KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 21 • 2018 • Jg. 41 [16] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 1/2008
Horst Groschopp
Die „neuen Atheisten“, das „Ferkelbuch“ und der organisierte Humanismus
Was hat ein Kinderbuch mit „neuem Atheismus“ zu tun?

Nach Mitteilung der Staatsanwaltschaft Aschaffenburg vom letzten Freitag (15. Februar 2008) enthält das 36-seitige Kinderbuch "Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel" des Philosophen Michael Schmidt-Salomon und des Zeichners Helge Nyncke, erschienen vor Weihnachten 2007 im freidenkerischen „Alibri“-Verlag (Aschaffenburg), keine strafbaren Inhalte. Es sei allerdings ein "perfides Machwerk in der Maske des religiösen Kinderbuchs".

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart hatte Anfang Februar Strafanzeige gestellt. Das Buch verfolge das Ziel, Kindern den Gottesglauben der drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam als unsinnig zu erklären. So würde im Buch beispielsweise der Vorwurf des Kannibalismus gegen katholische Christen erhoben. Der Religionspädagoge Albert Biesinger sagte dazu, er lasse sich „von niemandem als ’Menschenfresser’ titulieren, weil ich mich am Brotbrechen und Kelchtrinken im Sinne des Auftrags Jesu beteilige."

In der aktuellen Debatte über Religion und Religionskritik, Kirche und Staat, Wissenschaft und Glauben wird mit harten Bandagen gefochten. Derzeit untersucht die „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften“ auf Antrag des Bundesfamilienministeriums, ob das Buch indiziert wird. Am 6. März soll ein Gremium, dem auch Vertreter der Kirche, der Jugendhilfe und Autoren angehören, darüber entscheiden, ob das Buch auf den Index kommt.

Vertreter säkularer Verbände, besonders Freidenker und Humanisten, laufen, trotz teils starker eigener Vorbehalte gegen den Stil des Buches, dagegen Sturm. Es werden im Wesentlichen zwei Argumente angeführt, das der „Meinungsfreiheit“ und das des Rechts der Eltern, selbst zu entscheiden, was ihre Kinder gefährdet und was nicht. Besonders im „Humanistischen Pressedienst“ [www.hpd-online.de] und auf einer besonderen „Ferkelseite“ [www.ferkelbuch.de] wird der Streit fortlaufend dokumentiert.

Das „Ferkelbuch“, wie die Publikation in den Medien abgekürzt genannt wird, wurde vom Verlag als das „frechste Kinderbuch aller Zeiten“ angekündigt, als „Erste-Hilfe-Set für genervte Eltern“, als „subversiver Erwachsenencomic“ und als „Heidenspaß für Groß und Klein“. Bei letzterer Bezeichnung muss man wissen, dass „Heidenspaß“ sich tatsächlich auf „Heiden“ bezieht und diverse Komitees v. a. in Süddeutschland mit diesem Namen immer mal wieder demonstrativ „Religionsfreie Zonen“ organisieren – wenn der Papst kommt oder Kirchenfeste stattfinden.

Das Buch erzählt die Geschichte eines kleinen Ferkels und eines kleinen Igels. Sie hatten immer „großen Heidenspaß", bis sie eines Tages ein Plakat entdeckten, auf dem stand: „Wer Gott nicht kennt, dem fehlt etwas!" Darüber erschraken die beiden sehr. Bisher wussten sie nicht, dass ihnen etwas fehlen könnte. Als „Gottsucher“ besuchen sie Rabbi, Bischof und Mufti, die sie sich zum Schluss in den Haaren liegen. Sie sind gleichermaßen verrückt. Ferkel und Igel stellen nach ihren überstandenen Abenteuern fest: „Und die Moral von der Geschicht': Wer Gott nicht kennt, der braucht ihn nicht!"


Ferkelbuch

Angesichts dieser Geschichte sprach der Berliner „Tagesspiegel“ am 4. Februar von einem „atheistischen Ferkel“. Es war aber besonders die Ankündigung des Verlages, das „Ferkelbuch“ sei ein „Dawkins for Kids“, die den Streit in eine grundsätzlichere Kulturdebatte einbrachte – in die Debatte um den „neuen Atheismus“. Seit etwa einem halben Jahr beschäftigt das Thema „neuer Atheismus“ einschlägige Magazine wie „Spiegel“, „Stern“ oder „Focus“ und neuerdings auch „Maischberger“ und „Kerner“. Sie reflektieren nicht nur die Debatte, sondern geben ihr die Richtung, die sie hat: nämlich ein Medienereignis zu sein.


Um was geht es im „Ferkelstreit“?

Der Streit ist initiiert durch einen Indizierungsantrag aus dem Bundesfamilienministerium wegen der im Buch angeblich zum Ausdruck kommenden Blasphemie gegen alle drei großen monotheistischen Weltreligionen, aber auch wegen des Vorwurfs des Antisemitismus (am Beispiel des dargestellten Rabbi). Das ist zweifellos eine maßlos überzogene Reaktion. Diese ist nur in ihrem Kontext verständlich.

