KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 21 • 2018 • Jg. 41 [16] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2/2006
Konstanze Kriese
Wandel und Verwandlung in vier Akten
Zur Kulturkonferenz der Linkspartei.PDS am 21. und 22. Oktober 2006 in Senftenberg
Kultur und Arbeit I

Über das Senftenberger Theater, die „Neue Bühne“, schrieb eine Kultursoziologin vor nicht all zu langer Zeit: „Dass in quasi bildungsbürgertumsfreien Zonen wie diesen ostdeutschen Regionen Stadttheater … trotzdem breit akzeptiert, gut ausgelastet und oft ausverkauft sind, ist Zeichen für einen Paradigmenwechsel, dessen Bedeutung und Beispielhaftigkeit sich vielleicht erst in den nächsten Jahrzehnten herausstellen wird. …“ [1] Sie beklagte keine Verluste. Sie sah Ähnliches in Schwedt, Anklam und an anderen Stadttheatern in Ostdeutschland. Später werden wir erkennen, dass wir von der Zukunft Europas sprechen, denn die Industriearbeit wird nicht nach Europa zurückkehren. Die älter werdende Gesellschaft wird ihre eigenen Vorzüge und Werte entdecken müssen. Wachstum werden wir neu definieren. Rückbau, Renaturierung werden wir nicht mehr als Durchgangsstufen, als Übergang in eine bessere Zukunft verstehen lernen. Nein, wir leben jetzt. Wir wollen die Übergänge als unser Leben, unsere Kultur, unseren bewussten Umgang mit Vergangenheit und mit unserer Neugier auf die Zukunft verbinden.

In der Niederlausitz erinnert noch heute jede Faser an die Bergarbeiter. Viele von ihnen sind Rentner. Man kann sie unumwunden im Vergleich zur Gesamtbevölkerung der Gegend als vermögend bezeichnen. 2020 soll hier eine riesige Seenlandschaft entstehen. „Sagen sie das doch den Enkeln, was sie vorhaben, wie das Land in zehn Jahren erblühen wird, wie wir der Millionen Jahre alten Erde wiedergeben, was wir ihr in Sekunden entrissen haben…“, so die Empfehlung manch ehemaliger Bergarbeiter. Der Geschäftsführer der Fürst-Pückler-Land GmbH, der Internationalen Bauausstellung, Prof. Rolf Kuhn sagte: „Nein, genau das sage ich nicht. Wenn ich argumentiere, was hier in zehn Jahren sein wird, dann sind alle Jungen weg. Ich muss nicht die Langzeitpläne, sondern die Umgestaltung selbst propagieren, als Ereignis, als Erlebnis, als interessante Gegenwart, als Reservoir für neue Arbeitsplätze, als Ideengeber für jetzt…“

Die IBA-Seeterassen in Großräschen. An diesem Ausstellungsort, an der Schwelle der Vergangenheit und der Zukunft, erfindet sich die Region neu. Hier begann am 21. Oktober 2006 die zwei Tage währende Kulturkonferenz der Linkspartei.PDS zum Thema „Glück auf! Kultur - Bühne der Hoffnung - Die Zukunft von Arbeit und Kultur.“

 Rolf Kuhn
Prof. Rolf Kuhn: Nein, genau das sage ich nicht © DPOM

Ein ehemaliger Bergmann erzählte von der Umgestaltung, von den Kunstprojekten, von den touristischen und architektonischen Pfaden durch die Landschaft, den Industriedenkmälern, einer stolzen Besucherzahl. Er lebt im Heute, sieht, wie seine Lebenswelt geschichtlich, ökologisch und kulturell durchforstet wird. Er weiß, dies ist die einzige Chance, gegen den Schock der Deindustrialisierung eine neue Identität zu erobern. So erarbeitet man sich Hoffnung, Freiraum, Gemeinschaft, eine vielschichtige kulturelle Bindung an die Region.
Katina Schubert, stellvertretende Vorsitzende der Linkspartei.PDS, mischte zum Auftakt die Erfahrungen im Westen mit der rasanten Deindustrialisierung im Osten. Sie wurde auf den Liedermacher Gerhard Gundermann aufmerksam und erinnerte an seinen Song „Frühstück für immer“. „Wie sehr hatte sich da eine Brigade den Ausstieg aus der Arbeitswelt, diesen „Urlaub für immer“ gewünscht. Zu hart war der Arbeitstag, die Fron. So heiß die Sehnsucht nach der freien Zeit. Dann plötzlich erhörte die Fee das Flehen der Industriearbeiter. Und endlich, so zwischen 1990 und 1995 muss es gewesen sein, da gab es dieses herbeigesehnte „Frühstück für immer“. Es schmeckte bitter.
Die Arbeitslosigkeit inmitten einer Welt, die von Arbeit geprägt ist und in der man für gewöhnlich von Erwerbsarbeit gelebt hatte, Männer wie Frauen, in Ostdeutschland…“
Sie entwickelte in einem weiten Kulturverständnis Fragen nach der Veränderung der Arbeitswelt, forderte den genauen Blick auf die Veränderungen in der Lebensweise. Neue Lebensperspektiven zu erproben und zu debattieren. Das sprengt ganz eindeutig das Ressortdenken klassischer Kulturpolitik. Doch es sprengt auch das Selbstverständnis der klassischen Kulturinstitutionen.

