KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2/2006
Dietrich Mühlberg
Zukunft der Arbeit und kultureller Wandel
Zukunft der Arbeit und kultureller Wandel
Über widersprüchliche Tendenzen in der Arbeit, über abzusehenden kulturellen Wandel und über die Schwierigkeiten, von linker Position kulturpolitisch darauf zu reagieren

Die Linkspartei.PDS hatte den Kulturwissenschaftler Dietrich Mühlberg zu einem Beitrag auf ihrem Kulturforum "Zur Zukunft von Arbeit und Kultur" am 21./22. Oktober nach Senftenberg eingeladen. Nachstehend die leicht gekürzte Fassung seines Vortrags


Die Linke und die Kultur

Die Linke in Deutschland ist dabei, sich in Grundsatzdebatten auf ein übergreifendes Programm zu einigen, das aktuelle und strategische Alternativen zur marktradikalen neoliberalen Politik benennt. Wenn dabei auch unterschiedliche Kapitalismusanalysen und theoretische Traditionsbestände aufeinander treffen, so zeichnet sich doch eine gewisse inhaltliche Einigkeit ab. Gemeinsames Ziel ist eine solidarisch erneuerte, konsequent demokratische Gesellschaft, die allen auskömmliche Arbeit bietet und die die heutigen sozialen Spaltungen nicht mehr kennt. Folgerichtig sind Arbeit, Wirtschaft und Sozialsysteme die Hauptfelder alternativer Politikentwürfe der Linken. Dabei kann die besondere Funktionsweise von Kultur in den Gesellschaften der Gegenwart leicht aus dem Auge verloren werden.

Man kann sogar den Eindruck bekommen, es werde gar nicht recht begriffen, welch umfassend kulturelles Programm diese gemeinsame Absicht beschreibt, die Voraussetzungen für die Vielfalt individueller Lebensentwürfe kollektiv zu sichern. Denn was an den Debatten der letzten Jahre auffällt: von Kultur ist dabei selten oder eher am Rande die Rede. Doch man muss dieses große Wort nicht dauernd im Munde führen, wenn man sich immer bewusst ist, dass über die Legitimität gesellschaftspolitischer Ziele in kulturellen Aushandlungsprozessen entschieden wird und politische Programm nur dann erfolgreich sind, wenn sie mit der kulturellen Verfassung ihrer Adressaten mindestens vereinbar sind.

Aus diesem Grund wohl führen die Kulturpolitiker der Linken eine Art Dauerdebatte über den Zusammenhang von Arbeit und Kultur. Auf ihrem ersten Kulturforum vor zehn Jahren ging es um die kulturelle Wertschätzung der Arbeit in Zeiten der Deindustrialisierung und Massenarbeitslosigkeit, zwei Jahre später um die Arbeitenden in den Kulturberufen und in diesem Jahr wird über die Zukunft von Arbeit und Kultur beraten. Dies wohl nicht ohne Hintersinn, werden doch die diversen sozialen Verflechtungen und Interdependenzen von Kultur an der Arbeit und ihren aktuellen Wandlungen besonders deutlich.


Was ist über die Zukunft der Arbeit bekannt?

Nun kann sofort eingewendet werden, dass der Wandel der Arbeit ein so komplexer Vorgang ist, dass man weit ausholen müsste, um ihn nur in seinen Grundzügen darzustellen: als Wandel der Technologien, der Verkehrsverhältnisse, als Veränderung der Arbeitenden und der Sozialstruktur, als fortwährendes Schrumpfen traditioneller Erwerbsmöglichkeiten usw. Man kann sich vielleicht mit Andeutungen behelfen, weil erstaunlich Neues sich über die Zukunft der Arbeit hierzulande gar nicht aussagen lässt. Die Befunde sind bekannt, einige der Prognosen sind unter Fachleuten umstritten, doch zeichnet sich Folgendes ab:

Die traditionelle Industriearbeit geht weiter zurück und wird sich nur ausnahmsweise in Europa halten können - aber es wird solche Einzelfälle allenthalben geben, die ostdeutschen Regionen zeigen schon heute, wie das aussieht.

Trotz Wirtschaftswachstum und trotz sinkender Bevölkerungszahl wird es wohl keinen Rückgang der (strukturellen) Arbeitslosigkeit geben, die dadurch notwendigen Alimentierungen werden eher steigen.