Konservativen Kräften im Land soll das „Ferkelbuch“ als Exempel dienen, dem erwachenden Selbstbewusstsein religionslos lebender Menschen mit einer Kampagne zu begegnen. Gezielt wird auf radikale Religionskritiker, getroffen werden sollen die Konfessionsfreien allgemein, besonders dort, wo sie ihre Interessen anmelden: Religionsunterricht, Jugendweihe, Sterbehilfe – um nur drei Hausnummern zu nennen.

Die Kampagne gegen das „Ferkelbuch“ nahm zeitweise in einigen Medien Formen einer Erweckungskampagne gegen Aufklärung, Atheismus und Humanismus an. Dabei spielte immer weniger das Büchlein selbst eine Rolle. Die Debatte selbst nahm insgesamt einen „merkwürdigen Verlauf und ist deshalb ein besserer Gegenstand der Analyse als das Buch selbst“, schrieb Lorenz Jäger am 4. Februar 2008 in der FAZ. Die Öffentlichkeit erlebt einen „Kulturkampf“.

Auf diesen soll im Folgenden in dessen Bezug auf den „neuen Atheismus“ eingegangen werden, weil dies die kulturelle Frage am Klarsten ausdrückt, um die es geht: Wie halten es die Atheisten, Agnostiker und Humanisten mit den Religionen und deren Organisationen?

Zu den politischen Implikationen, wie sie z.B. im „Humanistischen Verband“ (HVD) gesehen werden, hat sich der Autor dieses Textes (ebenfalls im Humanistischen Pressedienst) am 5. Februar 2008 umfänglich geäußert. Dort findet sich am 7. Februar auch ein Artikel Berliner Lebenskundelehrer unter der Überschrift „Religionen humanistisch erklären“, der im Streit der Säkularen dem Vorwurf zu großer Religionsfreundlichkeit ausgesetzt ist. („Humanistische Lebenskunde“ ist ein freiwilliger Bekenntnisunterricht, der in Berlin und neuerdings auch Brandenburg als Alternative zum Religionsunterricht vom HVD an Schulen angeboten wird und den derzeit 45.000 Schüler frequentieren.)

Inzwischen herrscht im „Ferkelstreit“ so etwas wie Ruhe vor dem Sturm, denn zum ersten hat der Generalsekretär des „Zentralrates der Juden in Deutschland“ am 6. Februar 2008 verlauten lassen: „Der Meinung, das Buch sei antisemitisch, kann man so nicht folgen, da es gleichermaßen alle drei großen monotheistischen Religionen verleumdet. Es ist einfach Antireligion, Anti-Gottes-Glaube und alles, was sich daraus ergibt.“

Zum zweiten hat sich der Ton in der Öffentlichkeit gemildert, besonders seit Thomas Klingenmaier in der „Stuttgarter Zeitung“ am 7. Februar 2008 schrieb: „Nun haben eben mal zwei Atheisten ein wenig schmeichelhaftes Bild des organisierten Glaubens gezeichnet, ein unangenehm didaktisches atheistisches Gegenstück zu den vielen naiven Bilderbüchern, Traktätchen und Kinderbibeln, die Glaubenswerbung betreiben und Religion als rosarote Flauschigkeit oder als Sammlung spannender Abenteuer mit einem gütigen Wächter im Himmel darstellen. Das kann man aushalten, das verstört auch Kinder viel weniger als manche Gruselmär von Höllenstrafen. Über unterschiedliche Positionen muss man reden können. So und nur so lassen sich die Karikaturen zürnender Fanatiker widerlegen.“

Drittens steht das Bundesfamilienministerium nach wie vor zu seinem Antrag und dieser wird am 6. März 2008 vor der „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien“ geheim vor einem 12er Gremium verhandelt, nach Anhörung der Kläger und der Produzenten.


Was ist der „neue Atheismus“?

Eine Gruppe vorwiegend naturwissenschaftlich tätiger Intellektueller führt seit etwa vier Jahren einen neuen Kampf gegen Religion. Der Begriff „Die Neuen Atheisten“ ist noch jünger. Er wurde am 23. Oktober 2006 – also erst vor 16 Monaten – von Gary Wolf, dem amerikanischen „Executiv Poducer“ des Internetportals „Wired.com“ in dem Artikel „Battle of the New Atheism“ benutzt.

