KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 21 • 2018 • Jg. 41 [16] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2/2006
Volker Gransow
Ungeheuer Oben. Brecht fünfzig Jahre danach
Berlin, 14. August 2006. Auf den Tag genau 50 Jahre nach Bertolt Brechts Ableben. Zwei alte Herren diskutieren im Berliner Ensemble “Brecht West - Brecht Ost”. Ernst Schumacher - früher Theater-Kritiker der (Ost-) “Berliner Zeitung” - beklagt eloquent die drei Wellen des Brecht-Boykotts in Westdeutschland nach dem Juni-Aufstand 1953, dem Ungarn-Einmarsch 1956 und dem Mauerbau 1961. Aber sein Kontrahent Günter Rühle - ehemals Feuilletonchef der “Frankfurter Allgemeinen” - ist ebenfalls gut vorbereitet. Er zieht einen Zettel aus der Tasche und dokumentiert, dass die meisten bisher in Deutschland ungespielten Stücke des Dramatikers ihre Premiere in der Bundesrepublik hatten, nicht in der DDR, wo auch erlaubte Brecht-Produktionen unter der Zensur litten.

Gab es also im Brecht-Sommer 2006 nichts Neues in Sachen Brecht? Wurden nur die Schlachten des Kalten Krieges in Deutschland noch einmal geschlagen? Das behaupteten nicht einmal Rühle und Schumacher. Nur gaben sie unterschiedliche Stichworte für eine zeitgenössische Brecht-Rezeption. Rühle meinte, nach dem Zerfall des Realsozialismus käme ohne politischen Ballast Brechts poetische Substanz erst voll zum Tragen. Schumacher hingegen sah Brechts Kritik des globalisierten Kapitalismus heute aktueller denn je. Wir wollen im Folgenden etwas differenzierter nach dem Ertrag der Brecht-Feste 2006 in Deutschland fragen.

Brechts fünfzigster Todestag war Anlass für eine Reihe nützlicher Buchpublikationen. So legte Jan Knopf eine “Bertolt Brecht Basisbiographie” vor. In dem Bändchen gibt der Herausgeber des Brecht-Jahrbuchs und Mitherausgeber der “Großen Berliner und Frankfurter Ausgabe” der Brechtschen Werke einen gut lesbaren Überblick über Leben, Werk und Wirkung, ohne dabei Vieldeutigkeiten und Ambivalenzen zu übersehen. Der Suhrkamp-Verlag brachte Brechts “Judith von Shimoda” nach einem Stück von Yamamotu Yuzo heraus, desgleichen den Briefwechsel mit Helene Weigel und schon 2004 die Zürcher Fassung der Keuner-Geschichten.

Auf ganz andere Weise nützlich ist Martha Schads bereits 2005 erschienenes “Komm und setz dich, lieber Gast. Am Tisch mit Bertolt Brecht und Helene Weigel”. Brecht schätzte alle Künste, vor allem aber die Kunst des Lebens. In diesem Fall geht es um die Kochkunst und ihre Zelebrierung durch Brechts Frau Helene Weigel. Die bayerische Historikerin belegt, wie stark der Alltag von Brecht und Weigel vom Kulinarischen geprägt war, obwohl Brecht selbst kein großer Esser war und trotz lyrischer Branntwein-Exzesse sich mit bayerischem Bier begnügte. Das Buch ist von der Doppelbiografie her strukturiert. Dabei werden die Rezepte farblich hervorgehoben. Auf die Salzburger Nockerln des begabten Fräulein Weigel aus Wien folgen 15 Jahre Exil mit Zwischentiteln wie “die englische Küche ist lebensgefährlich “ oder Auskünften über den Aprikosenduft in Weigels kalifornischer Küche. Die Rückkehr nach Berlin bringt das Brecht-Weigel-Haus in Buckow, wo fleißig Pilze gesammelt wurden und einen Exkurs über Therese Giese und die Weißwurst. Insgesamt sind die Gerichte deftig und traditionell, so etwa die “Fleischklopse in Biersauce”, der “Heringstopf “ oder die “Pfifferlinge mit Speck und Sahnesauce” (vgl. Gunhild Mehlem: “Kochende Kulturen”, Kulturation 2006).

