KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 1/2007
Riem Spielhaus
Musliminnen und ihr Engagement im Gemeindeleben
Dieser Text gehört – wie die anhängenden Informationen über die Religionszugehörigkeit und über die Organisationsstrukturen islamischer Gemeinden – zu einer 2006 erstellten interdisziplinären Studie über das islamische Gemeindeleben in Berlin. Die inzwischen publizierte Studie ist in unserem Rezensionsteil (Kritik: Muslime in Berlin) näher vorgestellt.

Ein einfaches Kopftuch trägt die Predigerin der Berliner Gemeinden des DITIB-Verbandes; wie die 25 türkischen Frauen im Rentenalter, die zum Unterricht in eine Kreuzberger Moschee gekommen sind. Mit einem „Hoºgeldiniz“ – „Willkommen!“ empfängt sie die Wissenschaftlerinnen, die mit ihr über die Frauenarbeit der Gemeinde und ihre Rolle als Predigerin und Lehrerin, im Türkischen Hoca genannt, sprechen wollen. Im geräumigen Frauenraum der Moschee, in dem an diesem Donnerstagvormittag arabische Schrift und Koranrezitation geübt werden, setzen wir uns neben die Frauen auf den Teppich. Hoca Nihal beginnt mit einer Rezitation aus dem Koran, spricht frei und fließend, mit ruhiger und voller Stimme. Den nächsten Abschnitt liest eine Schülerin. Immer wieder nickt die Hoca anerkennend. Ab und zu jedoch berichtigt sie ein Wort, mit dessen Aussprache sie nicht zufrieden war. Nachdem fünf Frauen gelesen haben, beginnt Hoca Nihal ein Bittgebet für ein verstorbenes Mitglied der Gemeinde, dabei spricht sie türkische Bitten und arabische Koransuren abwechselnd aus. Immer wieder sprechen die Frauen gemeinsam ein paar Worte und schließen das Bittgebet mit der ersten Sure des Koran, der Fatiha, beide Hände gen Himmel geöffnet, ab. Es folgt das Mittagsgebet und dann werden auf einer Papierplane hausgemachte Köstlichkeiten serviert.

Bevor Hoca Nihal vor drei Jahren nach Deutschland kam, hat die Mutter von vier Kindern eine vier Jahre dauernde theologische Ausbildung in Izmir und Istanbul absolviert und anschließend 18 Jahre lang in der Türkei als Religionslehrerin gearbeitet. Nun betreut sie nicht nur diese eine Moschee, in der sie an vier Tagen in der Woche Frauen die arabische Schrift und das Koranrezitieren lehrt. Regelmäßig besucht sie auch die anderen Berliner Moscheen des Verbands und hält dort Vorträge oder bietet Fragestunden für deren Besucherinnen an. Dabei ginge es hauptsächlich um drei Themenbereiche. Die Frauen würden nach den Ibadat, den Einzelheiten der religiösen Pflichten wie dem Gebet fragen, nach Rat in familiären Angelegenheiten, z.B. bei Erziehungsproblemen, sowie nach Rechten und Pflichten in der Ehe und bitten nicht zuletzt auch um psychologische Hilfe bei persönlichen Schwierigkeiten. Die seelsorgerische Betreuung der Hoca umfasst auch den Krankenbesuch zu Hause. Ihre persönlichen Nöte und Freuden teilen die Frauen. Hier ist spürbar, dass die religiöse Gemeinschaft zugleich soziales Netzwerk ist.