Er definierte ihn wie folgt: „So lautet die Herausforderung der Neuen Atheisten: Wir sind dazu aufgerufen, wir lockeren Agnostiker, wir hingebungslosen Ungläubigen, wir unbestimmten Deisten, denen es peinlich wäre, antike Absurditäten wie die Jungfrauengeburt zu verteidigen oder die Behauptung, dass Maria in den Himmel aufgefahren sei ohne vorher zu sterben, oder jeden anderen himmelschreienden Mythos. Das fordert uns auf, uns Unentschlossene, diesen lähmenden Fluch zu exorzieren: Den Fluch des Glaubens.“

Richard Dawkins, der englische Evolutionsbiologe und wichtigste Theoretiker des „neuen Atheismus“, hat den Vorwurf des „Gotteswahns“ erhoben. Mit der Kennzeichnung religiösen Glaubens als „Wahn“ (Einbildung, Dunstbild, Erfindung, Hirngespinst, Täuschung, Trug, Aberglaube, Ekstase ...) ist eine Sprache (erneut) in die Religionskritik gekommen, deren Ton zwar aus amerikanischen Verhältnissen heraus (christliche Erweckungsbewegungen, Kreationismus) verständlich, aber für deutsche Verhältnisse neu ist. Dawkins selbst („Imagine No Religion“) ergänzt seine Beweise, dass es Gott als „Meister-Ingenieur“ nicht gebe, dass dies schließlich jeder Idiot erkennen könne.

Michael Shermer („Rational Atheism“), selbst atheistischer Skeptiker, beobachtet seit der Jahrtausendwende eine neue Militanz unter Religionsskeptikern. Sam Harris bezeichnet in der „Washington Post“ (29. August 2007) Gläubige als „religiöse Spinner“. Christopher Hitchens („Belief in Belief“) spricht vom „Gangstertum“ und der ausbeutenden Seite der Religion und ihrer nicht weniger klaren Neigung, Kriege, Gräueltaten und Verdrängungen auszulösen. Religion vergifte alles und (so der deutsche Buchtitel) „Der Herr ist kein Hirte“: Glauben sei Dummheit und wer ihr folge, gehöre „zu den Kleinkindern unserer Spezies.“ Die einheimische Variante dieses Vorwurfs ist etwas milder gefasst, aber nicht weniger respektlos: „Glaubst Du noch oder denkst Du schon?“

Vielen, auch Gutmütigen, nicht nur Theologen und Religionsfunktionären, auch Atheisten und organisierten Humanisten erscheint dieser Stil als nahe an der „Gier nach Skandalöffentlichkeit“, als „Anti-Religion-Agitation“ oder gar als „zähnefletschender Atheismus“, gerade in einer kulturellen Situation, die Peter Sloterdeijk kürzlich in seinem neuen Buch „Gottes Eifer“ – bezogen auf die europäischen Religionsverhältnisse – so beschrieben hat, dass in der säkularen Zivilität der Gegenwart ein abgeklärter Monotheismus den Eifer für einen Gott längst institutionalisiert und gemildert habe. Wer die Zivilisation erhalten wolle, brauche demographische Aufklärung, eine Entwicklungspolitik, die Machtstrukturen aufbricht, und eine Kulturwissenschaft, die verstehen hilft, wo sich diese zivilisatorischen Impulse auch in einer religiösen Sprache äußern.


Wo finden wir den „neuen Atheismus“?

Das „Ferkelbuch“ wird in der Öffentlichkeit als Zeichen des „neuen Atheismus“ wahrgenommen, zumal es die Schöpfer – wie oben bereits erwähnt – als „Dawkins für Kids“ ankündigten. Wer sich über die „neuen Atheisten“ und ihre Ideen informieren möchte, schaut am Besten ebenfalls in den „Humanistischen Pressedienst“. Dort sind auch die obigen Zitate entnommen. Seit 21. Februar 2007 steht dort immer freitags ein von Andreas Müller meist aus dem Englischen oder Amerikanischen übersetzter Text – also inzwischen mehr als zwanzig Originale, seit kurzem auch Videos und Comedy Shows per Link zu „Youtube“.

Eine zweite Quelle ist die Homepage der deutschen „Brights“ (die „Klaren“, „Hellen“, „Erhellten“), wo auch die entsprechenden Bücher, Zeitschriften, Homepages und Blogs regelmäßig ausgewertet werden und wo der gleiche Andreas Müller, ein junger Würzburger Literatur- und Anglistikstudent, Redakteur beim hpd, viele Texte und Autoren vorstellt, die sich neuatheistisch äußern, vom berühmten Wissenschaftler bis zum bekannten Komiker.

Eine dritte Quelle ist eine Vielzahl von Büchern, die in den letzten Jahren meist auf Englisch, nun zunehmend auf Deutsch erschienen sind und die sich alle mit „Gott“ beschäftigten. Sie wurden geschrieben, um dessen Nichtexistenz zu beweisen, sei es in den klassischen Argumentationen der Widerlegung der so genannten Gottesbeweise, sei es in Form von Ideengeschichten oder in neueren Erörterungen des Theodizee-Problems.

Wichtig ist hier, dass neuerdings Weltanschauungssysteme vorgestellt werden (sozusagen „Weltall – Erde – Mensch“), die entweder ohne Humanismus auskommen wollen oder zu können meinen; oder aber sich nicht als „neuer Atheismus“ verstehen, sondern einen „neuen Humanismus“ vorstellen, der seinen Anhängern eine evolutionäre Weltanschauung und deshalb wissenschaftlich („naturalistisch“) begründbar ist. Zu verweisen ist hier auf Michael Schmidt-Salomon, der 2005 ein entsprechendes „Manifest des evolutionären Humanismus“ verfasst hat, und auf die „Giordano-Bruno-Stiftung“.