Aus der Fülle der Neuerscheinungen sei noch verwiesen auf “O Chicago”. Hundert Gedichte auf Brecht sind hier versammelt, von “Altmeistern” wie Volker Braun und Robert Gernhardt bis zu dem sich zumindest altmeisterlich gerierenden Durs Grünbein. Ditte von Arnim legt mit “Brechts letzter Liebe” über Isot Kilian eine anrührende Biografie vor, die ein weiteres Mal an der Legende vom Pascha und Frauenausbeuter Brecht rüttelt. Sabine Kebir widmet sich einer anderen wichtigen Brecht-Mitarbeiterin in ihrem neuen Buch über Ruth Berlau “Mein Herz liegt neben der Schreibmaschine” (Algier 2006, vgl. den Vortrag der Autorin am 13. September 2006 bei der “Kulturdebatte im Turm”).

Ausgezeichnet geeignet für Zwecke der universitären und gymnasialen Lehre wie für die politische Bildung ist die von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebene Zeitschrift “Aus Politik und Zeitgeschichte” (Beilage zum “Parlament”, Nr. 23-24/2006). Der Berliner Kultursoziologe Günter Erbe stellt hier dem Dramaturgen des Berliner Ensembles, Hermann Beil, einige Schlüsselfragen. Auf die Frage nach der “durchschlagenden Wirkungslosigkeit des Klassikers” etwa, die Max Frisch Brecht einst attestierte, antwortet Beil: “Das Theater ist als Ort des unmanipulierten Wortes immer gefährdet, aber dadurch wirkungsvoll.” Und diese Wirkungskraft wird in weiteren Beiträgen von Sabine Kebir, Jan Knopf und Marc Silberman eindrucksvoll bestätigt.

Der Brecht-Sommer 2006 beschränkte sich aber keineswegs auf Publikationen. Schon im Juli 2006 richtete Brechts Heimatstadt Augsburg ein viertägiges Festival aus. Auch unter der Schirmherrschaft von CDU-Kulturstaatsminister Neumann und ganz in der Nähe eines Trachtenladens mit “Sportalmdirndl” und “Wilddiebweste” zelebrierten Schriftsteller von Volker Braun bis Feridun Zaimoglu den Lyriker Brecht und seinen Einfluß auf ihr Werk. Damit es nicht zu weihevoll wurde, gab es noch “Tocotronic”, den “Beat-Box-Brecht” und den “ABC Poetry Slam”. “Das ist ja hier wie in Woodstock”, soll jemand gerufen haben. Die romantische Brecht-Kahnfahrt durfte sowenig fehlen wie Symposien zu “Brecht und der Tod” (in Ausgsburg und Buckow).

Ausgsburg war vielleicht so wenig Woodstock wie der Berliner Brecht-Sommer. Aber mit dem Brecht-Fest 2006 zeigte das Berliner Ensemble eine bisher quantitativ wie qualitativ noch nicht dagewesene Leistung. Zu den 72 Vorstellungen vom 12.8. bis zum 3.9. 2006 kamen rund 17 600 Besucher. Das entspreche “einer Auslastung von sage und schreibe 95,76 Prozent”, so BE-Intendant Claus Peymann. Jeden Abend sang, sprach, rauchte und winkte auf dem Bertolt - Brecht - Platz ein von Karl-Ernst Hermann gestaltetes Brecht-Monument. Im Inneren des Brecht-Theaters gab es derweil oft simultan Vorführungen, Gastspiele, Lesungen und Diskussionen.

Dabei boten die Gastspiele immer wieder überraschende Sichtweisen auf Brechts Aktualität. Erwähnt seien das Städtische Theater Komedija aus Zagreb, das mit “Mutter Courage” sich dem eigenen Kriegstrauma stellte, das Tokyo Engeki Ensemble mit “Leben des Galilei” in fast zeremonieller Klarheit, und die Compagnia Lombardi-Tiezzi aus Florenz, die Brechts “Antigone des Sophokles” klassisch-tragisch begann und plebejisch-komödiantisch enden ließ. Aus Dessau waren 70 Schülerinnen und Schüler mit dem “Jasager” und dem “Neinsager” gekommen. Sie zeigten das ganze Potenzial dieser Schuloper, die von manchen noch heute als dogmatischer Irrweg missverstanden wird.

