KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 1/2007
Dietrich Mühlberg
Biermann über Ehrenbürgerschaft wahrscheinlich erfreut
Viel Lärm hat es wieder einmal um Wolf Biermann gegeben. Als er sich endlich legte, hat Franziska Augstein in der Süddeutschen Zeitung [1] resümierend vorausgesagt, Biermann werde sich wahrscheinlich über die Ehrenbürgerschaft der Stadt Berlin freuen. „Wolf Biermann braucht Applaus, die gesellschaftliche Linke, die ihm den einst spendete, gibt es nicht mehr. Dafür sind andere eingesprungen. An dem Beifall, der ihn als Ehrenbürger Berlins erwartet, wird er sich erfreuen.“ Da käme er auf Platz 115, und noch vor Köhler und Merkel, für die der Stänkeradvokat Lehmann-Brauns sicher die nächsten Anträge einbringen wird, einer muss für so etwas ja einen inneren Auftrag verspüren.

Der Blick auf die Liste der Berliner Ehrenbürger bringt einen ob der Beflissenheit zum Schmunzeln, mit der hier Stadtregierungen einst fällige Ergebenheiten zelebrierten. Die Liste von 1949 (Hitler, Goebbels, Göring und Frick war die Ehrenbürgerschaft gerade aberkannt worden) bis 1990 liest sich als Who is Who der Frontstadtpolitik: so gut wie kein westdeutscher politischer Großredner fehlt. Sie alle hatten in Westberlin ihren Auftritt. Nach 1990 ging es mit der großen Politik weiter. Dreizehn Ehrungen gab es seither, zehn für Politiker, zwei für Künstler (Marlene Dietrich und Fischer-Dieskau) und eine für den Antifaschisten, Sammler und Mäzen Berggruen. Illustre Namen darunter: Reagan, Bush, Kohl und sogar ein KPdSU-Generalsekretär. Allerdings tragen auch vier ehemalige SED-Mitglieder noch immer diese Würde, freilich sind sie nur Übriggebliebene aus dem Ostsektor: Anna Seghers, Siegmund Jähn, Wolfgang Heinz und Wieland Herzfelde. Wie man sieht, ging es im Osten gleichfalls etwas zufällig zu. Und nun kommt mit Biermann erstmals nach 1990 ein ehemaliges SED-Mitglied neu dazu, ein beachtliches Novum. In seinem Falle trat das politische Prozedere einer solchen Auszeichnung schön zu Tage und zeigte allen, was von dieser Ehrung zu halten ist. Die CDU-Rechte schlug hinterrücks einen Exkommunisten vor und die SPD konnte sich lange nicht entschließen, wie sie mit dieser Stinkbombe umgehen soll. Köstlich ferner, was die Stadt zu bieten hat und wie charmant da mit Leben und Tod jongliert wird: man spendiert einen Freifahrschein auf Lebenszeit und ggf. ein Ehrengrab.

In diesem Gezerre um Biermann geriet ein Aspekt etwas in den Hintergrund: er lebt noch, gottlob. Welchen Sinn macht sonst der Freifahrschein? Aber zu bedenken wäre, dass bei diesem politischen Künstler damit auch das Lebenswerk nicht abgeschlossen vorliegt. Marlene Dietrich war bei der Ehrung schon lange tot (konnte sich also nicht wehren) und Fischer-Dieskau (zum Glück am Leben) hat immer die Texte anderer gesungen. Von den geehrten Politikern sind zwar nur Ronald Reagan und Johannes Rau nicht mehr unter uns, aber bei den Überlebenden war und ist nicht zu befürchten, dass sie ihr politisches Credo noch ändern werden. Anders bei Wolf Biermann – und das könnte zu Peinlichkeiten führen, denn erneute Schwenks sind nicht auszuschließen. Eine Art Lebensprinzip, wie Franziska Augstein beobachtete. Es wurde einstens sogar kolportiert, dass jenes ahnungsvoll-dunkle Wort des späten Erich Honecker, dass „jähe Wendungen in der Politik nicht ausgeschlossen“ wären, auf Wolf Biermann zurückgehe. Er soll es seinem frühen Förderer Erich bereits 1955 an Margots Familientisch aufmunternd zugerufen haben, als der gerade erst begann, seine Parteikarriere auszubauen und dafür erst einmal auf ein Jahr nach Moskau zum Studieren musste. Wolf schickten sie zum Studium der politischen Ökonomie und rieten ihm zum Eintritt in die SED. Doch der fand es verständlicherweise spannender, beim Berliner Ensemble reinzuschauen. Da war der Chef gerade verstorben und die Nachfolge offen. Doch einstweilen musste sich der Marxist-Leninist (solche Bezeichnung ist keine Häme, der junge Linke W. B. ließ damals keine Gelegenheit ungenutzt, seine ideologische Überlegenheit gelehrsam herauszukehren) mit dem „Berliner Arbeiter- und Studententheater“ zufrieden geben. Doch immerhin stand in der Bürotür in der Belforter Straße jetzt „Intendant“. Zugleich studierte der Intendant nun Mathematik und Philosophie.