Neue Arbeitsplätze entstehen in unseren Regionen schon heute vor allem in ausbildungsintensiven „kreativen Industrien“ und daneben in eher anspruchslosen Dienstleistungen (die gern Zuwanderern überlassen werden).

Existenzsichernde Erwerbsarbeit wird aus sozialen und kulturellen Gründen mehrheitlich angestrebt, sie dürfte aber auch weiterhin für größere Menschengruppen dauerhaft oder zeitweise nicht verfügbar sein.

Für eine wachsende Bevölkerungsgruppe dürfte angestrengte anspruchsvolle („kreative“) und selbstregulierte Erwerbsarbeit charakteristisch sein. „Kreativität“ ist inzwischen keine exklusive Eigenschaft von begnadeten Wissenschaftlern, von Künstlern und Sonderlingen mehr, sondern ein Bündel von Tätigkeitsmerkmalen wachsender Gruppen von Beschäftigten. Diese langsam größer werdende Zunft gebildeter und selbstbewusster Leute ist in sich sozial stark geschichtet: vom „Prekariat“ über die „digitalen Boheme“ bis zu den Eliten der Oberschichtenmanager neuer Art (Typus Bill Gates).


Die signalisierten kulturellen Folgen - zwei Themenkomplexe

Die aus diesen Tatbeständen folgenden kulturellen Probleme werden auf verschiedenen Ebenen heftig diskutiert. Einerseits handelt es sich dabei um gesellschaftlich übergreifende Kulturfragen, andererseits sind es die spezielleren des kulturellen Lebens selbst. Kulturpolitik ist auf beiden Ebenen wirksam.

Zu ersteren gehört zunächst die Frage nach den Lebensmöglichkeiten der Arbeitslosen und Ausgegrenzten, nach ihrem kulturellen Profil. Davon abgeleitet ist dann die Suche nach den kulturpolitischen Möglichkeiten, auf ihre soziale und kulturelle Lage zu reagieren. Dahinter öffnet sich die weiter dimensionierte Frage nach der Zukunft der Arbeit. Arbeit ist als zentraler Wert unserer Kultur fragwürdig geworden - leben wir, um zu arbeiten oder arbeiten wir, um zu leben? Wie verändert sich das Leben (der Besitzlosen) ohne den früheren Druck zu lebenslanger Arbeit, mit weniger Arbeit oder gar ohne Arbeit?

Von übergreifender gesellschaftlicher Bedeutung sind auch die sozialen und kulturellen Folgen, die die Veränderungen in der Arbeit für das kulturelle Profil der Arbeitenden haben. Zusammen mit der Ausdehnung der Konsum- und Freizeitsphäre verändern sich ganz offensichtlich in allen sozialen Schichten die kulturellen Bedürfnisse und Handlungsformen.

Zur zweiten Ebene der spezielleren Themen des kulturellen Lebens gehört zunächst der Wandel in den sich ausweitenden kulturellen Berufen, voran die Veränderungen in der sozialen Stellung der hier Beschäftigten. Sie gelten ja geradezu als Prototyp des neuen Selbständigen, zugleich gehören sie in beträchtlichen Teilen zu dem so genannten „Prekariat“, zumindest gilt das für eine große Zahl von Künstlern. Deren soziale Lage ist ein kulturpolitisches Zentralthema.

Gleichfalls zu den „kulturinternen“ Problemen gehören die Überlebens- und Entwicklungschancen der drei großen Bereiche unseres kulturellen Institutionengefüges: der staatlich und kommunal betriebenen Kultureinrichtungen, der Projekte freier Träger und der expandierenden Kulturwirtschaft. Sie sind ein Sektor des Arbeitsmarktes und verkörpern einen bestimmten Typus von Arbeit. Zugleich hängen sie von der Erwerbsarbeit anderer ab, wie sie zugleich bevorzugte Orte und Medien sind, um auch über Arbeit zu kommunizieren.

Schließlich gehört es zu den spezielleren kulturellen Themen, dass der technologische, wirtschaftliche und soziale Wandel der Arbeit tiefgreifende Rückwirkungen auf das kulturelle Leben und den Kulturbetrieb hat. Neue Produktions-, Verbreitungs- und Aneignungsformen verändern das Gefüge der kulturellen Institutionen und lassen neue Kulturformen entstehen.