 Foerderbruecke als Kulturdenkmal
Förderbrücke als Kulturdenkmal © DPOM


Kultur und Arbeit II

Über das Senftenberger Theater, die „Neue Bühne“, schrieb eine Kultursoziologin vor nicht all zu langer Zeit: „Die erste von 23 Uraufführungen, die er während seiner ersten Spielzeit auf die Bühne bringen will, war Volker Brauns „Was wollt ihr denn“ – ein makaber inszeniertes Stück über die ewige Freizeit, den freudlosen Zwangsurlaub im Arbeitslosenparadies, wie die Lausitz es sich anschickt zu sein. Latchinians Konzept ist es, Theater für die Dagebliebenen zumachen, das vorhandene Publikum ernst zu nehmen.…“ [2] Die Kultursoziologin fand das gut. Sie sah darin die Zukunft kultureller Institutionen in Regionen, die von Arbeitslosigkeit und Abwanderung geprägt sind. Später werden wir erkennen, dass wir von der Zukunft Europas sprechen.

Mitte Oktober begann die Große Koalition, eine Debatte über „Unterschichten“ zu führen. Jene, sollte man an diesem diskriminierenden Begriff festhalten wollen, werden gern als bildungsbürgerfreie Zone beschrieben, vornehm als bildungsferne Schichten, wobei im Dunkeln bleibt, wer da gerade das Recht hat, zu definieren, was Bildung heute ist. Franz Müntefering, offenbar von der Wirklichkeit gänzlich verlassen, löst alle Probleme, indem er Klassen und Schichten aus unserer bunten Republik verbannt. In der bekannt gewordenen, noch unveröffentlichten Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, die den Unterschichtenbegriff gar nicht benutzte, wurden allerdings soziale Schichten gar nicht untersucht, sondern die Selbstbilder von Menschen katalogisiert. Im Ergebnis verstünden sich Menschen als Zugehörige zu Gruppen, die in einer Spanne von „Leistungsindividualisten“ bis zum „abgehängten Prekariat“ einteilbar wären. [3] Das klingt schon eigenwillig genug, ist aber hier nicht Gegenstand weiterer Betrachtungen. Die Dramatik der Studienergebnisse beginnt bei der Einschätzung der Perspektiven der Menschen, die bis weit in die Mitte der Gesellschaft hinein als düster und extrem unsicher eingeschätzt werden. Interessant an der Studie ist allerdings folgendes. In jeder gesellschaftlichen Gruppierung gibt es politisch motivierte Menschen, die den Wandel gestalten wollen, die sich verantwortlich fühlen, gesellschaftliche Integration zu gestalten. Ein Ansatzpunkt, ein Hilfeschrei an die politische Öffentlichkeit. Immerhin.

In diese Debatte hinein plante die Linkspartei ihre Kulturkonferenz, mit Gästen aus anderen Parteien, aus Kultur und Wissenschaft. Aktueller konnte die Veranstaltung nicht sein.


Kultur und Arbeit III

Über das Senftenberger Theater, die „Neue Bühne“, schrieb eine Kultursoziologin vor nicht all zu langer Zeit: „Nicht anbiedernd und auf den vermeintlich den Kulturbedürfnissen von Arbeitern (oder eben Arbeitslosen) entsprechenden Unterhaltungssektor zielend, sondern intellektuell, provokant und mit präziser Sprache und entschiedener Geste …Nicht das bildungsbürgerliche oder das avantgardistische Theater, das den Westen Deutschlands dominiert, sondern ein Theater, dessen Ansprüche sich mindestens ebenso an der konkreten gesellschaftlichen Situation und den kommunikativen Bedürfnissen der ansässigen Bevölkerung wie an der Kunst orientieren, ist das Erfolgskonzept Ostdeutschlands.“ [4] Wir erkennen, wir sollten von der Zukunft Europas, von der Zukunft der Arbeit, der Zukunft der Kultur sprechen.