 Spielhaus Musliminnen
Straßenfest des IKZ, Neukölln 2006 (Foto: Hans-Georg Gaul) und
Flohmarkt der Haci Bayram Gemeinde, Wedding 2006 (Foto: Daniel Winkler)


Über die Hälfte der Berliner Moscheen hat Frauenräume

In den meisten islamischen Ländern existieren keine separaten Gebetsräume für Frauen. Sie beten auf einer Empore, hinter den Männern, in einem mit Vorhängen abgetrennten Teil oder gar nicht in der Moschee. In einigen Moscheen, das gilt für Berlin ebenso wie beispielsweise für Kairo, treffen sich Frauen zu festen Zeiten. Während dieser Zeit betreten Männer die Moschee nicht. Frauen treffen sich hier wie dort nicht nur in Gemeinderäumen, sondern auch in privaten Räumlichkeiten, um sich der Religion zu widmen. In Berlin jedoch haben sich die Funktionen der Moscheen erweitert und auch Frauenräume fungieren oft als soziale Treffpunkte. Hier kommen Frauen unterschiedlicher Herkunft zur gemeinsamen Religionsausübung zusammen, die vielfältigen Angebote der Moschee zu nutzen und einander gegenseitig zu unterstützen. Im Frauenraum wird gebetet, Unterricht abgehalten, die Freitagspredigt aus der Hauptmoschee über Lautsprecher oder gar per Videoübertragung verfolgt, im Ramadan das Fasten gebrochen und bei religiösen sowie privaten Anlässen wie Totenfeiern, Trauungen, Hochzeiten und Hennaabenden gefeiert.

Der Frauenraum hat keine heiligen Symbole wie eine Mihrab (Gebetsnische) mit Qibla (Gebetsrichtung) und Minbar (Predigtkanzel). Frauen in einer Berliner Moschee erklärten das wie folgt: Es habe den Vorteil, dass Frauen diesen Raum auch während ihrer Menstruation oder nach der Entbindung betreten könnten. In dieser Zeit, in der sie nicht im Zustand der rituellen Reinheit seien, würden sie die Hauptmoschee nicht betreten. Den Frauenraum könnten sie jedoch immer betreten, auch während der „Ausnahmezeiten“. Zwar verrichteten sie dann nicht die Gebete, aber es stehe ihnen weiter die Möglichkeit offen, ihre Kontakte zu pflegen und Gemeindearbeit zu leisten.

Im Jahre 1998 verfügten 36 der 51 befragten Berliner Moscheen über separate Räume für Frauen. Aufgrund von Umzügen in größere Räumlichkeiten hat sich in den vergangenen Jahren die Zahl leicht erhöht. Ein Frauenraum ist ein Anzeichen für unabhängiges Arbeiten von Frauen der Gemeinde. Aufgrund von Platzmangel wird ein separater Raum nur dann eingerichtet, wenn er auch genutzt wird.

Besitzt eine Gemeinde keinen eigenen Frauenraum, heißt dies jedoch nicht automatisch, dass es hier keine aktive Frauenarbeit gibt. Einige Gemeinden richten bewusst keinen zusätzlichen Raum für die Besucherinnen ein, da sie diese Form der Trennung der Geschlechter nicht für notwendig erachten. In solchen Fällen beten die Frauen hinter einem Vorhang, in einigen Moscheen ohne Trennwand im selben Raum hinter den Männern. Häufig nutzen Frauen den Gebetsraum der Moschee während festgelegter Zeiten, in denen Männer ihn nicht betreten.

Lediglich in einer pakistanischen Moschee mit einem hohen Grad an Geschlechtersegregation scheint der Besuch von Frauen oder gar eine Gemeindearbeit unter Frauen innerhalb der Moschee nicht vorgesehen zu sein. Sie treffen sich reihum in Wohnungen, die Moschee dagegen ist den Männern vorbehalten.

Während die Untersuchung vor acht Jahren ergab, dass nichttürkische Moscheen erheblich weniger von Musliminnen genutzt werden, bietet sich diesbezüglich im Jahr 2006 ein anderes Bild. Neu gegründete Gemeindezentren wie das IZDB berücksichtigen die Besucherinnen schon bei der Planung der Räume.