Für einige der hier angedeuteten Themenkomplexe sei auf Strittiges hingewiesen, aus dem sich möglicherweise kulturpolitische Schlüsse ableiten lassen.


Das traditionelle Bild von Arbeit sollte geprüft werden

Da ist zunächst die grundsätzliche Frage nach der Zukunft der Arbeit. Sie ist heftig umstritten und in allen Programmdebatten betont der jeweilige gewerkschaftliche Flügel die zentrale Rolle der Erwerbsarbeit und hat Vollbeschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt zum Ziel. Und selbstverständlich ist es eine kulturelle Tat, für den Erhalt von Arbeitsplätzen einzutreten. Wenn es in der Linken so etwas gibt, wie eine Kulturfraktion, dann hat die aber mit dem überkommenen Arbeitsethos ihre Schwierigkeiten und beruft sich eher auf jene Wirtschaftsprognostiker, die vom Rückgang oder gar vom Verschwinden der Erwerbsarbeit reden. Offensichtlich muss das traditionelle Bild von Arbeit geprüft und reformiert werden. Der Zusammenhang zwischen „sinnstiftender“ Erwerbsarbeit und sinnvoller Lebensführung dürfte dabei stark relativiert werden. Vielleicht muss man die Debatte über ein „bedingungsloses Grundeinkommen“, das allen eine freiere Entscheidungen in Sachen Arbeit ermöglichte, als eine Art Medium in diesem Verständigungsprozess ansehen.

In der sozialen Realität hat sich das frühere innige Verhältnis zur Arbeit längst relativiert. Hier öffnet sich das große Thema „Arbeitslosigkeit (im herkömmlichen Verständnis) und Kultur“. Eine positive Aufgabe und Leistung jedweder Kulturpolitik besteht ja gerade darin, dies nicht nur allgemein zu konstatieren, sondern die realen Verarbeitungsformen der Verlust-Erfahrungen und die dabei entstehenden positiven Bewertungen von Nichtarbeit aufzugreifen. Kulturpolitisch wären daraus Perspektiven sowohl für jene abzuleiten, die dauerhaft aus der Erwerbsarbeit gedrängt worden sind als auch für jene, die sich bewusst anderen sinnvollen Tätigkeiten zuwenden oder sich als „freiwillig Faule“ verstehen. Es wären also einerseits die Ansprüche derer zu betonen, denen die verlorene Arbeit die Mitte ihrer tätigen Existenz bedeutete, als auch das Spektrum subjektiv sinnvoller Beschäftigungen jenseits der Erwerbsarbeit und ihrer beschämenden Surrogate auszuleuchten. Das muss vielleicht gar nicht betont werden, verfügen doch die Linken unter den Kulturpolitikern in diesem Felde über die größten praktischen Erfahrungen.

Für die Zukunft der deutschen Gesellschaft könnte es noch wichtiger sein, kulturpolitisch positiv auf die neuen, für Europa besonders chancenreichen Formen der Erwerbsarbeit zu reagieren, die sich im letzten Jahrzehnt immer deutlicher ausgebildet haben. Durch den Wandel der Arbeit bildet sich eine neuartige soziale Großgruppe mit neuen Arbeitsanforderungen, neuem (elitären) Selbstverständnis und neuem kulturellen Habitus. Die linke Haltung distanzierter Skepsis gegenüber dieser „neuen Klasse“ ist verständlich, ist die doch mehrheitlich offen für neoliberale Ideologien. Solch berechtigtes Vorurteil sollte aber nicht daran hindern, den damit verbundenen kulturellen Wandel sachlich zu beurteilen und kulturpolitisch entsprechend zu reagieren. Zumal das kulturelle Leben der Gesellschaft längst begonnen hat, sich auf neue kulturelle Bedürfnisse dieser Schichten einzustellen. In dieser Hinsicht scheint „die Kultur“ dem „Bildungswesen“ weit voraus zu sein.