Was ist überhaupt Atheismus?

Atheismus ist eine weltanschauliche Grundhaltung des Nichtglaubens bzw. des Fehlens eines Glaubens an einen Gott, wobei das Wort Glauben im Sinne von „annehmen“, „etwas für wahr halten“ und „vermuten“ interpretiert und auf Religion, besonders – hierzulande – die christliche, aber immer mehr auch die islamische bezogen wird.

Bei „Atheismus“ geht es um Nicht-Glauben im Gegensatz zu theistischen (meist sogar monotheistischen) kulturellen Konstruktionen. Dabei gibt es zwei Interpretationsvarianten, in denen Atheismus gewöhnlich gebraucht wird, die für unser Thema nicht unwichtig sind, nämlich zum einen als ausdrückliche Verneinung der Existenz einer Gottheit (oder mehrerer Götter; Beispiel: Es gibt keinen Gott) und zum anderen als ausdrückliche Verneinung transzendenter Wesen überhaupt (Atheologie; Beispiel: In der Natur wirken natürliche Gesetze, die ich nicht Gott nenne; oder: Gott ist nicht das Unbekannte an sich).

Wichtig für das Verständnis der aktuellen Debatte ist, dass stets zwei Dimensionen des Atheismus zu unterscheiden sind.

Die erste fragt nach einem häufig diffusen und zwischen lebenspraktischem Materialismus und theoretischer Einsicht angesiedeltem Selbstverständnis. Bezogen auf die DDR spricht man hier von „Volksatheismus“, der gar nicht mehr fragt, ob es einen Gott geben könnte. Schon die Frage wird häufig nicht verstanden oder abgelehnt. Am Treffendsten ist hier das von Friedrich Engels stammende Zitat, bezogen auf Arbeiter im schönen Wuppertal vor 1848, die sind: „Mit Gott einfach fertig“. Ein kirchlich inspiriertes Buch von Alfred Hoffmann (Leipzig 2000) über den DDR-Atheismus trägt diesen Titel. – Papst Benedict XVI. hat es eleganter ausgedrückt, worum es dabei geht: „Schwerhörigkeit für Gott“.

Die zweite Dimension sieht im Atheismus ein institutionell geprägtes Phänomen und will wissen, wer welche kirchenfernen Einrichtungen nutzt, welche und wie viele davon zur Verfügung stehen und wie es mit der Zugehörigkeit zu weltlichen Organisationen aussieht. Hier geht es um die Lebenspraxis, z.B.: Jugendweihe oder Konfirmation, Kulturhaus oder Kirche, Kirche oder HVD usw.

Für das Verständnis der aktuellen Debatte um den neuen Atheismus sind noch drei Merkwürdigkeiten festzuhalten. Erstens die, dass diese vielen Dimensionen von Atheismus im „neuen Atheismus“ gar nicht reflektiert werden. Es geht vielmehr fast allein um die Wahrheitsfrage in Weltanschauungen im Gegensatz zu Nichtwahrheiten in Religionen, wobei diese in aller Regel ernst genommen werden in ihren Aussagen, was mitunter auch zu skurrilen Beweisführungen führt, denn bekanntlich sind die Wahrheiten des Lebens nicht unbedingt naturwissenschaftlich feststellbar.

Zweitens wird Religion recht eindimensional als falsche Erkenntnis oder gar Ideologie wahrgenommen, weniger als Kulturphänomen mit einer entsprechenden Geschichte, die mehr ist eine „Kriminalgeschichte des Christentums“, wie ein mehrbändiges Werk von Karlheinz Deschner heißt. Der „Deschner-Preis“ der „Giordano-Bruno-Stiftung“ wurde am 12. Oktober 2007 in Anwesenheit des Namenspatrons an Dawkins verliehen.

Drittens wird weitgehend verkannt, dass sich Atheismus auf Theismus bezieht und dessen Formen und Inhalte zu widerlegen versucht. Er ist kein Gegensatz zu Religion generell, da es im Panorama der Gläubigkeiten zahlreiche Religionen, „Sekten“, religiöse Sondergruppen und Gemeinschaften gibt, die ohne Gott oder Götter auskommen. Der allgemeine Gegensatz zu Religion wäre Nicht-Religion, Nicht-Glauben, Humanismus (wenn er als solcher gefasst wird) oder auch Sozialismus, wie ihn die frühe Arbeiterbewegung verstand (vgl. hier das Buch von Sebastian Prüfer: Sozialismus statt Religion, Berlin 2002).


Warum „neuer“ Atheismus?