Nahezu alle Moscheen der drei großen türkischen Verbände verfügen über Frauenräume. Lediglich zwei von zwölf DITIB-Moscheen können aus Platzmangel keinen einrichten. Die neun Berliner Moscheen des „Verbandes der Islamischen Kulturzentren“ (VIKZ) haben ohne Ausnahme große und gut ausgestattete Frauenräume, mehr als die Hälfte davon gar separate Eingänge und Waschräume für ihre Besucherinnen. In zwei der Berliner Moscheen des Verbands sind die Frauenbereiche größer als die Räume der Männer. Zahlreiche, bis auf wenige Ausnahmen ehrenamtlich arbeitende Religionslehrerinnen unterrichten die Besucherinnen in religiösen Fragen. Die weiblichen Mitglieder des VIKZ nutzen die Moscheen des Verbands in gleichem oder sogar größerem Maße als die männlichen. Allem Anschein nach wird dieser Zustand von männlichen Gemeindemitgliedern erkannt und sogar gefördert. Unter den Besucherinnen der Moscheen sind alle Altersgruppen, insbesondere aber Mütter zwischen 30 und 40 vertreten.

Bereits während der ersten Umfrage 1996 zu Moscheen in Berlin stellte sich heraus, dass die Antworten auf Fragen nach den Frauenaktivitäten der Moscheen häufig vom Geschlecht der Gesprächspartner abhängig waren. So kam es vor, dass männliche Vertreter einer Gemeinde berichteten, es gäbe bei ihnen keine Aktivitäten von weiblichen Mitgliedern, obwohl der Gebetsraum über einen Frauenraum mit separatem Eingang verfügte. In gezielten Besuchen bei diesen Vereinen konnte ich mich allerdings von zahlreichen Frauenaktivitäten überzeugen. Dies verdeutlicht, dass beide Gruppen nur wenig miteinander vernetzt sind, kaum Einwirkungsmöglichkeiten aufeinander besitzen oder nicht einmal voneinander wissen. Musliminnen beschreiben es als positiv, dass diese Form von Segregation ihnen Freiräume schafft, in denen sie selbstbestimmt agieren können.

Einen anderen Weg gehen Frauen, die vollkommen selbständig ihren eigenen Verein gründen. Der 1996 gegründete „Hayru Nisa e.V.“, was auf Deutsch so viel wie „die frommen Frauen“ heißt, zog vor zwei Jahren in eine eigene Moschee. Die männlichen Familienmitglieder der Musliminnen halfen bei der Einrichtung des Gebetsraums. Die beiden türkischen Gründerinnen sind im Rentenalter. Fast täglich treffen sich auch hier die Frauen, deren Kinder längst aus dem Haus sind und die nun Zeit für sich haben. In anderen deutschen Städten ist diese Entwicklung jedoch in noch größerem Maße zu beobachten, z.B. in Köln, wo wichtige Vereine von und für Musliminnen gegründet wurden, wie das „Zentrum für islamische Frauenforschung und -förderung“ (ZIF) und das „Begegnungs- und Fortbildungszentrum für muslimische Frauen“ (BFmF).


Das Engagement von Frauen in der Gemeindearbeit hat sich weiter verstärkt

Die dieser Veröffentlichung vorausgegangenen Umfragen und Beobachtungen in Berliner Moscheen zeigen, dass sich das Engagement von Musliminnen in der Gemeindearbeit in den vergangenen Jahren weiter verstärkt hat. Kennzeichen dafür sind nicht nur die Frauenräume in nahezu jedem zweiten Gemeindezentrum und die Frauenmoschee, sondern auch die Mitgliedschaft von Frauen im Vorstand einiger Moscheen und die zahlreichen Angebote der Moscheen für ihre weiblichen Besucher. Viele der Angebote gelten dem Erwerb religiösen Wissens und dem Austausch über spirituelle Fragen. Darunter finden sich Vorträge, Beratung und unterschiedlichste soziale Aktivitäten. Aber auch Computer-, Näh-, Handarbeits- und Alphabetisierungskurse werden speziell für Frauen angeboten. Die Neuköllner Nur Moschee verfügt über einen Sportraum, in dem Fitnesskurse für Frauen stattfinden. Seit einigen Jahren bieten mehrere Gemeinden in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule für Mädchen und Frauen Deutsch- und EDV-Kurse an. Der Unterricht wird von Lehrkräften der Volkshochschule gehalten, findet jedoch in Gemeinderäumen statt. Die Kurse sind ein Erfolg, weil die Schwellenangst niedrig ist und häufig parallel zum Unterricht eine Kinderbetreuung angeboten wird. Ein Vorstandsmitglied eines Weddinger Bildungszentrums berichtet, dass die Mädchen und Frauen neben der Sprache so auch die Arbeit der Volkshochschule kennen lernen würden und sich dann zutrauten, für weiterführende Kurse direkt zur Volkshochschule gehen.

