KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2/2007
Dietrich Mühlberg
„Ein bayerischer Kommunist im doppelten Deutschland“


 Ernst Schumacher
Ernst Schumacher am 14. November bei der „Kulturdebatte im Turm“



Die „Kulturdebatte im Turm“ am 14. November war für Ernst Schumacher die dritte Runde, in der er seine „Aufzeichnungen 1945-1991“, den Band „Ein bayerischer Kommunist im doppelten Deutschland“ vorstellte. Dieser Abend war nicht annähernd so spektakulär, wie der am 18. Oktober in München, als das dortige Institut für Zeitgeschichte geladen hatte. Franziska Augstein sprach in ihrem Bericht von einem „Pfingstwunder“: "Das IfZ hatte einen waschechten Kommunisten eingeladen, einen der immer noch zum Kommunismus steht, ja es hat sogar seine Tagebücher aus 5 Jahrzehnten publiziert." Für die Vorstellung des Buches hatte das IfZ ausgerechnet Peter Gauweiler engagiert. In „wütender Begeisterung“ war der zu dem Schluss gekommen: "In diesem Buch finden sie alles, was wir immer bekämpft haben." Dennoch: die Gegner aus alten Tagen erwiesen sich (allerdings erst nach dem Ende der DDR) als Bayern, die die Heimkehr des verlorenen Sohnes rührte (F. Augstein, "Ein roter Bayer im schwarzen Institut für Zeitgeschichte", SZ vom 20. 10.).

Ähnlich auch im Plenarsaal der Akademie der Künste, wo am 5. November Egon Bahr (mit 85 Jahren fast gleichaltrig) einen versöhnlichen Grundton fand und das Buch des politischen Gegners von einst ein "faszinierendes Panorama" nannte und als "eine persönliche Zeitgeschichte der Zerrissenheit in einem zerrissenen Land" würdigte. Auch im „Turm“ ging es in Schumachers Lesung vor allem um seine politische Haltung und seinen heutigen Blick auf den Lebensabschnitt zwischen Kriegsende und Untergang der DDR. Auch hier las er am Ende ein Gedicht aus dem Jahre 1980, das er dann 2001 auf dem PC ins Reine geschrieben hat:

sich nicht so wichtig nehmen
die meisten Bäume leben länger
auch der vollendete kommunismus
ist nicht das ewige leben …
die poesie war zu schön
die emphase zu treuherzig
die blauäugigkeit zu leuchtend
das trotzalledem zu mitreißend
die kaskaden der berge zu herausfordernd

was bleibt ist
die große wut im bauch
das nichteinverstandensein
das nichtannehmen seiner selbst
das sichnichtabfinden
das ungefügtsein …

Dies Gedicht bildet als „Dokument 83“ den Schluss des Bandes, mit dem auf 720 Seiten für die Spanne von 1945 bis 1991 Aufzeichnungen von Ernst Schumacher vorliegen. Es sind keine rückblickenden Betrachtungen, sondern seine Notizen aus diesen Jahren, teilweise in der Form von wertenden Jahresrückblicken auf das eigene Tun als Journalist, als Theaterkritiker, Stücke- und Drehbuchschreiber, Poet und Theaterwissenschaftler und da vor allem immer wieder als Brecht-Forscher.

Aufzufinden sind diese Texte im Archiv der Akademie der Künste und - nach langwieriger gründlicher Arbeit - nun in einer Auswahl als Band 24 der Serie „Biographische Quellen zur Zeitgeschichte“, der 2007 im Oldenbourg Wissenschaftsverlag München erschienen ist. Der Band ist gründlich kommentiert, bald ein Drittel des Textes sind kleingedruckte erläuternde Anmerkungen des Herausgebers Michael Schwartz.

Der zählt in seiner „einführenden Skizze“ auch die Vorzüge dieses biographischen Materials auf. Vor allem eben handele es sich eben nicht um einen Erinnerungsband, sondern um subjektive Reflexionen auf das jeweilige Zeitgeschehen, „eine bisher so nicht verfügbare, überaus reichhaltige Quelle zur Erkundung der DDR-Kulturgeschichte … die ihre subjektiven Beobachtungen und Urteile nicht ex post, sondern überaus zeitnah gewonnen hat“ S. 44).