Neue soziale Gruppen verändern das kulturelle Gefüge

Daran sei eine zweite Anmerkung zu dem spezielleren kulturellen Themenkomplexe geknüpft. Von den bereits angedeuteten Wandlungen in den kulturellen Bedürfnisse und Handlungsformen aller sozialen Gruppen sind die der so genannten „gebildeten Mittelschichten“ besonders folgenreich. Sie waren und sind die Träger wie die hauptsächlichen Nutzer der öffentlich unterhaltenen kulturellen Infrastruktur. [Von großartigen Ausnahmen abgesehen, war das auch in der DDR so. Trotz aller Bemühungen, die „Kluft zwischen Künstler und Volk“ und die zwischen „Kunst und Leben“ zu schließen, waren auch hier Angehörige der gebildeten Schichten die Hauptnutzer des staatlich gesicherten Kulturbetriebs - freilich ohne über die Besitzstände der bürgerlichen Mitte des Westens und ihre Möglichkeiten zu mäzenatischer Kulturpflege zu verfügen, entstammten sie doch großenteils besitzlosen Schichten.]

Inzwischen verfällt mit dem kulturellen Werthorizont traditioneller Bürgerlichkeit auch dieses einst selbstverständliche Engagement und wird durch andere Motive abgelöst, sich mit den Künsten einzulassen. Freilich: es gibt das „alte Publikum“ noch, und es ist „im Westen“ auch betucht genug, sich den gewohnten Umgang mit den Künsten zu leisten. Aber es wächst kaum nach. Mit dem Aufkommen neuer sozialer Gruppen verändern sich das kulturelle Selbstbewusstsein und der Umgang mit den Künsten allmählich.

Dieser Wandel folgt selbstverständlich nicht monokausal aus den Veränderungen in der Arbeitswelt, da wirkt ein ganzes Bündel von Faktoren. Dennoch sei gestattet, ihn in dem hier verhandelten Kontext holzschnittartig anzudeuten:

- Das „neue“ Kunstverhalten ist nicht mehr durch Norm, Prestige und eindeutige Distinktion bestimmt, es ist subjektiv-selektiv geworden (ähnlich dem Kaufverhalten im Supermarkt): was mir gefällt, das nehme ich wahr.

- Mit dem neuen Auswahlverhalten fallen die einst für den deutschen Bürger unüberwindlichen Schranken zwischen ernster und unterhaltender Kunst, zwischen E und U, zwischen dem Seriösen und dem Populären. Trash ist im E-Bereich zur Mode geworden.

- Mit den Erwartungen ändern sich auch die Präsentationsformen: galt Sensationshascherei einst als kulturfremd, versuchen sich Kultureinrichtungen heute mit spektakulären Angeboten zu überbieten, um sich so auf dem Markt der Angebote zu behaupten, „Eventkultur“ ist ein Kampf um Aufmerksamkeit.

- Zugleich rechnen die traditionellen Institutionen kultureller Kommunikation mit neuartigen Nutzerschichten und versuchen es, sich auf deren Bedürfnisse einzustellen (zu beobachten an der „Jugendarbeit“). Denn vielleicht ist es ja trotz Eventkultur und Festivalisierung möglich, einen Kreis von Interessierten dauerhaft zu binden.

- Generell ist die Situation eigentlich günstig, denn der Umgang mit Künsten wurde in den letzten Jahrzehnten immer intensiver, und noch nie waren wir so komplett von „ästhetischen Gestaltungen“ umgeben und umlagert. Auch die traditionellen „hohen Künste“ haben daran Anteil, doch ungleich stärker werden neu entstehende Kunstformen favorisiert.

- Dabei verlagert sich für das neue Publikum der Schwerpunkt auf die (in der Arbeitssphäre selbstverständlichen) digitalen Kommunikationsformen und die Kommunikation in frei gewählten „kulturellen Szenen“. Wie in Deutschland nicht anders zu erwarten, mag der traditionell geschulte Blick darin nur selten „Kunst“ oder Kultur erkennen und spricht gern von Verfall.

- Generell werden ästhetische Aspekte in der Arbeits- und Freizeitsphäre immer wichtiger genommen (so erleben wir auch neue Formen kultureller Durchdringung der Wirtschaft, vom „neuen Geist des Kapitalismus“ ist die Rede). Der Bedarf an ästhetisch kreativen Lösungen - und damit die Zahl ihrer „Macher“ – steigt kontinuierlich an. Die Daten der Kulturwirtschaft zeigen das.

