - weil Alexander von Humboldt als forschender Polyhistor die Welt bereist hat? Sammlungen der Universität, um das Genie ihres geistigen Vaters zu würdigen? Teile der Stadtbibliothek, weil Wilhelm von Humboldt das bürgerliche Bildungsideal mitgeprägt hat? Das alles verdeckt doch nur, dass niemand sagen kann (oder sagen möchte), wie Deutschlands Größe angesichts seiner (sicherlich widersprüchlichen) Nationalgeschichte in der heutigen Welt zu würdigen wäre. Bevor das nicht geklärt ist, sollte die gute Milliarde, die das Schloss gewiss kosten wird, zurückgehalten werden.

Die eifrigen Befürworter einer historischen Attrappe (fast alles Zugereiste, darunter viele verklemmte „Deutschnationale“) meinen offensichtlich, es wäre schon viel erreicht, wenn das Schloss der Hohenzollern wenigstens als Fassade wieder stehe (Christoph Stölzl „Die Schönheit der Außenhaut nach barockem Vorbild wird bald alle Kritiker verstummen machen“). Zurückhaltende Befürworter denken wohl, man könne das preußische Stammhaus als Baulichkeit wieder herrichten und dann so tun, als habe es weder mit den Schlossherren noch mit dem durch Besatzerdekret untergegangenen Preußen etwas zu tun. Sie scheuen – gleich den organisierten Eiferern und Spendensammlern - das offene Bekenntnis zu Preußen und damit auch zur Nation. „Geschichte als eine abgelegte Option“? Übergang „in gewöhnliche alltagspatriotische Verhältnisse“, wie nun auch Peter Sloterdijk verkündete? Sie sehen, wie schnell man mit dieser Unentschiedenheit unter die rechten Normalisierungsprediger gerät. Wenn den Geschichtsrevisionisten statt einer klaren Aussage nur Kulturgeschwurbel entgegengehalten werden kann, sollte besser auf den Nachbau verzichtet werden, denn er bliebe auch inhaltlich nur Fassade und könnte bestenfalls als Kuriosum durchgehen. (Hanno Rauterberg: „Nichts als nationale Leere“). In diesem Falle sollte man klar bekennen, dass das Schloss gar nicht gebraucht wird und sich dann neu für eine moderne städtische Mitte entscheiden. Schon die erste Ausschreibung hatte dafür interessante Vorschläge eingetragen.

Jetzt sollte von Ihnen aber ein Signal ausgehen, das helfen könnte, die Schlossrekonstruktion durch eine klare Legitimation doch noch zu ermöglichen. Sie regieren ja heute im Roten Rathaus. Es wurde einst in bürgerlichem Selbstbewusstsein als Gegen-Ort zu der Hohenzollern-Zwingburg mit ihrer abweisenden Fassade errichtet, der Stelle, von der aus die bürgerliche Stadt über die Jahrhunderte geknebelt worden ist. Sie könnten (heute überlegen und völlig angstfrei) Vorschläge machen, wie mit Preußen und dem Hohenzollern-Erbe würdig umzugehen sei. Denn bei aller Raumnot von städtischen Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen kann es doch nicht angehen, dass wir uns als Berliner schon darüber freuen, dass die Mitte unserer Stadt endlich wieder bebaut wird. Wir müssen uns als traditionsbewusste Hauptstädter mit Verantwortung beweisen!

Doch das ist zugleich Sache aller Deutschen. Vielleicht könnten Sie anregen, dass die Abgeordneten aus allen Bundesländern, die sich 2002 das Preußenschloss als zentralen Ort für alle Deutschen gewünscht haben, nun auch sagen, was sie davon erwarten? Das scheint mir schon deshalb geboten, weil die Umfragen zeigen, dass das von den Politikern damals präferierte Projekt bei den steuerzahlenden Bürgern momentan keine Mehrheit findet. Wie so oft könnten auch in dieser Sache die Politiker klüger und weitsichtiger sein. Sie müssten aber noch nachreichen, was die Bürger mit diesem größten deutschen Bauvorhaben gewinnen.

Ich sehe (und sage das auch als Nachfahre von durchaus kritischen Domestiken des Hauses Hohenzollern) solchen Stellungnahmen von Politikern aller deutschen Länder und Fraktionen mit großer Spannung entgegen, erwarte ich doch einen erneuten Treuebeweis zu der über viele Generationen von Preußen getragenen nationalen Idee der Deutschen. Sicher wird aus diesen Antworten noch kein neues Nutzungskonzept abzulesen sein. Sehr wohl aber die Richtung, in der weiter darüber nachzudenken sein sollte.

Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung
Ihr wohlmeinender Bürger
Dietrich Mühlberg


 Mühlberg Schloss
Der Autor bei einer Kostümprobe für die bevorstehende Schlosseröffnung


Ein Postskriptum sei gestattet:

Zur Aufklärung über den obwaltenden Geisteszustand (sog. Mainstream) in dieser Sache könnten Sie den Befragten einen Band empfehlen, den Florian Langenscheidt bereits vor zwei Jahren herausgebracht hat: „Das Beste an Deutschland: 250 Gründe, unser Land heute zu lieben.“
Hier wird Deutschland – wie es anpreisend heißt - „in seiner ganzen Vielfalt und Schönheit, Größe und Tiefe präsentiert“. Die „Gründe“ für die Deutschlandliebe hat eine Jury gekürt, in die bezeichnenderweise keine Politiker aufgenommen worden sind, dafür aber viele beredte und betuchte „gute Deutsche“: Franz Beckenbauer, Sabine Christiansen, Eric Bettermann, Graf von Faber-Castell, Petra Gerster, Cosma Shiva Hagen, Wolfgang Ischinger, Giovanni di Lorenzo, Helmut Markwort, Jean-Remy von Matt, Heinrich von Pierer, Friede Springer, Ulrich Wickert, Anne Will und Jochen Zeitz.


 Mühlberg Schloss