Feuerkörbe, Theatervorplatz in Senftenberg. Drei Schauspieler und der Intendant, Sewan Lachinian, begrüßten ihr Publikum. Der Intendant übersprang die kritische Distanz und begrüßte vor einigen hundert Menschen die Linkspartei, die nach Senftenberg gekommen war, nicht nur um beim 3. GlückAuf-Fest und unzähligen Premieren den Abend zu verbringen, sondern um auch am morgigen Tage in seinen Räumen ihre Kulturkonferenz durchzuführen. Die 50 Roten sind willkommen. Die Sozialsatire von Dario Fo „Bezahlt wird nicht“ war der Beginn für eine wahrlich ausufernde Theaternacht. Da wird die „Unterschicht“ in ihrem Einfallsreichtum, ihrem Widerstand, ihrer Furcht und gar ihrer gewollten, aber nicht vermochten Gesetzestreue gezeigt. Das Leben wirft die ehrenwerten Orientierungen gründlich durcheinander, verlangt das Umwerten der Ereignisse, einen neuen Zusammenhalt, um aus dem Leben mehr als einen Existenzkampf zu machen. So überhöht das Spiel, so haarscharf landete es mitten in der Wirklichkeit. Dann teilten sich die Zuschauer in Inszenierungen, Filme, Liederabende und begegneten sich bei einer Hommage an Karl Valentin wieder. Die erschien mir ein Jahrhundert zu spät oder ich war ein Jahrhundert zu früh oder schon etwas übermüdet, nur eine Frage ließ mich hinterher nicht mehr los. Was wird aus der Zukunft des Theaters. Als bürgerliche Aufklärungsinstitution sind die Theater dahin. Als postindustrielle Sinnsuchmaschine haben Theater offenbar ganz große Aufgaben. Die „neue Bühne“ Senftenberg ist der Beweis. Sie erhielt dafür 2005 einen ordentlichen Preis. Mehr erzählte der Intendant am Sonntagvormittag.

 Mehr erzählte der Intendant am Sonntagvormittag
Mehr erzählte der Intendant am Sonntagvormittag © DPOM


Kultur und Arbeit IV

Das Senftenberger Theater, die „Neue Bühne“, vor Augen, forderte eine Kultursoziologin vor nicht all zu langer Zeit: „Theater wieder in das gesellschaftliche Zentrum zu rücken, mit und in ihm öffentliche Räume zu okkupieren, es zum Mittelpunkt gesellschaftspolitischer Bewusstseinsbildung zu machen, als Baustelle städtischer Identität zu begreifen – um nichts weniger als dies geht es in einer Situation, in der Arbeit als gemeinschaftsstiftendes Moment für große Teile der Bevölkerung weggebrochen ist, in der Kommunen Insolvenz anmelden und nur noch im Notbetrieb arbeiten, in der öffentliche Kommunikation gemeinhin den Massenmedien anheim fällt, in der sich kollektive Identitäten im Nebel der globalen Verfügbarkeit auflösen oder Kinder und Jugendliche in der Freizeit meist sich selbst und den leeren Bushaltestellenhäuschen oder rechtsradikalen Freizeitangeboten überlassen sind..“ [5] Die Kulturkonferenz der Linken hat begonnen. Die Teilnehmer sprechen von der Zukunft Europas, von der Zukunft von Arbeit und Kultur. Sie analysieren, suchen Auswege. Gerd-Rüdiger Hoffmann, Landtagsabgeordneter der Linkspartei.PDS in Brandenburg, kämpft schon länger für die öffentliche Kommunikation durch die „Neue Bühne“. Selbst als Organisationszentrum gegen Naziaufmärsche hat das Theater schon funktioniert. Jugendklub, Debatten, dürftige Bezahlung… „Egal“ , sagte der Intendant: „Schwierigkeiten sind keine Probleme, sondern interessante Aufgabenstellungen.“ Dabei suchte er ganz ernsthaft Verbündete im weltweiten Kampf zwischen Kultur und Barbarei, frei nach dem Motto Kierkegaards: „Gelebt wird vorwärts, begriffen rückwärts.“ Er plädierte dafür, Kultur zur politischen Pflichtaufgabe zu machen, was dann zu munterer Debatte anregte, doch immerhin hatte er ein knappes Argument parat: Kultur kostet, doch Unkultur kostet mehr. Wolfgang Lenk von der WASG führte uns anschließend in Kritiken des Geistes des Kapitalismus ein. Der Kapitalismus speist sich noch immer, so entwickelte Lenk nach Luc Boltanski [6], ganz gut von seinen eigene Kritikern. Anregendes gipfelte in der Forderung, die sozialen und die kulturellen Kapitalismuskritiken endlich zusammenzubringen. Das kann sich die neue Linke gut hinter die Ohren schreiben, denn wir müssen genauer hinsehen, wenn durch neue Arbeitsbeziehungen, menschliche Freiheit und Kreativität nur noch ausgebeutet und kontrolliert werden. Dafür braucht die Linke ebenso klare Gegenstrategien, wie bei Forderungen nach Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums.

