KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 21 • 2018 • Jg. 41 [16] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2/2008
Simone Tippach-Schneider
Volkseigentum
Kunst aus der DDR 1949-1989

Seit dem 27. September gibt es eine DDR-Kunstausstellung im Zentrum von Berlin. In der Spandauer Straße wurde ein einst großer Möbelladen zur Kunsthalle: 150 Bilder aus dem Bestand des Kunstarchivs Beeskow sind dort zu sehen. Wie diese Präsentation zustande kam, schildert das Grußwort von Simone Tippach-Schneider, die eher zufällig zur Kuratorin dieses Projekts wurde. Die Initiatoren sind zwei junge Unternehmer, die das Hostel OSTEL am Ostbahnhof betreiben.

(„Volkseigentum - Kunst aus der DDR 1949-1989“, Spandauer Straße 2, 10178 Berlin, Telefon 030 25768660, täglich 10 bis 22 geöffnet, Eintritt 8 /6 €. Siehe auch: www.volkseigentum.eu).


Zu Jahresbeginn wandten sich Daniel Helbig und Guido Sand vom OSTEL in Berlin zum ersten Mal an das Kunstarchiv Beeskow, um Kunstwerke auszuleihen. Weil ich gerade für das Archiv eine Ausstellung vorzubereiten hatte, hörte ich davon und rief entrüstet: „Was, ins Hotel? Sollen sie doch Reproduktionen von Van Gogh nehmen, die hingen oft in den Wohnzimmern der DDR!“ Danach ging es wohl noch einige Male hin und her mit Briefen und Telefonaten, bis endlich klar war: Nicht fürs OSTEL, sondern für eine eigene Ausstellung. Als mich Daniel Helbig dann anrief, war der Leihvertrag bereits unterschrieben und der Bildtransport schon unterwegs nach Berlin. Ich sagte meine Mitarbeit als Kuratorin spontan zu – aus einem einzigen Grund: Neugier. Da greifen sich zwei Berliner Jungs über 150 Bilder, obwohl sie keine Ahnung von Kunst haben, und wollen eine Ausstellung machen. Einfach so. In Berlin. In der Spandauer Straße. Also mittendrin.


 Tippach-Schneider
Axel Krause (*1958), Fasching, Triptychon, o. J.
© Kunstarchiv Beeskow


Wir trafen uns am 15. August 2008 zum ersten Mal im OSTEL am Ostbahnhof. Dann ging es Schlag auf Schlag. Am 26. September soll die Ausstellung eröffnet werden, vorher müssen die 2.200 Quadratmeter noch komplett renoviert werden: alte Teppiche raus, Fußboden schleifen, Wände weißen, Fenster reinigen, Toiletten und Büroräume herrichten, Foyer gestalten – und natürlich muss die Ausstellung noch vorbereitet werden. Ich sah die Entwürfe für die Einladung und zuckte zusammen. Na toll! Ich werde Kuratorin einer Ausstellung, deren Bilder ich noch nicht kenne, habe eigentlich keine Zeit mehr, aber schon zwei alternde Generalsekretäre im Retro-Design im Nacken.

Ich habe trotzdem keine Kehrtwendung gemacht, aus einem weiteren Grund: Begeisterung. Da haben zwei berufserfahrene Männer eine Idee. Sie wollen Kunstwerke aus der DDR in Berlin zeigen, die kurz nach 1989 aus den öffentlichen Gebäuden in den Depots verschwanden und damit völlig aus dem Blickfeld der eigenen Erinnerung und der (Kunst)-Geschichtsschreibung. Sie sind sich sicher, dass das Interesse an dieser Kunst ungebrochen – vielleicht sogar gewachsen ist. Wenn die Kunstwerke der ehemaligen Parteien und Massenorganisationen der DDR in großem Umfang wieder öffentlich wahrgenommen werden, lässt sich sicher auch genauer erforschen, warum diese Bilder noch immer eine Anziehungskraft besitzen.

Die öffentlichen Galerien und Museen in Berlin hatten in den letzten Jahren kein Interesse an Ausstellungen vom Kunstarchiv Beeskow. Nun aber begegnen mir diese beiden Unternehmer, für die Probleme eine Herausforderung sind und denen es sichtlich Spaß macht, für alles gleich mehrere Lösungen zu finden. Zum Beispiel wurden, als es um die Hängung der Bilder ging, an nur einem Tag (Abendstunden mit eingerechnet) dutzende Varianten neu erfunden und geprüft. Mir gefällt diese ungebremste Art, ein Projekt zu denken, vorzubereiten und umzusetzen.

 Tippach-Schneider
Gudrun Brüne (*1941), Die Neuerer, 1971
© Kunstarchiv Beeskow


Ich habe in den letzten fünf Jahren die Erfahrung gemacht, dass sich die Gesellschaft der DDR mit ihren Widersprüchen und Reibungen, ihren Utopien und dem, was sie vierzig Jahre zusammengehalten hat, in der Auseinandersetzung mit Kunstwerken viel besser begreifen lässt. Als hätte die Suche nach der künstlerischen Wahrheit am Ende mehr von der Wirklichkeit, dem Denken und Fühlen und den individuellen Haltungen festgehalten als eine Akte jemals herzugeben vermag. Deshalb begrüße und unterstütze ich diese Ausstellung „Kunst aus der DDR“. Ich bin sicher, dass sie die Bedeutung der Kunst innerhalb des Herrschafts- und Gesellschaftssystems der DDR wieder thematisiert und weitere Fragen provoziert, bei denen jeder Ausstellungsbesucher die eigene Haltung zu den Bildern neu überprüfen kann.