- Freilich entstehen viele dieser Bedürfnisse heute eher durch Markt und Internet als durch Familie, Schule und „Kulturbetrieb“. Besonders das Bildungssystem scheint wenig darauf eingerichtet zu sein, den neuartigen Anforderungen in der Vermittlung einer zeitgemäßen „ästhetischen Kultur“ gerecht zu werden. Fraglich ist, ob es überhaupt darauf aus ist, zur Ausbildung des heute nachgefragten kreativen Vermögens beizutragen.


Schwierigkeiten der Kulturpolitik mit den neuen sozialen und kulturellen Milieus

Was wohl für die Kulturpolitiker fast aller Parteien gilt, scheint bei den kapitalismuskritischen Linken besonders ausgeprägt zu sein. Sie haben Schwierigkeiten im Umgang mit den erfolgreichen jungen Leuten in den Zukunftsbranchen. Ursache dürfte die Gegnerschaft der Linken zu den heutigen neoliberalen Eliten, zu ihren politischen und wissenschaftlichen Paladinen, zu ihrer Praxis, zu ihrer Ideologie und zu den wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Veränderungen, die sie als Folge ihres Tuns reklamieren.

Diese Gegnerschaft ist grundsätzlich, kann aber augenblicklich nur wenig Offensivkraft entwickeln. Denn tatsächlich haben ja globale Netzwerkproduktion und Logistik, Flexibilisierung und Informationalisierung der Arbeit, deren individualisierte wie deren global kollektivierte Formen usw. usw. den weltweit agierenden und aktuell bestimmenden Interessengruppen des Neoliberalismus einen enormen Produktivitätsgewinn eingebracht. Das mag gewiss nicht immer so weitergehen, aber dieser Erfolg hat ihren politischen und kulturellen Ideologen einige Glaubwürdigkeit verschafft, die wenig noch durch den Hinweis auf die zu beklagende Folge wachsender sozialer Ungleichheiten und Spannungen zu erschüttern ist.

Die Linke führt momentan einen Abwehrkampf: gegen Sozialabbau, gegen wachsende Armut, gegen die ungerechte Verteilung der enormen Gewinne. Eine große Rolle spielt dabei die ideologiekritische Auseinandersetzung mit den sachlogischen Begründungen neoliberaler Praxen. Aber - und das sei nachdrücklich angemerkt - bei dieser abwehrenden Kritik kann leicht übersehen werden, dass in den letzten Jahrzehnten auch emanzipatorische Möglichkeiten entstanden sind, die die jungen Leute der neuen Berufe und Arbeitsformen zu nutzen versuchen. Schaut man sich deren Erwartungen an - denen unter den gegebenen Machtverhältnissen sicher viel Illusionäres anhaftet - so haben sie einige Verwandtschaft mit den emanzipatorischen Visionen von Karl Marx. Er hat sie in einer ähnlichen Umbruchsituation entwickelt, wie wir sie heute erleben.

Sie wollen, dass Information und Kommunikation frei sind, selbstverständlich global und nicht durch die Profitinteressen von Monopolisten eingeschränkt, alle sollen die verfügbaren Wissensressourcen nutzen können. Ihre Arbeit wollen sie als selbstbestimmtes Projekt verstehen, Flexibilität sehen sie als Herausforderung. Sie wägen zwischen unterschiedlichen Lebensmodellen ab und internationale Mobilität halten sie für selbstverständlich. Wenn sie sich organisieren, bevorzugen sie kollektive, frei gewählte Bindungen. Sie sympathisieren darum mit dem kooperativen Ansatz der New Culture und den dort entwickelten Ideen von einer neuen Art und Weise der Zusammenarbeit. Vom Staat erwarten sie eher, dass er für eine angemessene globale Rechtslage sorgt und dass er sie (wenigstens gelegentlich) materiell absichert, wenn sie sinnvollen Projekten folgen, die nichts abwerfen. Können und müssen junge Leute, die aus ihrer Lebenssituation heraus solchen – insgesamt doch emanzipatorischen - Ideen anhängen, zwangsläufig neoliberalen Ideologien folgen? Müssen sie für die sozial prekären Seiten der von ihnen mitgetragenen Veränderungen blind sein? Können sie nicht für ein Programm Sympathie empfinden, das gesellschaftspolitisch genau das abzusichern bemüht ist, was sie als Ideal erstreben? Kommt nicht die Mehrzahl der jungen Leute bei den Linken aus genau diesen neuen sozialen Milieus?