 Wolfgang Lenk von der WASG
Wolfgang Lenk von der WASG © DPOM

Karin Baumert, Stadtsoziologin, erzählte das Märchen vom Dornröschen neu. Auf welchen Prinz will die Region warten, wenn man an der Tropical-Island-Cargo-Lifter-Halle und dem Lausitzring vorbei fährt? Die gelebte Schrumpfung ist das Potenzial. Das Wachstumsparadigma liegt endlich auf dem Tablett. Wir schauen mit ein bisschen Konsequenz tief in den Nord-Süd-Konflikt. Gemeinwesen und öffentliches Eigentum bekommen eine neue Bedeutung. Statt „die Arbeit ist alle“ und Leitsätzen, wie: „Du wirst es schon schaffen“, sollten wir endlich über die Zukunft Europas reden, so war Baumerts erstes Fazit. Wo die Kapitalakkumulation abwesend ist, ist der Beteiligungshaushalt nicht weit. Die Mahnung an die linken Kulturpolitiker folgte auf dem Fuße.

 Karin Baumert: gelebte Schrumpfung ist das Potenzial
Karin Baumert: gelebte Schrumpfung ist das Potenzial © DPOM

Dietrich Mühlberg, Kulturwissenschaftler, spitzte die Prognose der Arbeit und der Kultur zu und meinte, dass es jungen Leuten ganz egal ist, ob in Berlin ein oder drei Opern sind. Er mahnte, die modernen Kulturtechniken nicht außen vor zu lassen und die virtuellen Netzwerke ernst zu nehmen. Die Kulturpolitiker, so Mühlberg, scheinen immerhin eine Ahnung von der Problematik zu haben, in der Bildungspolitik sah er völlige Düsternis an dieser Stelle. Die Linke braucht mehr Kultur, mehr Kulturaustausch zwischen den alten und den neuen Lebenswirklichkeiten, nicht als Ornament der Ansprache, sondern als Lebenskonzept.(Der leicht gekürzte Text des Vortrags hier auf kulturation 2/2006.)

Zum Abschluss der Konferenz erfüllte das Theater in Senftenberg seine neue Funktion. Die Referentinnen und Referenten des Tages stellten sich der öffentlichen Debatte, mit dabei die kulturpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE., Lukrezia Jochimsen, und wurden zu ganz irdischen Ansagen einer breiten Kulturförderung, vom Theater bis zu kleinen Unternehmen überredet. Anknüpfungspunkte für Politik, Alltag und die nächsten Konferenzen gab es viele, weshalb die Teilnehmer und Gäste mindestens mit der kulturellen Utopie von der unentfremdeten Arbeit nach Hause fuhren, hoch motiviert.

Anmerkungen

[1] Kristina Volke, Der Wandel der Kulturlandschaft – Über strukturelle Krisen und ihre Potentiale zur Innovation. In: KULTURATION, 2/2006, www.kulturation.de., zit. 18. 11. 2006.
[2] Ebd.
[3] Vgl. dazu http://www.fes.de/inhalt/Dokumente/061016_Gesellschaft_im_Reformprozess.pdf
[4] Kristina Volke a.a.O.
[5] Kristina Volke a.a.O.
[6] Vgl. Luc Boltanski, Ève Chiapello: Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz 2003.