Es ist zunächst festzuhalten, dass der Atheismus-Vorwurf so alt ist wie theologisches Nachdenken über die eigene und die fremde Religion. Glaubenden, wenn sie an einen Gott glauben, gilt der eigene Gott stets als Wirklichkeit. Der eigene Gott ist der wahre Gott, weil sonst die Glaubenden ja keine Gläubigen hinsichtlich ihres eigenen wahren Gottes wären. Glaubende, die an einen anderen Gott glauben, glauben in den Augen der anderen an einen falschen Gott. Sie sind Atheisten hinsichtlich dieses (eigenen) wahren Gottes. So erschienen die ersten Christen den Römern als Atheisten und die Protestanten den Katholiken und die Christen vielen Moslems usw. (und in der Gegenwart lehnt besonders die Katholische Kirche gemeinsame religiöse Feiern mit Muslimen ab, weil diese an einen anderen Gott glauben).

Es sind zwei mögliche Herangehensweisen zu konstatieren, das Problem überhaupt zu formulieren, was Atheismus ist: Es handelt sich hier – grob gesprochen – sowohl um eine philosophische und eine wissenschaftliche. Dass beide Verfahren zu unterscheiden sind, hat kulturelle und erkenntnistheoretische Gründe. Philosophie kann wissenschaftlich betrieben werden, ist aber selbst keine Wissenschaft: Sinnfragen sind nicht wissenschaftlich beantwortbar. Wissenschaft wiederum kann betrieben werden, ohne ihre Ergebnisse philosophisch zu vertiefen. Sinnfragen werden dann nicht gestellt.

Wissenschaft als Philosophie und Philosophie als Wissenschaft zu sehen ist so alt wie der moderne Atheismus. Es war dies eine der Hauptfragen in der Philosophie des 18. Jahrhunderts. Wohl in dieser Zeit beginnen auch Versuche, an die Stelle des religiösen Glaubens eine „wissenschaftliche Weltanschauung“ zu setzen. Die ganze Sache – das Verhältnis von Wissenschaft und Philosophie und der „Weltanschauungen“ mittenmang – ist vornehmlich ein Produkt der Freidenkerei und der Aufklärung und damit auch der Geschichte freigeistiger, freireligiöser, freidenkerischer, humanistischer Organisationen (vgl. H. Groschopp: „Dissidenten“, 1997). Es hat diese Vermengung immer gegeben und insofern ist der „neue Atheismus“ nicht neu.

Dazu ist aber eine Ergänzung nötig, denn diejenigen, die sich als „neue“ Atheisten sehen, sehen diese Unterscheidung in aller Regel nicht, wollen sie auch nicht sehen, arbeiten überhaupt nicht historisch oder gar kulturhistorisch. Das hat sehr viel mit ihrem Herkommen und ihren Absichten zu tun – und selbstverständlich mit aktuellen Situationen, die alten Fragen neu aufwerfen, sie als neue Fragen erscheinen lassen, besonders dem Publikum gegenüber.

Die „neuen Atheisten“ bewegen philosophische Fragen des 18. Jh. gut vermengt mit sehr aktuellen Fragen der Genetik, der Evolutionstheorie und der Hirnforschung – und das macht ihre Lektüre spannend, deshalb finden sie Interessenten.


Was charakterisiert die „neuen Atheisten“?

Es sind zunächst die „Brigths“ von den „neuen Atheisten“ zu unterscheiden. Nach ihren Selbstauskünften sind die „Brights“ eine naturalistische Bürgerrechtsbewegung, die per Aufklärung und Netzwerken im Internet auf Probleme von Konfessionsfreien hinweisen will, die sie vor allem in religiösen Angriffen auf deren Überzeugungen sieht.

Die „neuen Atheisten“ wiederum legen Wert darauf, damit nicht verwechselt zu werden. Denn genau genommen handelt es sich hier um vier bis fünf amerikanische, britische und kanadische Intellektuelle, nämlich Sam Harris, Richard Dawkins, Christopher Hitchens, Daniel Dennett und PZ Myers, die zum Teil (und dies eher locker) sich selbst zu den „Brights“ rechnen bzw. dazu gerechnet werden.

Neuere atheistische Schriften – im Folgenden werden nur einige deutsche genannt – von Franz Buggle, Eric Hilgendorf, Norbert Hoerster, Burkhart Müller, Bernulf Kanitscheider, Ernst Salcher, Paul Schulz sind genau genommen nur schwer unter die „neuen Atheisten“ zu rechnen, auch wenn jetzt, besonders in den Medien, alle darunter gezählt werden, die sich atheistisch äußern. Aus der Fremdzuschreibung, zu den „neue“ Atheisten zu gehören, ist inzwischen weitgehend eine Selbstbezeichnung geworden. Außerdem: Wer will schon zu „alten Atheisten“ gehören?

Die „Brights“ haben sich, z.B. auf der entsprechenden Homepage, klar definiert. Ein „Bright“ ist eine Person mit einem naturalistischen Weltbild, das frei von übernatürlichen und mystischen Elementen ist und dessen Ethik und Handlungen auf einem naturalistischen Weltbild basieren. Die Bewegung wurde 2003 von Mynga Futrell und Paul Geisert ins Leben gerufen. Ursprünglich war sie vor allem eine Reaktion auf die Ausgrenzung und Diskriminierung, der Naturalisten in den Vereinigten Staaten ausgesetzt sind. Das Kunstwort „Bright“ ist entstanden, weil „Atheist“ in den USA geradezu ein Schimpfwort ist. Man wollte diesem mit einem positiven Begriff begegnen.

