KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 21 • 2018 • Jg. 41 [16] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2/2006
Günter Mayer
Kritische Theorie, Kultur und Macht
X. Internationale Konferenz des Berliner Instituts für kritische Theorie
Es war nun schon die X. Internationale Konferenz des InkriT, die in diesem Jahr zu Pfingsten (2. - 5. Juni) im Tagungshotel Esslingen bei Stuttgart stattgefunden hat. Knapp 100 Teilnehmer aus 13 Ländern (Bundesrepublik Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Kanada, Mexiko, Niederlande, Österreich, Schweden, Schweiz, Spanien, Türkei, USA) haben aktiv dazu beigetragen, dass die unter dem Dachthema "Kritische Theorie, Kultur und Macht" geplanten 36 Einzelveranstaltungen mit guten Zwischenresultaten und vielseitigen Anregungen für die weitere Arbeit erfolgreich realisiert werden konnten.

Und darin liegt das Besondere der InkriT-Konferenzen: sie sind vor allem konzentrierte Beratungen von Autoren, die am großen weltweiten Projekt Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus bereits vor – und nach - der Konferenz fast durchgehend auf der Ebene des Internet in vielseitigen nationalen und internationalen Kontakten mitarbeiten und jeweils einmal im Jahr zusammenkommen, um die bisherigen Resultate der Arbeit am jeweiligen Band – es ist nun der Band 7 (Kaderpartei bis Krisentheorien) und wenige Beiträge zu späteren Bänden (8, 9 und 10) zu diskutieren, auf den aktuellen Stand der gesellschaftlichen Widerspruchsbewegung und der wissenschaftlichen Diskurse hin zu konkretisieren, die vorhandenen Kräfte zu stimulieren und neue einzubeziehen. Diese ergebnisorientierte, kollektive Projektarbeit unterscheidet die InkriT-Konferenzen sehr deutlich von den allgemein üblichen wissenschaftlichen Kongressen/Konferenzen von Philosophen, Historikern, Kunstwissenschaftlern, Ästhetikern usw., wo Referateketten und Round-Tables meist unverbindlich aufeinander folgen, häufig kaum aufs allgemein vorgegebene Thema bezogen sind und bestenfalls in Protokoll-Bändern gebündelt publiziert werden.

Und schließlich besteht der wesentliche Vorzug darin, dass die Teilnehmer in den InkriT -Konferenzen in den vielen Facetten der gemeinsamen Arbeit am HKWM-Projekt seit 1994 regelmäßig konzentriert die Formierung und Förderung der internationalen, marxistisch orientierten wissenschaftlichen Community sinnlich und theoretisch erleben und mitgestalten.

Dementsprechend wird in jeder dieser Konferenzen angestrebt, die Teilung zwischen Sprechenden und Zuhörenden zu reduzieren, im Brechtschen Sinne möglichst viele der Teilnehmer zu Wort kommen zu lassen und sie aktiv in die Arbeit einzubeziehen. Die hauptsächliche Arbeitsform sind daher die Wörterbuch-Werkstätten: in ihnen wird die in der Regel bereits vor Beginn der Konferenz formulierte Konzeption, bzw. Version des betreffenden, ins Konferenzprogramm aufgenommenen Stichworts vom Autor vorgestellt (in 20-30 Minuten), gefolgt von verschiedenen Kommentaren (Voten zu je 5-10 Minuten), die auch schon meist vor Beginn der Konferenz bestellt worden sind. In diesen Voten geht es darum, das Problemfeld des Stichwortes zu klären, kritische Hinweise zu seiner Struktur zu geben, auf zusätzliche weitere Materialien, Quellen zu verweisen, nicht nur Fragen zur Aktualisierung des theoretischen Feldes aufzuwerfen, sondern dem Autor auch konkrete Vorschläge zu weiteren Quellen, zur Konkretisierung und möglichen Konzentration des Textes, seiner Abgrenzung von sachlichen Überlagerungen mit anderen Stichwörtern zu unterbreiten, auch persönliche Zuarbeit anzubieten usw. Danach ist das Gespräch für alle anderen Teilnehmer des Workshops offen. Dieser wird jeweils von einem vorher bestellten Moderator geleitet.

In diesem Jahr gab es je eine Wörterbuch-Werkstatt zu den folgenden Stichwörtern von Bd. 7:

Kapitalismus; kapitalistische Produktionsweise; Katastrophe; Kausalität; Kazikentum; Kinder; Kitsch; Klasse/Rasse/Geschlecht; Klasse an sich, Klasse für sich; Klientelismus; Klonen; Knechtschaft; Köchin; Kommune/Pariser Kommune; Kontingenz; Korruption.

Im Vorgriff auf Bd. 8 gab es je eine Wörterbuch-Werkstatt zu: kulturelles Kapital, und Macht und Marktsozialismus, im Vorgriff auf Bd. 9 eine zu Migration, im Vorgriff auf Bd. 10 eine zu Neue soziale Bewegungen.
Neben den Werkstätten gab es Round-Tables zu den Themen: Neuer kritischer Marxismus in Russland sowie zu China quo vadis? und Necla Kelek und der Aufstand der Migrationsforscher.

Schließlich wirkten in der Konferenz als Klammer für alle Teilnehmer einige Plenarveranstaltungen, einmal bezogen auf ein wesentliches Stichwort von Bd. 7: zu Krieg; sowie im Hinblick auf die allgemeinen Themen Umrisse marxistischen Philosophierens und How To Live When Communism is a Necessity but Not a Given?

