KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 21 • 2018 • Jg. 41 [16] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2/2006
Dieter Kramer
Notizen für einen Text über "Kultur und Arbeitslosigkeit“
Geht man konsequent davon aus, dass auch bei anziehender Konjunktur Vollbeschäftigung nicht mehr erreicht werden wird, so ist Arbeitslosigkeit (als Nicht-Eingliederung in den Arbeitsmarkt) konstitutiver Bestandteil des sozialkulturellen Lebens. Kinder, in Ausbildung Begriffene, Arbeitsunfähige, Rentner sind ohnehin schon Bestandteil des Alltagslebens. Man kann das Prinzip zugrundelegen: Die Politik hat dafür zu sorgen, dass jeder, der arbeiten will (im Lohnarbeits- oder Selbständigen-Status), auch eine Chance dazu bekommen muss (verbunden damit, dass solche Arbeit ein Mehr an Subsistenzmitteln bringt, eine Grundsicherung auf dem allgemeinen Niveau aber jedem zusteht). Das derzeit geübte Prinzip „Jeder der arbeiten kann, muss auch arbeiten“ induziert Arbeitszwang. Wenn „Arbeit für alle zu neuen Bedingungen“ angestrebt wird[1] dann bleibt als Maßstab die Arbeitsgesellschaft.

Zu berücksichtigen ist: „’Erwerbslos’ sein heißt nicht automatisch ‚passiv sein’. Viele Erwerbslose sind ‚am arbeiten’ – meist unbemerkt von Behörden und Öffentlichkeit und ohne Honorierung. Nachbarschaftsengagement und Verantwortung, Kinder- und Jugendarbeit, quartiersbezogenes Engagement, alltags- und soziokulturelles Engagement – in diesen Feldern wird in großem Ausmaß bürgerschaftliches Engagement erbracht.“[2].

Auch Arbeitslose üben „nicht-erwerbsförmige Gemeinschaftsarbeit“ aus [3]. Beispiele sind Betreuung von Kindern, Alten und Kranken im Umfeld usf. Dieses Engagement wird „unbeachtet, versteckt geleistet; es wird in der Regel nicht von Verbänden oder staatlich organisiert; es weist keine festen Strukturen auf; es wird nicht ‚zum Vorzeigen’ geleistet, sondern weil die Verhältnisse es verlangen (z. T. aus Not); es wird überwiegend von erwerbslosen Frauen, insbesondere auch solchen mit geringer Formalqualifikation und ohne berufliche Erfahrungen, erbracht.“ Es wird „sträflich unterschätzt“ [4].

Ein lebendiges kulturelles Milieu (das Ziel der Verpflichtung des Staates, das „kulturelle Leben zu fördern“) ist auch die Voraussetzung dafür, dass unfreiwillig Arbeitslose ebenso wie freiwillig auf Erwerbsarbeit verzichtende Menschen Chancen zu Persönlichkeitsentwicklung und Lebensqualität finden.

Adolf Muschg hat bei einer Diskussion in Salzburg 2006 darauf hingewiesen, wie das moderne arbeits(welt)zentrierte Denken völlig außer Acht lässt, dass philosophisch und von der Antike her gedacht Scholé ja etwas mit Muße zu tun hat: Lernen in diesem Verständnis bezieht sich nicht auf die alltäglichen notwendigen Lebensvollzüge (= Arbeit), sondern auf die Muße, in der Selbstverständigung über den Sinn und die Würde der Existenz stattfindet.

Sollte nicht etwas davon auch in der aktuellen Debatte zu erkennen sein? Das geht nicht in Teilaspekten – ganz oder gar nicht, höre ich die Bedenkenträger. Die Antike überwand die Kluft dadurch, dass sie die Alltagsarbeit den Sklaven (und den Frauen) überließ. Die heute schon gängige Praxis, dies auf Lebensphasen der Individuen zu verteilen (Bildung und Ausbildung, Urlaub und Sabbaticals, Verrentung) kann erweitert werden: Freiwillig gewählte Phasen des Nichtarbeitens (und vielfach wird es sich um solche handeln, nicht um permanente Arbeitslosigkeit) sind der Weg dazu. Zeitmanagement ist ein wichtiger Aspekt dabei: „Eine moderne Zeitpolitik hat zum Ziel, jedem Menschen die Teilhabe an dem sozialen und kulturellen Leben zu ermöglichen, das in und jenseits der Arbeit stattfindet.“[5]

Es lässt sich in diesem Zusammenhang auf die Widersprüchlichkeit und Komplexität des Alltags hinweisen: Beiden Aspekten Rechnung zu tragen erlauben jene Gesellschaften, in denen auch der Bettler seinen Platz hatte. In Zeiten der Massenarbeitslosigkeit stellt sich die Frage nach dem Sinn der gesellschaftlichen Arbeit neu. Es gibt keine „überflüssigen Menschen“. Kein Mensch darf Instrument sein, das Leben ist Selbstzweck und trägt seinen Sinn in sich selbst.