Das war die Zeit, als auch ich mit ihm ein – freilich winziges - Projekt erfolgreich realisierte: ein Fest für Frauen. 1963 war ich als „Aspirant“ an das Philosophische Institut zurückgekommen und bald „Parteigruppenorganisator“ einer Doktorandengruppe, der Biermann ebenfalls angehörte, weil er kein regulärer Student war. Wir hatten den Auftrag, gemeinsam die Frauentagsfeier des Philosophischen Instituts am 8. März 1964 im Direktionszimmer auszurichten: Blumen, Getränke, Torte und künstlerische Umrahmung. Biermann brachte seine Gitarre mit und hatte schon einige seiner kräftigen Lieder drauf, sang aber auch was von Brecht und Villon. Die Damen vom Sekretariat kicherten wegen der „Anzüglichkeiten“ des Künstlers, der hier so hautnah mitten unter ihnen saß, Kolleginnen aus dem akademischen Bereich wussten nicht recht, was sie von diesen ungewohnten Tönen halten sollten – politisch wie sexuell. Ich war sehr angetan von dieser neuen Art sangbarer Poesie und besaß bald den Tonbandmitschnitt eines Auftritts.

Wolf Biermann hatte nur eine lockere Bindung zum Philosophischen Institut, aber hier sollte er nun endgültig in die Partei aufgenommen werden. Dies war wohl schon einige Zeit verschleppt worden, und jetzt hieß es „von oben“, er solle besser aus der Liste gestrichen werden. Das war aber so eindeutig nicht. Und dann wussten wir ja, dass er „oben“ Rückendeckung hatte, dass Margot Honecker ihn förderte, die gerade ihren Aufstieg zur Ministerin erlebte und in der „Ideologischen Kommission“ der SED saß. Er hatte damals meine volle Sympathie und ich habe mit ihm gesprochen, um herauszubekommen, was er selbst denn wolle. Nach einer Versammlung saßen wir in der „Schildkröte“, links auf der langen hölzernen Wandbank dieser Bierkneipe in der Zetkin- Ecke Friedrichstraße. Er meinte nur, er würde schon in der Partei bleiben, könne es aber nicht, solange gewisse Leute da nicht rausgeworfen würden. Etwa Paul Verner, der Berliner SED-Chef. Das war so zwischen Ulk und Ernsthaftigkeit angelegt. Ähnlich sprach er von der Treue zu seinen Freunden und ließ es im Vagen, ob er damit seinen gerade verstorbenen Lehrer Hanns Eisler, seinen Förderer Hermlin, den politisch und ideologisch mächtig agierenden Robert Havemann oder die Honeckers meinte. Ein längeres Gespräch mit seiner Mutter, einer prinzipienfesten Kommunistin, die mit in unserer Runde saß, brachte in dieser Sache ebenfalls nicht viel. Auf die Frage, ob ihr Sohn denn im Unterscheiden von falschen und echten Freunden sicher sei, meinte sie nur: er brauche seine Freunde als Schutz. Wahrscheinlich wusste die Frau mehr, als sie zu erkennen gab. Für mich war die Situation damals noch offen, denn nach dem Mauerbau schienen die Debatten über den Sozialismus und seine Zukunft wieder in Schwung zu kommen, eine neue Generation von jungen Leuten – der eitle Biermann gehörte dazu – hatte begonnen, ihre Ansprüche zu artikulieren. In der Parteiführung war die Sache offenbar noch nicht entschieden. Man denke nur an das geheime (?) Doppelkonzert Neuss/Biermann, dass sich die Parteioberen im Brechtschen Theater am Schiffbauer Damm genehmigten. Übrigens das einzige Ereignis mit „Berlin-Bezug“; es spricht dafür, auch Wolfgang Neuss für die Ehrenbürgerwürde vorzuschlagen.

Franziska Augstein unterstellt mit dem Blick auf die vielen Wandlungen des Wolf Biermann, schon zu jener Zeit wäre er nicht echt gewesen, sei es ihm nur um den Applaus der jungen intellektuellen Szene des Ostens und nicht wirklich um die Sache gegangen. Die (damals bereits) Alten von der SED-Führung hätten sich viel erspart, wenn sie Biermann zu jener Zeit den Nationalpreis gegeben hätten. Die beiden Förderer des jungen Barden - Hermlin und Havemann - hätten es seinerzeit ja richten können, beide hatten sie einst einen guten Draht zu Honecker. Ich hätte es ebenso sofort unterschrieben, mir gefielen Witz und Schärfe seiner kritischen Tiraden und die dialektische Poesie seiner Lieder. Das ließ den Mangel an Selbstironie verschmerzen, selbst wenn es etwas peinlich wirkte, dass vorgeführter Selbstzweifel sich immer als dramaturgisches Mittel für eine Belehrung erwies.