Viele Veranstaltungen waren ausverkauft; die im Zentrum stehende Brecht-Gala wurde von der ARD übertragen, so dass ein Millionenpublikum teilnehmen konnte. Die Revue war von Hermann Beil, Jutta Ferbers und Claus Peymann perfekt inszeniert worden. Sie hieß “Ungeheuer Oben” in Anspielung auf eine Textzeile aus Brechts früher “Erinnerung an die Marie A”. Der Berichterstatter und Begleitung saßen tatsächlich “ungeheuer oben” (im II.Rang rechts letzte Reihe) und können bestätigen, dass die Gala auch “ungeheuer oben” ein Genuss war. Es traten auf Schauspielerinnen wie Carmen Maja Antoni, Gisela May, Angela Winkler, Sänger wie Max Raabe und Dominique Horwitz und Schauspieler wie Manfred Karge und Thomas Tieme. Die Kessler-Zwillinge überraschten mit den “sieben Todsünden”, Klaus Wowereit las ganz passabel einen ironisch ausgesuchten Brecht-Text über “die Regierung”. George Tabori war persönlich erschienen. Stargast in der Starparade war Milva aus Mailand mit ungebrochenem Temperament. Peymann war einst angetreten, um die BE-“Hausgespenster” wie Brecht und Heiner Müller zu vertreiben. Davon war nichts zu merken.

Diese Brecht-Gala am 12.August 2006 war ein künstlerischer Höhepunkt des Brecht-Sommers. Sie demonstrierte gerade auch die Bandbreite des Brechtschen Schaffens und seine Kompabilität mit Show und Pop. Dem entsprach Klaus Maria Brandauers “Dreigroschenoper” im renovierten Admiralspalast auf der anderen Seite der Friedrichstraße gleichsam seitenverkehrt: ein absoluter Tiefpunkt. Freilich trifft Ulrich Greiners Diktum (in der ZEIT vom 17.August 2006) nicht ganz zu: “Pünktlich zu seinem 50. Todestag ist Bertolt Brecht in Berlin öffentlich hingerichtet worden”. Nicht Brecht wurde hingerichtet, sondern ein unfähiger Regisseur dokumentierte, dass er ungeeignete Film-Schauspieler und ein überfordertes Orchester mit einem konventionellen Bühnenbild kombinieren konnte. Zu loben war eigentlich nur die Werbekampagne. Das Publikum war’s gleichwohl zufrieden; Josef Ackermann und seine Deutsche Bank als Hauptsponsor wohl auch (DB-Slogan für einen Kreativwettbewerb: “Pimp my Brecht”). Der Autor dieser Zeilen verdrängte kurz die Frage, warum die Brecht-Erben kürzlich dem brillanten kanadischen Regisseur Robert Lepage die Aufführungsrechte für die “Dreigroschenoper” versagten, dieses Machwerk aber genehmigten und tröstete sich mit dem Brechtschen “Es geht auch anders, aber so geht es auch”.

Im Fernsehen zeigte Joachim Lang auf “Arte” am 28. Juli 2006 einen Brecht, dem Lebenskunst und geistige Unabhängigkeit das Wichtigste waren und beseitigte damit vielleicht das eine oder andere Klischee. Wenig ergiebig war die Spezialsendung des “Literarischen Quartetts” im ZDF am 11.August 2006. Helmuth Karasek demonstrierte, dass ihm seit seinem Beitrag im “Spiegel” 1978 (“Brecht ist tot”) nichts Neues eingefallen war; daran konnten auch Rühmkorf und Reich-Ranicki nichts ändern. Leider noch nicht im Fernsehen zu sehen war der sehr TV-geeignete neue Dokumentarfilm “Bertolt Brecht - Bild und Modell”. Peter Voigt, Erdmut Wizisla und Harald Müller bieten hier Materialien aus dem Brecht-Archiv, darunter erste Filmaufnahmen von “Mann ist Mann” aus dem Jahre 1931.

Brecht gab der Weltliteratur Figuren wie Seeräuber-Jenny, Mutter Courage, den Arturo Ui, die “Judenhure” Marie Sanders oder die unwürdige Greisin. Der Brecht-Sommer 2006 bewies, dass dies künstlerische Potenzial keineswegs ausgeschöpft ist. Desiderata wären etwa:

- eine mit den besseren Archivmöglichkeiten nach 1989-90 möglich gewordene umfassende Brecht-Biografie (John Fuegi hatte diese Chance 1997 verschenkt);

- ein neuer Blick auf (aus politischen Gründen) als “sperrig” geltende Stücke wie “Die Rundköpfe und die Spitzköpfe” oder den “Herrnburger Bericht” vom FDJ-Deutschlandtreffen;

- eine gründlichere Auseinandersetzung mit Brecht und den Themen Antisemitismus, Judentum, Holocaust;

- ein komparativer Blick auf Brechts literarisches und reales Verhältnis zu USA und UdSSR (inklusive einer Aufarbeitung der FBI- und KGB-Akten).

Gleich, ob wieder einmal ein Jubiläum ansteht oder nicht.