Häufig spiegelt sich das Engagement von Frauen nicht in Entscheidungspositionen wieder. Vielen Gemeindevorständen gehören keine Frauen an. Die Interessen der weiblichen Gemeindemitglieder werden dann im Bestfall, wie in vielen türkischen Moscheen, über die Frau des Hocas in die männlichen Entscheidungsgremien übermittelt. Dies entspricht dem separaten Aufbau der Gemeinde, in der weibliche und männliche Sphären Parallelstrukturen hervorbringen. Es gibt jedoch immer mehr Ausnahmen. Dies sind Gemeinden, in denen Frauen nicht nur an Entscheidungen – z.B. über die Auswahl des Imams – mitwirken, sondern mit den männlichen Gemeindemitgliedern u.a. im Vorstand zusammenarbeiten.


Musliminnen bringen sich immer stärker auf der zivilgesellschaftlichen Ebene ein

Neben dem Engagement im Moscheeverein sind einige Frauen zudem bemüht, sich über die Vereinsgrenzen hinweg zu organisieren und zu vernetzen. Sie setzen ihr Engagement außerhalb fort und bringen sich in zivilgesellschaftliche Diskussionen Berlins ein. Einige Frauen fühlen sich in keiner speziellen Gemeinde zu Hause und sind ausschließlich außerhalb aktiv. Gemeinsam mit einer nichtmuslimischen Soziologin gestaltet eine junge engagierte Berliner Muslimin die Internetseite Muslimische-Stimmen.de. Sie richtet sich an Menschen über den Berliner Raum hinaus, nimmt vor allem bundesrelevante Themen auf und will zum Meinungsaustausch anregen. Im Berliner Islamforum beispielsweise vertreten vier Musliminnen ihre Gemeinden (siehe Informationskasten S.26).

Neben geschlechterübergreifenden Initiativen und Aktivitäten richten sich Musliminnen auch mit ganz spezifischen Angeboten an weibliche Zielgruppen. Das Frauennetzwerk „Mira“ veranstaltet regelmäßig Treffen von Musliminnen aus unterschiedlichen Moscheevereinen und -verbänden. Der Newsletter „Muslimat“ informiert Interessierte über relevante, d.h. Veranstaltungen mit Islambezug an allen möglichen Orten der Stadt wie Moscheen, politischen Stiftungen, evangelischen und katholischen Akademien. Seit einigen Jahren betreiben Berliner Musliminnen interreligiöse Frauenprojekte aktiv mit. Zwei besondere Beispiele sind das Projekt „Sarah-Hagar“ der überparteilichen Fraueninitiative Berlin, das feministische Positionen aus Judentum, Christentum und Islam von 2002 bis 2004 immer wieder an einen Tisch brachte. Auch das 2004 ausgelaufene Lernprojekt für Frauen „EPIL“ gestalteten Berliner Musliminnen aktiv mit. Gläubige Frauen verschiedener Religionszugehörigkeit aus Zürich, Barcelona, Berlin, Beirut, Sarajewo und Mostar kamen zusammen, um sich über Ansätze des konstruktiven Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Hintergründe weiterzubilden.