In diesem Jahr war noch ein zweites Projekt in das Programm der Konferenz aufgenommen worden: die Neugestaltung der Zeitschrift Das Argument, d.h. Beratungen über die Linie, Projekte, Autoren, Konflikte, über neue kollektive Arbeitsformen, die künftig ebenfalls jährlich unter dem Dach des InkriT bilanziert werden sollen. Anlass dafür ist die Neugründung der Zeitschrift, mit der auf Grund der Veränderung der bisherigen Daseinsbedingungen der Zeitschrift eine den Zeiten des Internet und der Internationalisierung des akademischen Arbeitsmarktes entsprechende Organisationsform entwickelt werden soll.

Es geht darum, einen anstehenden Vergesellschaftungsschub der Zeitschrift zu erreichen, um im gnadenlosen Überlebenskampf am Markt die wissenschaftlichen Rationalitätspotentiale der Linken zu bestärken und die Argument-Kultur gegen rationalistische Verengungen auf der Seite der Linken zu verteidigen, d.h. die Tradition einer linken Theoriezeitschrift fortzusetzen, die unter Verzicht auf Illustrationen und andere Mittel populärer Massenkommunikation versucht, die Sache der Unterworfenen im Sinne Gramscis mit den besten Elementen der Hochkultur zu verbinden. Die Arbeit an der Zeitschrift wie am Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus vollzieht sich in einem Netzwerk, in welchem sich ständig neue Netze knüpfen und alte wieder auflösen. Insofern ist die Struktur als eine lernende angelegt, verbunden mit der Intention, dass mit der neuartigen Einbindung der Zeitschrift ins Milieu des InkriT die Fortführung des Gesamtprojekts im Hinblick auf das absehbare Ausscheiden seiner Gründer angebahnt werde.

Wolfgang Fritz Haug hat in seiner Begründung einige wesentliche Argument-Maximen in Erinnerung gerufen: "Schreiben, als ob es darauf ankäme (das Privileg der Ohnmacht verschmähen); erwiderbar schreiben; die Rationalitätspotentiale der Linken stärken (Abendroth); die Widersprüche herausarbeiten (Widerspruchsansatz) statt Opferdiskurs und ‚politischer Korrektheit’; nichts Vorhandenes verdoppeln; Stilfragen sind Hegemoniefragen."

Den Kern der Neugründung bilden im Rahmen des InkriT zwei neu geschaffene Institutionen: 1. Der wissenschaftliche Beirat (dem ca. 150 Mitglieder angehören) und 2. Die Projektredaktionen. Letztere bestehen nur auf Zeit. Die Mitglieder aller jeweils heftbezogenen Projektredaktionen bilden zusammen mit den Herausgebern, der Gesamtkoordinatorin und den Rezensionsredakteuren die Redaktionsversammlung, in welcher Heftthemen und Textangebote beraten und die zum Themenschwerpunkt hinzukommenden aktuellen Analysen und sonstige Beiträge und Editorialentwürfe diskutiert und bearbeitet werden. Während sich die Redaktionsversammlung mit der Bildung und Auflösung der Projektredaktionen im Rhythmus des Erscheinens der Hefte fortlaufend umschichtet, sind permanent arbeitende Organe der Zeitschrift die Herausgeber: Frigga Haug, Wolfgang Fritz Haug, Peter Jehle, die Gesamtkoordinatorin: Vanessa Lux und die Rezensionsredakteure: Richard Heigl (Geschichte); Peter Jehle (Literatur); Ingar Solty (Soziale Bewegungen und Politik); Thomas Weber (Kultur); Wolfgang Fritz Haug (Philosophie); Jutta Meyer-Sieber/Frigga Haug (Frauenredaktion). Permanent besteht auch der wissenschaftliche Beirat, der in Planungsangelegenheiten konsultiert wird und wesentlicher Teil des personellen Hintergrunds ist, aus dem sich die jeweiligen Projektredaktionen rekrutieren und: dessen Mitglieder pro Jahr eine Rezension zu schreiben haben.

Zu diesem Gesamtkomplex fand bereits am ersten Tage der Konferenz nach der Eröffnung ein Plenum statt: Zur Argument-Neugründung. Diesem folgten Argument-Heftprojekte zu den Themen Kapitalismuskritik und/oder Anti-Kapitalismus; Frauenredaktion: Liebesverhältnisse; Kulturwissenschaften/Kulturimperialismus; Zur Situation an den Hochschulen; China in Bewegung.

Am Sonntag, dem 4. Juni fand ein Feier-Abend statt: Zehn Jahre InkriT. Die Programm-Ankündigung wurde so realisiert wie angekündigt: Am Klavier Mathias Spahlinger und Gerd Rienäcker; Günter Mayer singt und führt durch den Abend; Volker Braun und Karen Kramer-Ruoff lesen Gedichte; Wolf Haug erzählt aus dem Innenleben eines Herausgebers von vor vierzig Jahren und lässt zu seinem Siebzigsten eine Runde springen; den satirischen Biss liefert der Stuttgarter Anstifter und Kabarettist Peter Grohmann.

In der Auswertung der X. Konferenz ist Übereinstimmung erzielt worden, dass die XI. vom 7. – 10. Juni 2007 wiederum in Esslingen stattfinden soll.