Die „neuen Atheisten“ sind weitgehend eine Medienerfindung ohne klare Definition. Manchmal sind das die wenigen (aber doch einflussreichen) oben genannten Autoren, manchmal machen diese in ihren Interviews und Vorträgen eine Bewegung daraus. Häufig sagen sie, sie seien „Skeptiker“, die in Deutschland ihre organisatorische Entsprechung in der GWUP haben, der vor zwanzig Jahren entstandenen „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“. Doch zeichnet sich diese Vereinigung hierzulande gerade dadurch aus, dass in ihren Reihen auch Nicht-Atheisten, selbst Theologen, organisiert sind

Der stärkste Unterschied zwischen den „Brights“ und dieser Handvoll Intellektuellen ist die Haltung zur Religionskritik. Die „Brights“ sind daran weniger interessiert, während sich die „neuen Atheisten“ gerade darin exponieren, Gottes Existenz pausenlos zu bestreiten. Sie agieren dabei sehr medien- und trendbewusst. Sie erscheinen als Gruppe, obwohl sie kein gemeinsames Konzept haben.


Was ist „organisierter Humanismus“?

Der organisierte Humanismus ist eine Folge der Säkularisation seit Beginn des 19. Jahrhunderts und der Herausbildung von konfessionsfreien, ethischen und bürgerrechtlichen Organisationen, die sich auf ein humanistisches Programm verpflichten, sich aber (wie aktuell die „Humanistische Union“) nicht unbedingt weltanschaulich festlegen, wie es der „Humanistische Verband“ tut.

Humanismus war seit dem Ende des Mittelalters eine aufklärende kulturelle Bewegung, die sich dadurch auszeichnete, keine „eigene Religion“ sein zu wollen. Der Universalitätsgedanke der Menschenwürde, zuerst von Pico della Mirandola vorgetragen, der Toleranzgedanke von Erasmus von Rotterdam und der Staatsgedanke Machiavellis prägen den frühen Humanismus. Die unbedingte Religions-, wie besonders die Kirchenkritik, und damit der Atheismus, aber mehr noch der Agnostizismus, die Evolutionslehre und Erkenntnisse der modernen Natur- und Gesellschaftswissenschaften und die politische Theorie der Trennung von Staat und Religion kamen im 19. und besonders im 20. Jahrhundert ebenso hinzu wie Marx’ Kapital- und Freuds Psychoanalyse.

Den humanistischen Ideen folgend, sind eigentlich alle Mitglieder der Gesellschaft Humanisten, wenn sie diese Leitideen mittragen. Die Frage ist nun, ob der Humanismus ein universeller Kulturanspruch der Selbstbestimmung für alle und Toleranz allen gegenüber sein kann, aber zugleich den Anspruch erheben darf, eine besondere Weltanschauung einer bestimmten Gruppe zu sein, die den Humanismus vertritt und die sich Humanisten nennen.

Für gesonderte humanistische Organisationen spricht, dass es erstens der Humanisten als sozialen Trägern einer Idee gegenüber anderen Ideen bedarf; und dass es zweitens nach wie vor der Aufhebung sozialer, staatlicher und gesellschaftlicher Privilegien bedarf, z.B. der kirchlichen, die eine Gleichbehandlung aller Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften und damit aller Menschen einer Gesellschaft behindern.

Hier nun kommen der Atheismus allgemein und der „neue“ im Besonderen ins Spiel. Einige Konzepte der organisierten Säkularen sehen nämlich Religionen nur als zu überwindende Kulturauffassungen. Ein weitgehend atheistisch verstandener „neuer“ Humanismus wird als „Leitkultur“ formuliert und den christlichen, muslimischen, jüdischen usw. „Leitkulturen“ entgegengestellt – im „Ferkelbuch“ exemplarisch vorgeführt. Konzeptionell folgert daraus, dass der organisierte Humanismus sich v.a. als „Konkurrenz“ den Religionsgemeinschaften begreift, besonders zu den Kirchen.

Ein anderes humanistisches Konzept will diese Privilegierung aufheben durch (vereinfacht gesprochen) Abschaffung der Privilegien. Es bestreitet den Religionsgesellschaften und mit ihnen den Religionen keineswegs das Existenzrecht, will sie aber auf normale Kulturvereine reduzieren, die mit anderen Kulturvereinen konkurrieren. In diesem Konzept ist umstritten, inwiefern einige Kulturvereine – Weltanschauungs- als Pendant zu Religionsgemeinschaften – dabei selbst den „Kirchenstatus“ erringen und „Körperschaft des öffentlichen Rechts“ werden sollten.

Die unterschiedlichen Antworten drücken sich auch in unterschiedlichen Organisationsformen aus. Aus diesen wiederum kamen unterschiedliche politische Stellungnahmen zum „Ferkelbuch“. Die sollen hier nicht verhandelt werden. Aber diese Varianten unterscheiden sich auch in ihrer jeweiligen Auffassung von Humanismus, besonders den Stellenwert, den Religion darin einnimmt.