Insbesondere seit der Debatte um kopftuchtragende Lehrerinnen an staatlichen Schulen beteiligen sich Musliminnen an vielen Veranstaltungen zu gesellschaftspolitischen Themen Berlins als Expertinnen und aktive Diskussionsteilnehmerinnen. Während einer öffentlichen Podiumsdiskussion zum Kopftuchstreit im Jahr 2005 stand eine Gymnasiastin auf und wandte sich an ihre zahlreich anwesenden „Schwestern im Glauben“, wie sie sagte. Es sei richtig, dass die so genannten Ehrenmorde nichts mit dem Islam zu tun hätten. Die Mehrheit der muslimischen Gläubigen sei genauso gegen solche Formen der Selbstjustiz wie alle anderen Menschen. Dennoch kämen „Ehrenmorde“ unter Muslimen vor und deshalb müssten sich muslimische Gemeinden auch und gerade aus religiösen Gründen dagegen einsetzen. Weniger als zwei Wochen später war die junge Frau mit den älteren Musliminnen, die applaudiert hatten, auf einer Demonstration gegen „Ehrenmorde“ in Neukölln und Kreuzberg. Sie trugen große Plakate mit dem Koranvers „Kein Zwang im Glauben!“ und dem Hinweis „Unser Prophet setzte sich für Frauenrechte ein. Hat Man(n) das vergessen?“.


Musliminnen aktiv gegen häusliche Gewalt

Durch eine mediale Berichterstattung, die Themen wie Zwangsverheiratung und so genannte Ehrenmorde als typisch islamisch charakterisiert und in einem Diskurs platziert, in dem Zugehörigkeit zur Gesellschaft zur Diskussion gestellt wird, geraten Musliminnen, die Gewalt gegen Frauen in ihren Gemeinden thematisieren, in eine schwierige Lage. Zum einen habe die Öffentlichkeit solche Probleme endlich erkannt, äußern zwei aktive Frauen eines Berliner Moscheevereins, teilweise sei jedoch an der Zielsetzung der Akteure in Politik und Medien zu zweifeln. Ob es wirklich um die Frauen gehe, sei ihnen nicht immer klar. Zu oft hätten sie das Gefühl, aus der Diskussion ausgeschlossen zu werden. Dabei seien Moscheen häufig die ersten Anlaufstellen für Frauen in Not aus muslimischen Familien. Zur Moschee könnten Frauen meist selbst dann gehen, wenn die familiäre Situation sehr schwierig sei.

Wenn die Frauen innerhalb der Gemeinde Fälle häuslicher Gewalt ansprächen, berichtet eine engagierte junge Muslimin aus einer Moschee im Wedding, zeigten sich die Männer darüber durchaus bestürzt. Oft scheint die Reaktion der männlichen Gemeindemitglieder jedoch eher abwiegelnd zu sein. Allerdings werde Gewalt in den eigenen Reihen nicht deshalb ignoriert, betont die Muslimin, weil man sie aus religiösen Gründen gerechtfertigt sieht, sondern weil man die Auseinandersetzung scheue. Manchmal komme es ihr vor, als pflegten die Männer lieber ihr Bild von der heilen Welt der Muslime. Seit der verstärkten medialen Aufmerksamkeit sehen sich Musliminnen so zusätzlich dem Argument der Nestbeschmutzung ausgesetzt.

Die öffentliche Diskussion wird von muslimischen Frauen und Männern als größtenteils stark verallgemeinernd und stigmatisierend wahrgenommen. Zuzugeben, dass eine Gemeinde die vorgeworfenen Probleme hat, scheint dabei kein gangbarer Weg mehr zu sein. Denjenigen Männern, die in einer Thematisierung von Gewalt gegen Frauen oder von strukturellen Mängeln in der Gemeinde eine Gefährdung ihres Wirkungsbereichs sehen, scheint eine stigmatisierende Diskussion sogar in die Hände zu spielen.

Auf der anderen Seite haben Musliminnen vor allem dann, wenn sie Kopftuch tragen und sich als praktizierende Gläubige verstehen und präsentieren, auch außerhalb ihrer Gemeinden Probleme, mit ihrer Arbeit gegen frauenfeindliche Praktiken ernst genommen zu werden oder gar Unterstützung zu erhalten. Die Idee, eine Kopftuchträgerin könne gegen patriarchalische Strukturen und Gewalt und für Geschlechtergerechtigkeit arbeiten, erscheint vielen paradox.


