KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
 Start  Reports  Themen  Texte  Zeitdokumente  Kritik  Veranstaltungen 
 Redaktion  Forum 
 Editorial  Impressum  Redaktion  Suche 
ReportKulturation 2/2007
Claudia Gochmann
Gib dem Kiez dein Gesicht - eine Fotoausstellung
vom 16. November an läuft eine Fotoausstellung in der Galerie Hope&Glory in Berlin Neukölln. Tanja Schnitzler und Ines Borchart haben im „Körnerkiez“ Jugendliche porträtiert. Am 29. November spricht um 20.00 Uhr die Kunsthistorikerin Claudia Gochmann in der Galerie über das Fotoprojekt "Gib dem Kiez dein Gesicht". Vorab hier ihre Einführung.

Kiezgesicht
Foto: Schnitzler und Borchart


Es ist nicht einfach, fotografiert zu werden. Wer das Gegenteil behauptet, ist entweder ein professionelles Model oder lügt. Das Kameraauge ist gnadenlos zielgerichtet und zieht alles in seinen gläsernen Bann. Sich jetzt für die richtige Pose zu entscheiden und sie für sich selbst zufrieden stellend umzusetzen, ist mit Sicherheit keine einfache Sache. Wenn man aber zusätzlich noch mit den Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens hadert, dann wird aus einer einfachen Pose der alles entscheidende Punktgewinn: Der Rücken streckt sich, die Schultern werden nach hinten gezogen, das Kinn hebt sich und alles, was noch zu sagen ist, wird in den Blick gelegt. Rasch das kindliche Lächeln verstecken, her mit den richtigen Accessoires und Hintergrundbildern, die Füße fest auf dem Boden verankert: Ich habe keine Angst. Zumindest zeige ich sie nicht.

Die Porträts von Ines Borchart (*1971) und Tanja Schnitzler (*1973) sind einfühlsame Zeugnisse dieser Selbstfindung inmitten einer problembehafteten Umgebung. In den Medien steht es zu lesen: hoher Migrantenanteil in der Bevölkerung, Verwahrlosung, Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Drogen prägen das Leben in Neukölln. Die beiden Fotografinnen suchten in Kenntnis dieser klischeehaften Folie nach dem alltäglichen Leben der Jugendlichen. Dabei ging es ihnen nicht um die Bestätigung oder Widerlegung von Vorurteilen. Sie dokumentierten, was sich ihnen zeigte. Gleichwohl mag man in den Posen der Jugendlichen wie im Blickwinkel der Fotografinnen noch die Schatten jener Stigmatisierung erkennen. Für Jugendliche bedeutet das Aufwachsen in einem „Problemkiez“ einen zähen Kampf um die Selbstbehauptung, der zusätzlich zu den Tücken der Adoleszenz hinzukommt. Das fotografische Resultat sind Bilder zwischen Schüchternheit und Trotz, Stolz und Argwohn, Ungezwungenheit und Unnahbarkeit. Eben allen Facetten jugendlichen Heranwachsens – auch im Körnerkiez.


Kiezgesicht
Foto: Schnitzler


Ines Borchart und Tanja Schnitzler sind mit ihren Kameras nicht wahllos durch die Straßen gelaufen, um Fotos im Stil eines flüchtigen Streetlife- oder Reportage-Fotografen zu machen. Sie haben sich monatelang mit den Menschen und ihrer Welt auseinandergesetzt, sind eingetaucht, ohne sich aufzudrängen, um eine Tür zu finden, die den Blick hinter die Kulissen erlaubt. Dabei hat Ines Borchart die Jugendlichen direkt in ihren Lebensräumen zu Hause aufgenommen, während Tanja Schnitzler sie in ihrer alltäglichen Welt draußen im Kiez festgehalten hat. Jede für sich im eigenen Stil, doch beide mit einer gemeinsamen Idee und Formensprache. Dabei ließen die Fotografinnen, die übrigens selbst in Neukölln wohnen, den Kiezbewohnern genügend Freiraum zur Selbstentfaltung. Vielleicht wirken die Bilder – trotz der gegebenen Künstlichkeit des Fotografiertwerdens – genau deshalb so unverkrampft und authentisch?


Kiezgesicht
Foto: Borchart


Gerade in dieser wahrhaftigen Wirkung liegt das große Plus dieser Dokumentation. Sie lässt den Betrachter die Anwesenheit der Fotografinnen beinahe vergessen. Wir treten in einen scheinbar unvermittelten Kontakt zu den Jugendlichen, meinen ihr Lebensumfeld und ihre Befindlichkeit förmlich zu begreifen. Damit beweisen Ines Borchart und Tanja Schnitzler eindrucksvoll ihr Können: mit ihrer ausgewogenen Bildgestaltung, aber auch mit dem intensiven Ausdruck, der sich durch die Augen der Jugendlichen dem Betrachter vermittelt. Ein sensibles Können, das bei fotografischen Porträts entscheidend ist.


Galerie Hope&Glory
Emserstraße 126
12051 Berlin
U + S-Bahn Neukölln
Öffnungszeiten: Mi. bis So. 15.00 – 20.00

Kiezgesicht