In den Zwischenfeldern dieser beiden Varianten findet nämlich ein Grundstreit statt. Der geht darum, wie mit Religionen umgegangen werden soll: Sind sie und ihre Kulturverbände zu tolerieren und zu erhalten oder sind sie als „Verdummungsvereine“ zu entlarven oder gar zu beseitigen.


„Neuer Atheismus“ und Streit um das „Ferkelbuch“

Interessanterweise scheiden sich die Geister im säkularen Spektrum an der Frage, wie sich organisierter Humanismus zur Religion verhalten sollte. Sowohl hinsichtlich der Religionsgesellschaften (besonders zu den christlichen Kirchen) als auch bezogen auf gläubige Menschen, eingeschlossen Kinder. Hier kommen das „Ferkelbuch“ und der Streit darüber ins Spiel.

Berliner Lebenskundelehrer hatten – wie vorn bereits erwähnt – am 7. Februar 2008 im „Humanistischen Pressedienst“ ihren „Rahmenlehrplan“ als inhaltliche und pädagogische Kritik am „Ferkelbuch“ dessen Religionsablehnung zitiert und meinten, Kritik der Religion müsse auch eine „Übersetzungsarbeit“ sein. Es sei nötig zu erklären, welche menschlichen Konflikterfahrungen hinter den Religionssystemen stehen und man müsse Kindern und Jugendlichen helfen, fragen zu lernen, ob nicht bessere Möglichkeiten der Befriedigung herstellbar sind als durch religiöse Heilserwartungen angeboten werden.

Ihre Erfahrungen zuspitzend schrieben sie: „Im Übrigen haben wir in Gesprächen mit Kindern und Jugendlichen, die religiöse Überlegungen anstellen, nicht unbedingt den Eindruck, dass sie ’ziemlich verrückt’ sind und ’ihnen etwas fehlt’, wie es im Buch über religiöse Menschen heißt. Religiöse Überlegungen von Kindern und Jugendlichen können sehr kreativ sein, religiöse Bindungen können Rücksicht fördern. Religion kann auch ein Beitrag zum Frieden sein.“

Das ist aber genau das Problem, das der „neue Atheismus“ anders herum zuspitzt. Hier dominiert die Ablehnung von Religion (wie aller Ideologien) und es ist nach diesem Konzept unsinnig, ja schädlich, Schülern – zum besseren Verständnis – in Religion zu unterrichten, weil sie ja damit (siehe oben) an eine verdummende Weltsicht auch noch herangeführt würden, wenn auch unbeabsichtigt.


Was bedeutet der „neue Atheismus“ für den „organisierten Humanismus“?

Die Daseinsweise des „neuen Atheismus“ als intellektuelle Lektüre und als Medienereignis befördert nach wie vor die Bekanntheit der „neuen Atheisten“, besonders weil ihre Widersacher – allesamt Kirchenleute – endlich auch wieder einen richtigen Gegner haben, sogar öffentliche Tribunale inszenieren können wie gegen Dawkins bei „Kerner“. Das führt zu interessanten Schaugefechten und Solidaritätseffekten bei den Gottlosen, aber wahrscheinlich zu Fehleinschätzungen hinsichtlich der realen Wirkung in der Bevölkerung (das liegt aber im Dunkel des demoskopisch Unbekannten).

Die enorme Solidarität mit diesen Gleichgesinnten etwa bei der Verteidigung des „Ferkelbuches“ (jedenfalls gemessen an Effekten, die bisher im säkularen Spektrum zu erzielen waren), vermittelt den Eindruck einer breiten Bewegung, ja gar der Organisation, die aber so nicht vorhanden ist.

Vielleicht hilft eine historische Parallele bei der Analyse der Vorgänge. Um 1900 gelang dem „Giordano-Bruno-Bund“ die Sammlung besonders philosophisch interessierter Naturwissenschaftler und Künstler und zahlreicher Mäzene. Diese eher lose Gruppierung war ein Debattenklub, der die Freidenkerbewegung um 1900 zu konzeptionellen Klarstellungen zwang. 1905 spalteten sich die philosophischen Zirkel in rechte und linke Freidenkergruppen, in spätere Germanengläubige, ethische Dienstleistungshumanisten, freidenkerische Sozialisten und gläubige Kommunisten. Parallelen zu aktuellen Debatten über „neuen“ Atheismus bzw. Humanismus herstellen zu wollen ist reine Spekulation.

Ein historischer Vergleich bietet sich noch in anderer Hinsicht an: Wie damals das „Weimarer Kartell“ entstand als Folge von Zentralisationsbestrebungen in den bestehenden freigeistigen Verbänden selbst und vereint im Abwehrkampf gegen die konservative „Lex Heinze“, ist es diesmal die Idee eines neuen Bündnisses in Form eines Zentral- bzw. Koordinierungsrates (parallel zu den religiös orientierten „Zentralräten“), die 2003 von Michael Schmidt-Salomon zuerst öffentlich vorgetragen wurde (anlässlich einer Tagung der Humanistischen Akademie Berlin) und die alle Beteiligten bewegt angesichts von einem Drittel konfessionsfreier Bevölkerung.