Doch das Kräftemessen der jungen Intellektuellen mit dem „Apparat“ ging zugunsten der Alten (und der „Jungen“ aus der parteitreuen Flakhelfergeneration) aus, die auf dem berühmten 11. ZK-Plenum 1965 über die sozialistischen Künstler herzogen, obwohl es eigentlich gegen Ulbricht gehen sollte. Pikanterweise musste Erich Honecker den diffamierenden Bericht verlesen. Biermann lebte fortan in einer Art Edel-Exil in der Chausseestraße und die Stasi war sein Eckermann. Als die Ulbricht-Affären durch Honecker endlich aufgelöst waren, hat es dann verschiedene Ansätze gegeben, den Geschassten wieder ins Spiel zu bringen, doch den intoleranten alten Männern war jede liberale Regung fremd.

Es ist vorgekommen, dass prominente Figuren und Nutznießer des SED-Regimes sich später voller Empörung davon distanzierten. Wolf Biermann hatte allen Grund zu solchem Furor, wurde er doch durch die „eigenen Leute“ über ein Jahrzehnt heftig gemaßregelt. Schon darum kann man den Dichter nicht mit solchen Typen, wie dem heuchlerischen Politprofi Schabowski vergleichen. Doch es wirkte auch bei ihm leicht unappetitlich, als er sich so heftig von denen distanzierte, deren Brot er vordem aß.

Doch für solche Überreaktionen könnte man Gründe finden, vor allem die mediale Deutung der Folgen, die Biermanns Ausweisung 1976 hatte. Sicher übertreibt Frau Augstein nicht, wenn sie (wie viele andere vordem) den Umgang der SED-Oberen mit Biermann einen kardinalen politischen Fehler nennt. Doch solch Allüren waren für eine Führung, die das Land nach Gutsherrenart regierte, logisch und selbstverständlich: wen wir reinholen und bei uns aufnehmen, den können wir auch wieder rausschmeißen, wenn er uns anpinkelt. Genauso war die Empörung der linken Künstler und Intellektuellen (damals mehrheitlich um die Vierzig) zu erwarten: sie verstanden sich als mündige Sozialisten und wollten nicht wie Leibeigene behandelt werden. Zwar rangierten nur wenige von ihnen der gesellschaftlichen Stellung nach ähnlich wie Biermann, doch privilegiert waren sie irgendwie alle. Und dieser Protest war tatsächlich grundsätzlicher Art, war Selbstbehauptung und weniger die Solidarisierung mit einem bissigen Egomanen, dem die Heimat verweigert worden ist.

Franziska Augstein hat in ihrer Kolumne gedrängt beschrieben, was danach noch alles passiert ist. Dabei ist das ja logisch: wer ganz links anfängt, kann sich nur nach rechts bewegen. Wie wir an einigen Achtundsechzigern gesehen haben, kann man dabei sehr weit vom Ursprünglichen abkommen. Mal sehen, wie weit es Wolf Biermann noch treibt. „Heute hier, gestern dort – immer da, wo es Applaus gibt“ befindet Franziska Augstein. Und so gehört es zu dieser bewegten Gesinnungskarriere, dass er heute offenbar Vergnügen daran findet, von CDU und SPD in Berlin zum Ehrenbürger gemacht zu werden. Wahrscheinlich wird er irgendwann bemerken, dass diese städtische Huldigung kein richtig cooler Akt war und nicht als Krönung des Dichterlebens gelten kann. Dafür wird er sich selbst kein Bein abhacken, sondern vermutlich den bemühten Stadtvätern was ins Gesicht schmieren wollen.

Einen kleinen Beitrag zu dieser Provinzposse hat die Linkspartei geliefert. Sie fand einen Weg, sich da rauszuhalten. Zunächst versicherte sie, wie hoch sie Biermanns Anteil am Niedergang der DDR schätze, sein Eintreten für die US-Aggression gegen den Irak ihn aber disqualifiziert habe. Dann jedoch beteuerte sie scheinheilig, dass sie da besser gar nicht mitwirke, um dem Herzenswunsch ihres Koalitionspartners nicht im Wege zu stehen – denn der Kandidat könnte die Ehrung ja ablehnen, wenn die bösen Genossen von einst zu den Ruhmrednern von heute gehörten. Viel Lärm hat es wieder einmal um Wolf Biermann gegeben.

[1] Franziska Augstein, Der mit dem Strom schwimmt.
Ehrenbürger Biermann: Heute hier, gestern dort - immer da, wo es Applaus gibt
SZ vom 03.02.2007. Meinungsseite