Bemerkenswert auch Schumachers „doppelte Perspektive“. Als politisch Verfolgter bayerischer Kommunist in die DDR übergesiedelt, habe er die gesamtdeutsche Situation nie aus dem Auge verloren und die „West-Perspektive“ quasi in seine „Ostperspektive“ integriert.

Auch habe ihm die enge Bindung an den KPD-Apparat jene Beziehungen zu einflussreichen Leuten der SED-Führung („Vernetzung mit hochrangigen SED-Funktionären“, S. 31) eingetragen, die ihm Handlungsfreiheiten jenseits der DDR-Normalität einbrachten und dem Leser nun zeit- und kulturhistorisch interessante Einblicke in die Praxis der SED-Führung ermöglichen.

Insgesamt bescheinigt der Herausgeber, dass Ernst Schumacher seit seiner Konversion vom Katholiken zum „Kommunismus sowjetischen, ja stalinistischen Typs“ ein Roter geblieben ist. Der habe sich zwar – wie die anderen linken DDR-Intellektuellen auch – dem Untergang der DDR nicht entgegengestemmt und seine Jahresbilanz 1989 überschrieben: „keinen Gedanken verschwendet an das unabänderliche“. Dieses vieldeutige Motto hat er schon damals mit einem Fragezeichen versehen. Sicher an seiner Haltung zu diesem abgeschlossenen Kapitel seiner Geschichte ist aber, dass ihm der historische Optimismus des Kommunisten auch danach, in der letzten Lebensphase, nicht abhanden gekommen sei.

Mit der „letzten“ Phase spielte der Herausgeber nicht auf das Alter seiner Gewährsperson an, sondern auf eine Dreiteilung, die da den heutigen Ernst Schumacher von dem jungen, durch Kriegserfahrung pazifistischen Katholiken und dem darauf folgenden deutsch-deutschen Kommunisten unterscheidet. Heute ist der an Marx und Brecht geschulte Kritiker des Kapitalismus der „der alte mensch unter neuen Verhältnissen“ (b.b.) und so las er im Turm am Frankfurter Tor vor allem politische Texte und analytische Beobachtungen zur DDR-Gesellschaft. Und dann legte er Wert darauf, auf seine katholische Prägung und ästhetische Bildung in der sinnlich überbordenden Kulturlandschaft seiner Kindheit und frühen Jugend, dem südbayerischen Pfaffenwinkel hinzuweisen. An deren sakraler Pracht habe sich früh sein Denken in Bildern geschult. Auch von Begegnungen mit Anna Seghers und mit Zhou Enlai wurde berichtet. Und es konnte nicht ausbleiben, dass er am historischen Orte – hoch oben in einem der beiden „Henselmann-Türme“ – etwas aus dem „Dokument 52“ von 1976 vorlas, in dem einige der Anekdoten von Hermann Henselmann aufgezeichnet sind. Selbstverständlich eine davon über Brecht (die andere über Propst Grüber).

Die Turmrunde interessierte sich dann vornehmlich für den Theatermann und Hochschullehrer Schumacher. In den Aufzeichnungen findet sich da seine heftige Kritik an der Unbeweglichkeit des Hochschul- und Wissenschaftssystems, das trotz besseren Wissens so gut wie nichts für eine „Theorie der darstellenden Kunst“ getan habe. Auch das eigene Institut habe sich als starr und nicht begeisterungsfähig erwiesen: „Gulliver von den Zwergen überwältig“. (367) Die Pflichten des Hochschullehrers hätten sich für dieses Projekt als hemmend erwiesen. Dem mag man beipflichten, doch wenn man liest, was da an Theateraufführungen jährlich absolviert wurde (der Jahresbericht 1984 zählt 111 besuchte Vorstellungen auf, dazu 26 Kinofilme und selbstverständlich etliche TV-Sendungen. Schumacher selbst hielt das für deutschen Professorenrekord, 555/56), wie viele Theaterkritiken erschienen sind, welche Verbandsfunktionen und internationalen Ämter auszufüllen waren, wie exzessiv weit gereist wurde, welche Stücke und Drehbücher in Arbeit waren, und welche Zeit überdies dem nachhaltigen Hauptgegenstand Brecht gewidmet war, kann man über solche Produktivität nur staunen. Lag es dann aber wirklich nur an der Ungunst der Umstände, wenn es mit der Arbeit an der neuen Theorie nur langsam voran ging? Vielleicht muss man der im Buch abgedruckten Beurteilung durch die Bezirksverwaltung für Staatssicherheit eine gewisse Realitätsnähe zugestehen (der Kommentator Schwartz nennt sie „gehässig“ und „ohne jedes Gespür für wissenschaftliche Arbeit und Individualität“): „Er ist für eine wissenschaftliche Gemeinschaftsarbeit nicht aufgeschlossen. Eher neigt er dazu, ins Gigantische treibende Aufgaben allein bewältigen zu wollen.“ (S. 588). Ist es üble Nachrede, wenn einem bescheinigt wird, dass man zur Arbeit in Autorenkollektiven weder Neigung verspürt noch Eignung besitzt?