Besonderes Beratungsangebot

Der vor zehn Jahren gegründete bosnische Verein für traumatisierte Kriegsflüchtlinge kombiniert Gemeindeleben und Beratung. Er hat ein umfangreiches Angebot im „Islamischen Kulturzentrum der Bosniaken“ aufgebaut und beschäftigt drei Psychologinnen. Sie haben sich auf die spezifischen Probleme bosnischer Frauen eingestellt, die während des Krieges Anfang der 1990er Jahre Vergewaltigungen und andere Kriegstraumata erlebten. Es dauere Jahre, berichtet eine der Gründerinnen des Vereins, diese zu verarbeiten und zu einem normalen Leben zurückzukehren. Einige von ihnen suchten Heilung der psychischen Wunden in der Religion, manche nutzten die Beratung, ohne praktizierende Musliminnen zu sein. Dennoch fänden sie im Verein eine Atmosphäre des Zusammenhalts vor, der sie im Alltag unterstütze und den sie in Angeboten anderer Organisationen nicht fänden.

Seit Januar 2005 ist es Lehrerinnen an Berliner Schulen gesetzlich verboten, sichtbare religiöse Symbole vor der Klasse zu tragen. Dieses Gesetz wurde als Kopftuchverbot öffentlich diskutiert und scheint sich nun als solches auch auf andere Bereiche des Arbeitslebens auszuwirken. Musliminnen berichten, es werde immer schwieriger für eine Frau mit Kopftuch, in Berlin eine Anstellung zu finden, ob sie das Tuch nun freiwillig trage oder aufgrund sozialen oder psychischen Drucks der Familie oder des sozialen Umfelds wegen. Dennoch äußern Musliminnen, die sich darüber im privaten Kreis oder in der Gemeinde beklagen, Bedenken, mit diesen Problemen an die Öffentlichkeit oder gar vor Gericht zu gehen. Die Klage einer muslimischen Lehrerin aus Baden-Württemberg vor dem Bundesverfassungsgericht habe eigentlich nur Negatives gebracht, resümieren sie. Denn durch den Prozess hat sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Kopftuchfrage fixiert. Dass für Musliminnen, die sich dieser Ambivalenz aussetzen, die Gemeinde zu einem stärkeren Bezugspunkt wird, erscheint dann nachvollziehbar.


Die Moschee als kommunikativer und sozialer Ort für Frauen

Es hat sich gezeigt, dass in Berlin viele Frauen die Moscheen besuchen. Das Engagement von Musliminnen innerhalb und außerhalb islamischer Gemeinden hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt. Im öffentlichen Diskurs um patriarchalische Strukturen in islamischen Gemeinden werden innermuslimische Aktivitäten noch selten erkannt und unterstützt.

Berliner Moscheen und Gebetsräume werden, verglichen mit denen in Ländern mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung, sehr viel häufiger von Frauen besucht und zu vielfältigeren Zwecken genutzt. Frauen verrichten in Berlin nicht nur die Pflichtgebete in der Moschee, sondern sie treffen sich in großer Zahl, um gemeinsam den Koran zu lesen und ihr Wissen auf unterschiedlichsten Ebenen zu erweitern. Gerade am Beispiel der Aktivitäten von Frauen in Berliner Moscheen wird deutlich, dass die Moschee in der „Fremde“ nicht mehr nur einen religiösen Ort darstellt, sondern zusätzlich kommunikative und soziale Funktionen übernimmt.


Literatur

Amir-Moazami, Schirin (2006): Politisierte Religion. Der Kopftuchstreit in Deutschland und Frankreich. Bielefeld.

ZIF - Zentrum für Islamische Frauenforschung und Frauenförderung (2005): Ein einziges Wort und seine große Wirkung. Eine hermeneutische Betrachtungsweise zum Qur'an, Sure 4 Vers 34, mit Blick auf das Geschlechterverhältnis im Islam. Köln.

El-Solami, Riem/Hamza Chourabi (1999): Frauenräume – Räume für Frauen? In: Gerdien Jonker/Andreas Kapphan (Hrsg.): Moscheen und islamisches Leben in Berlin. Berlin, S.35-40