Selbstzweckhaftes Wachstum ist daher nicht legitimiert; der Bezug zu Lebensqualität ist eine Selbstverständlichkeit. Will man in der Politik solchen Prinzipien Geltung verschaffen, sind freilich eine Menge von Problemen zu lösen: Um für eine Gesellschaft nach der Vollbeschäftigung geeignet zu sein, muss heute eine neue Sozialkultur den negativen Folgen von Massenarbeitslosigkeit genauso begegnen können wie sie auf Fragen der gesamtgesellschaftlicher Organisation eingehen muss. Ich nenne die wichtigsten Stichworte:

Auf der subjektiven Ebene muss Sinnerfüllung ohne Arbeit im herkömmlichen Sinne möglich werden. Wilhelm von Humboldt konnte sich eine zehnjährige Auszeit zur Entfaltung seiner Persönlichkeit leisten. Gesellenwandern war früher oft deutlich mehr als die Überbrückung von arbeitsarmer Zeit. Es war Lebenserfahrung und Lebensgenuss. Auch heute darf Arbeitslosigkeit nicht zwangsläufig zu subjektiven Identitätskrisen und Sinnkrisen führen. Die Vorstellung, nur als dienendes und durch Arbeit teilhabendes Glied der Gemeinschaft eine Sinnerfüllung zu finden, muss auf der individuellen und der gemeinschaftlichen Ebene ohne schlechtes Gewissen relativiert werden können. Manche werden ihre Schwierigkeiten haben, mit der Arroganz der Faulheit zurechtzukommen - aber mindestens genauso unangenehm ist die Arroganz des Reichtums.

Auf der gesellschaftlichen und politischen Ebene dürfen die öffentlichen Finanzen nicht durch Sozialleistungen überlastet werden. Aber auch für einen gewollt "schlanken Staat" muss die Abkehr von der Vollbeschäftigung und der Übergang zu einer Gesellschaft der Lebensplätze möglich sein.

Sozialer Instabilität muss vorgebeugt werden. Der Staat wird seine Rolle als zentrale Verteilstelle für sozialen Ausgleich mindestens insofern beibehalten, als er die Rahmenbedingungen für diesen Ausgleich setzt. Wie der informelle Sektor weltweit, haben auch Bürgergesellschaft, Bürgerarbeit und Ehrenamt nur dann eine Chance, wenn das staatliche Gewalt- und Steuermonopol ebenso wie gesicherte Sozialverhältnisse vorhanden sind. Gelingt dies nicht, dann wird die Gesellschaft sich mit ihrer Entsolidarisierung auseinanderzusetzen haben. Öffentliche Sicherheit und Kriminalitätsbekämpfung müssen gewährleistet sein. Es muss verhindert werden, dass eine rücksichtslose Tribalisierung sich zur Aufkündigung der Gemeinschaftlichkeit des Lebens auf dem Territorium auswächst. Je mehr Unabhängigkeit, desto größer wird die Gefahr der Abkoppelung aus der gemeinsamen Verantwortung. Aber die Gesetze gelten für die Nichtarbeitenden wie für die Superreichen oder die Parteien. Die positive Wertung der Nichtarbeit darf die Gemeinschaft nicht zerstören.

Die öffentliche Ordnung muss als eine der sozialen Gerechtigkeit empfunden werden können, auch wenn nicht alle arbeiten. Die Solidargemeinschaft kann die freiwillig Faulen bewusst mit tragen wie sie einst die Bettelnden und die Betenden getragen hat: Ora et labora war das Prinzip einer statischen und nicht zwanghaft auf Wachstum angewiesenen Gesellschaft. Die Arbeitenden brauchen nicht Neid und Hass auf die Nichtarbeitenden zu entwickeln, weil das freiwillige (meist nur temporäre) Ausscheiden aus dem Arbeitsmarkt den Verzicht auf manche Privilegien der Arbeitenden einschließt, gleichzeitig aber auch eine Art von passivem Dienst an der Gemeinschaft ist.

Ökologische Probleme werden auch in dieser Lebensweise nicht alle von selbst gelöst; sie ist keine Einbahnstraße zur Nachhaltigkeit. Aber wenn nicht alle immer mehr vom Gleichen wollen, und wenn kleine Kreisläufe und Selbstversorgung eine größere Rolle spielen, dann verbessern sich auch die Chancen für Nachhaltigkeit. Gegenläufig freilich wirkt sich wachsender Konsum in der arbeitsfreien Zeit aus, Reisen eingeschlossen[6].