Allerdings: Der aktuelle Streit um das „Ferkelbuch“ hat nicht die bindende und breite Kraft einer „Kulturbewegung“, wie sie vor 1900 die „Lex Heinze“ auslöste. Das liegt im Wesentlichen in der Uneinigkeit der Säkularen begründet, wie mit Religionen und ihren Organisationen (etwa den Kirchen) öffentlich und politisch umgegangen werden soll und welche Forderungen der organisierte Humanismus erheben und ob eine Gegenbewegung überhaupt humanistisch argumentieren sollte.

Ein Blick auf die Organisationswilligen lehrt wiederum, dass der „neue Atheismus“ überhaupt nicht gesondert vertreten ist, er aber in allen Verbänden irgendwie vorkommt, aber nirgends dominant ist. Gerade deshalb fordert er zu intellektuellen Anstrengungen heraus, mit denen sich der praktische Humanismus etwas schwer tut. Letzterer ist medial nicht so attraktiv, für Intellektuelle nicht genug präsent. In dieser Situation bringen die Ideen der „neuen Atheisten“, weniger die Personen selbst (die ja auch im Ausland leben und englisch sprechen), eine neue Dynamik in die Landschaft der Verbände.


Wie kann der „organisierte Humanismus“ Nutzen aus der Lage ziehen?

Der „Humanistische Verband“ (HVD) ist auf dem Weg, die aktuelle Situation als Chance für den organisierten Humanismus sehen. Der „neue Atheismus“ hat in seinen Augen nämlich zwei Probleme, die er nicht selbst lösen kann.

Das erste Problem ist, dass er rein medial agiert und davon sehr abhängig ist. Verbände dagegen haben Strukturen und dehnen sich aus, sie gehen aufeinander zu, haben vorzeigbare „Apparate“ und erfolgreiche Projekte.

Das zweite Problem ist gravierender: Der „neue Atheismus“ vernachlässigt den praktischen Humanismus, den die Menschen wollen und die mehr davon wollen. Denn er hilft ihnen nicht nur im Leben von der Wiege bis zur Bahre. Er gibt auch ethische Antworten. Als Atheist dagegen kann man im Prinzip auch Nationalsozialist sein oder Rassist – als Humanist kann man dies nicht sein.

Deshalb deutet sich an, dass konfessionsfreie Säkulare und ihre Organisationen die Idee eines Bündnisses prüfen unter der Bedingung: Mitglieder können nur rechtsfähige Organisationen werden, die demokratisch bzw. in der demokratischen Gesellschaft anerkannt funktionieren und öffentlich kontrollierbar sind. Eine atheistische Erweckungsbewegung ist von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Wenn das Bündnis Menschen empfiehlt, die sich engagieren wollen, eine Mitgliedschaft in den sich beteiligenden Organisationen zu suchen, dann werden alle profitieren und es wird sich in der Praxis zeigen, wer für was eintritt und wo Menschen Mitglied werden oder Angebote nutzen.

Ein Bündnis lediglich auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner der jeweiligen Spezialforderungen, den „Schnittmengen“ folgend, ignoriert zwei Erfahrungen aus dem „Ferkelstreit“. Die erste Einsicht ist die, dass er zu interessanten Bündnissen und diversen Erklärungen geführt hat, die auch jeweils Haltungen zum „neuen Atheismus“ ausdrücken.

Zweitens zeigt die Mengenlehre, dass sie zwar mathematisch funktioniert, aber wohl nicht politisch. „Schnittmengen“ ergeben sich meist aus dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Die Wahrscheinlichkeit und die Kenntnis der Verbände spricht dafür, dass die „Schnittmengen“ wahrscheinlich weder mobilisierende Kraft besäßen (weder nach innen noch nach außen) noch in der Lage wären, Antworten auf moderne Fragen zu geben.

Wenn es etwas werden soll mit einem neuen „Weimarer Kartell“, so wird es wohl zum einen auf die Akzeptanz der Vielstimmigkeit hinauslaufen. Aber zum anderen wird ein bindendes Programm benötigt, das auf neue Fragen nicht die alten Antworten gibt, die in der deutschen Nachkriegsgeschichte die säkularen Verbände ins politische und kulturelle Abseits geführt haben. Wenn ein mögliches Programm vorliegt, dann kann sich die Szene neu ordnen und diejenigen zusammenführen, die das Konzept teilen.

Wie sich der organisierte Humanismus dann darstellt, wird sich zeigen – unabhängig vom Schicksal eines kleinen Ferkels, dessen Schicksal aber lehrreich ist für alle Beteiligten.


Der Autor ist Präsident des Humanistischen Verbandes. Sein Text entstand als Vortrag für die Leitungskonferenz des HVD Berlin am 12. Dezember 2007 und wurde am 17. Februar 2008 anlässlich der Ereignisse um das Buch „Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel“ überarbeitet.