Schumacher mag (wie andere auch) ein gutes Beispiel dafür sein, wie gut sich monomanische Züge und soziales wie politisches Gewissen vertragen, ja vielleicht bedingen. Denn wenn man versuchte, Schumachers Leistung und Selbstverständnis in einem Satz zusammenzufassen, dann lautete der wohl: Der Kommunist Schumacher verfocht im Sinne seines Lehrers Brecht ein politisches Theater, das seine Mittel für die Veränderung der Verhältnisse mobilisiert.

Zu solcher Zielsetzung gehört zwangsläufig ein gewisses dauerhaftes Unbehagen am Erreichten, eingeschlossen gelegentliche Selbstzweifel. Diese Eigenheit macht übrigens auch die „Aufzeichnungen“ so aufschlussreich. Das gilt nicht nur für die anhaltende „Mängelkritik“, die Schumachers Bekenntnis zur DDR von Anfang an begleitet hat (sehr instruktiv die lange Liste der Unzulänglichkeiten von 1954, die den westdeutschen Besuchern an der DDR unangenehm auffallen, S. 196 – 202).

Mit den 70ern wuchs vor allem sein kritisches Unbehagen am Utopieverlust der nachwachsenden Künstlergenerationen. Immer weiter habe sich schließlich jene Gleichgültigkeit gegenüber den gesellschaftlichen Zuständen ausgebreitet, die Schumacher schon der „Davonläuferin“ Sarah Kirsch vorgehalten hatte und bereits 1976 als ein allgemeines Übel beklagte: entweder verfalle man auf einen „unrealistischer Utopismus“ oder begnüge sich mit „bloßem Raisonieren, dem keine Kraft zur Veränderung, auch kein ernsthafter Wille innewohnt“ (398).

Auf die aktuelle Kunstsituation angesprochen, mochte der Verfechter des eingreifenden Theaters keine Besserung erkennen. Hier hat sich für ihn offenbar nur verstärkt, was er vor 28 Jahren auf dem Theaterkongress in Florenz erlebte: „die negative Utopie, rückwärts gespiegelt. ich kam mir wie brecht in den usa vor: ‚aus dem zeitalter herausgenommen’. meine position, unmissverständlich dargelegt, fand wenig beifall. ich wurde als störenfried empfunden. der sozialistische realismus ist ganz ‚out’ bei den westlichen künstlern. das wesentlichere ist aber, dass sie keine anderen als negativen vorstellungen über die zukunft haben.“ (S. 493) In der Turmdebatte musste offen bleiben, wie weit ein pessimistisches Urteil über die heutige Kunstsituation rechtens ist. Gern hätten die Anwesenden am Ende des Abends weiter darüber diskutiert, ob und wo in den heutigen Künsten Signale zu entdecken sind, die es wenigstens relativieren und die geeignet wären, einen weitgreifenden historischen Optimismus zu bestärken.


Ernst Schumacher
Ein bayerischer Kommunist im doppelten Deutschland
Aufzeichnungen des Brechtforschers und Theaterkritikers in der DDR 1945-1991.
Herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Michael Schwartz.
720 S., 56 Abb. ISBN 978-3-486-58361-8, € 69,80
Biographische Quellen zur Zeitgeschichte, Bd. 24
R. Oldenbourg Verlag München 2007



 Schumacher und Hermand
Renate und Ernst Schumacher mit Jost Hermand nach der Turmveranstaltung