In diesem Zusammenhang ist zu erinnern an Gregor Gysis "Zwölf Thesen für eine Politik des modernen Sozialismus" vom August 1999: "Die Verbindung von ökologischem Umbau, Modernisierung der Arbeitsgesellschaft und Begründung einer vielgestaltigen und reichhaltigen Lebensweise könnte einen nachhaltigen Entwicklungstyp schaffen, der die Schranken des fordistischen Kapitalismus überwindet, umweltverträglich wird und die wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine freiere Entwicklung aller ermöglicht."[7] Er solle den "sozial gebändigten Kapitalismus der Nachkriegszeit" ablösen. Das konkretisiert sich zunächst nur in den Forderungen zum Übergang zu "ökologischer Nachhaltigkeit" und einer globalen Offensive zur Überwindung von Armut, Hunger und Unterentwicklung. Dann heißt es: "Eine moderne Arbeitsgesellschaft muss auch eine neue Verbindung von Erwerbsarbeit und schöpferischer gemeinschaftlicher und individueller Eigenarbeit ermöglichen. Die Erschließung reichhaltiger und sinnerfüllter Felder für Gemeinschafts- und Eigenarbeit kann bei der ökologischen Umgestaltung der Lebenswelt beginnen, muss die Rückgewinnung der Gestaltungshoheit über die gemeinschaftlichen Angelegenheiten der Kommunen und Regionen umfassen und wird in die Entwicklung einer Vielzahl sozialer und kultureller Projekte münden."

Das ist nach wie vor die arbeitszentrierte "Tätigkeit" der "Bürgergesellschaft". Aber dann ist auch die Rede davon, dass die Erweiterung der Förderung von Kreativität dafür sorgen soll, dass alle "an Erwerbsarbeit und Eigenarbeit nach dem Maß ihrer Fähigkeiten und ihrer Bedürfnisse partizipieren, Sinn für die Verbindung von Arbeit, Leben und Genuß entwickeln und Erfüllung finden". In Verbindung mit der Forderung nach Überwindung des Massenkonsums und der Massenproduktion durch allgemeine Verfleißigung in dem "fordistischen Kapitalismus" kann das angeschlossen werden an die Vorstellung von einer Gesellschaft, in der auch der freiwillige Rückzug vom Arbeitsmarkt positiv gewertet wird. Gefordert wir die Einführung einer bedarfsorientierten sozialen Grundsicherung für ein menschenwürdiges Leben: "Modern" wären Sozialsysteme, die "den Übergang auf einen neuen, ökologischen Entwicklungspfad und eine neue Verbindung von Wirtschaft und Lebensweise unterstützten." [8].

Das ist mehr als die Bürgergesellschaft. Diese Überlegungen lassen immerhin auch die Einsicht ahnen, dass Sozialismus allein die Probleme nicht löst. Ohne Markt gibt es keine zureichende Allokation von Ressourcen, und neue, ökologisch kompatible Lebensweisen müssen erst entwickelt werden. Der einst im Kapitalismus wie im Sozialismus übliche Hinweis auf die Lösung aller Probleme durch die Erschließung des Springquells gesellschaftlichen Reichtums verliert damit seine Bedeutung. Erst entsprechende Politik macht daraus Lebensqualität, und diese kann durchaus den bewussten Verzicht auf ständig mehr vom Gleichen einschließen. Überlegungen dieser Art gibt es bei Experten aller Parteien, aber selten gelangen sie in den Vordergrund der politischen Diskussion.

Dies ist in einem Text zu Kultur und Arbeitslosigkeit zu berücksichtigen. Vordergründig wird er hinweisen auf den Arbeitsmarkt Kultur, dann auf die Chancen, mit Hilfe der Angebote des kulturellen Systems Zeit zu füllen. In der Haupt-Dimension aber wird es um die Stellung des Menschen, den Sinn seiner Existenz im sozialen Kontext gehen – um das alte Verhältnis von Leben und Arbeit: Arbeitet der Mensch um zu leben, oder umgekehrt?


Anmerkungen

[1] Bericht der Enquetekommission „Bürgerschaftliches Engagement“,) Katja Barloschky: Bürgerschaftliches Engagement im Feld „Arbeitslosigkeit und Soziale Integration“. In: Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ Deutscher Bundestag (Hg.). Bürgerschaftliches Engagement und Sozialstaat. Opladen: Leske + Budrich 2003 (Enquete-Kommission … Schriftenreihe Bd. 3) S. 156
[2].a. a. O. S. 141-158.
[3] a. a. O. S. 142.
[4] a. a. O. S. 143. Es ähnelt in vielen Aspekten dem Engagement von Senioren beider Geschlechter (vgl. S. 147, 155).
[5] In: Zeit ist Leben. Wider die populäre Forderung nach einer Verlängerung der Lebensarbeitszeit. Manifest der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik. In: Frankfurter Rundschau v. 6. Juni 2006, Dok. S. 7; www.zeitpolitik.de.
[6] vgl. dazu Dieter Kramer: Kulturmuster für Lebensplätze. Eine mentale Infrastruktur für die Zeit nach der Vollbeschäftigung. In: Volkskundliche Tableaus. Eine Festschrift für Martin Scharfe zum 65. Geburtstag ... Münster u. a.: Waxmann, 2001, S. 327-243.
[7] vgl. dazu Gerechtigkeit ist modern. Frankfurter Rundschau v. 4. August 1999, (Dok.), S. 22; Vgl. Dieter Kramer: Was kommt nach dem Ende der Vollerwerbsgesellschaft? In: Sabine Hess, Johannes Moser (Hg.): Kultur der Arbeit – Kultur der neuen Ökonomie. Kuckuck … Sonderband 4, Graz 2003, S. 49 – 71, S. 61.