Es wäre zu bedenken, warum es für (linke) Kulturpolitiker nicht einfach ist, sich den neuen sozialen und kulturellen Milieus zuzuwenden. Da ist zuerst auf die Tatsache hinzuweisen, dass sie selbst im politischen System eher randständig verortet sind. Sie haben als Lobbyisten der „Kulturschaffenden“ (also der Künstler aller Art) gegenüber den anderen politischen Ressorts einen schweren Stand. Ihre Erfolge sind mühsam errungen und gegenüber denen, die die Sachzwänge verwalten, können sie nichts als schöne Worte ins Feld führen: Kultur ist der Luxus, den wir uns leisten müssen – Kultur ist eine notwendige Investitution in die Zukunft. Sie sind darauf angewiesen, dass die „richtigen“ Politiker ihnen zuhören.

In dieser politisch schwachen Position haben sie zwischen zwei widerstreitenden Tendenzen und Interessenlagen zu vermitteln:
Einmal müssen sie sich als politische Lobbyisten des Kulturbetriebs nach Kräften für den Erhalt der (noch) vorhandenen traditionellen kulturellen Strukturen (und der damit verbundenen Arbeitsplätze) einsetzen, wie sie auch deren Bemühen um Anpassung an die veränderte Situation kräftig unterstützen wollen. Zugleich müssen sie sich der schwierigen Aufgabe stellen, die sich neu bildenden kulturellen Strukturen zu erkennen und deren Protagonisten zu fördern.

Diese Doppelaufgabe ist aus mindestens zwei Gründen schwierig zu bewältigen. Einmal selbstverständlich, weil sie es hier mit heftigen Konkurrenzen um knappe Mittel, um Aufmerksamkeit, Prestige usw. zu tun haben. Jede kulturpolitische Entscheidung für ein kulturelles „Projekt“ ist heute eine Entscheidung gegen die Existenzmöglichkeiten anderer. Und in den Haushaltsdebatten sind die Kulturleute Schwächlinge - inzwischen zwar trickreich, dennoch von der Gunst der großen Politik abhängig.

Schwierig ist diese Doppelaufgabe aber auch, weil die Mehrzahl der Kulturpolitiker nach eigener kultureller Gewohnheit, nach „selbstverständlichen“ Wertvorstellungen, nach ihrem Kunstverstand und Geschmack dem „traditionellen Lager“ angehört. Die angedeuteten Veränderungen werden häufig als kulturell bedenklich oder als Verfall beklagt. Mehrheitlich hängen sie traditionellen Kultur- und Kunstbegriffen an, die die realen Veränderungen gar nicht zu berücksichtigen und abzubilden in der Lage sind. Jeder kann das an der Fassungslosigkeit beobachten, mit dem etwa auf das Ansinnen reagiert wird, „Games“ als Kunst (unterschiedlicher Qualität) anzusehen oder die ästhetischen Stilisierungen der Massenmode als relevanten kulturellen Vorgang anzunehmen. Was die sog. „modernen Medien“ angeht, endet die kulturpolitische Kompetenz sowieso schon bei Film, Kino und Fernsehen. Von beispielgebenden Ausnahmen abgesehen, liegt die digitale Welt der heutigen Jugend mit ihrem Überangebot an Künsten aller Art und mit den neuen Möglichkeiten eigenen ästhetische Gestaltens sowieso jenseits des kulturpolitischen Verständnisses.

Das mag übertrieben scheinen, soll aber darauf aufmerksam machen, dass neue und gewiss widersprüchliche Veränderungen in der Arbeit einen kulturellen Wandel induzieren und linke Kulturpolitik Schwierigkeiten hat, produktiv darauf zu reagieren. Zunehmend erfolgreich ist die Linke da, wo sie generell und im Detail gegen die sozialen und kulturellen Ungerechtigkeiten des neoliberalen Regimes auftritt und die Interessen der Vielen und der sozial wie kulturell Benachteiligten verficht. Die Chance, auf die neoliberal vorangetriebene Globalisierung mit einem realistischen und zugleich visionären Kulturkonzept zu reagieren, sich also als die Kulturpartei zu profilieren, ist noch nicht genutzt.